Man musste das Memminger Stadion gar nicht betreten, um zu begreifen, was der TSV 1860 München mit den Menschen macht. Was er auslöst, wenn er in dieser noch jungen Saison der Regionalliga Bayern raus aufs Land fährt. Unter den Baumkronen hinter der Haupttribüne, etwa 50 Meter vom Rasen entfernt, hinter dem Zaun, der das Stadiongelände begrenzt, standen ein paar Fans und lugten zwischen den Stäben hindurch. Sie hatten keine der 5000 Karten ergattert und wollten von dort wenigstens das erhaschen, was die Sicht eben hergab.Allzu viel war das zwar nicht, doch es genügte, um nach gut zehn Minuten einen passablen Blick auf den ersten Treffer des Abends zu haben: Emre Erdogan setzte sich auf der linken Seite durch und fand Florian Niederlechner mit einer flachen Hereingabe – der Angreifer hatte keine Mühe, den Ball aus sechs Metern über die Linie zu drücken.Es war eine Anfangsphase, die viel versprach und dann doch wenig halten sollte. Am Ende gewann Sechzig zwar 3:0 und durfte damit im dritten Saisonspiel seinen ersten Sieg feiern, das Ergebnis war aber trügerisch.TSV 1860 München:Das „Project Grünwald“ und die geheimnisvolle Frau Kinga MalecNoch kurz vor dem Lizenzentzug wollte das Lager von Investor Hasan Ismaik alle Prozesse bei 1860 forensisch durchleuchten lassen – und eine Beraterin spielte eine fragwürdige Rolle. Das dürfte noch Folgen haben.„Wir sind noch nicht da, dass wir über 90 Minuten den Fußball spielen können, den wir spielen wollen“, sagte Mittelfeldmann Tunay Deniz nach der Partie. Die Mannschaft habe sich „an Memmingens Fußball angepasst“ und am Ende auch deshalb so deutlich gewonnen, weil das Team „natürlich auch individuelle Qualität“ habe. Das war also die Erkenntnis dieses Freitagabends von Memmingen: Der TSV 1860 München ist noch nicht der, der er sein will – aber selbst der, der er gerade ist, ist schon gut genug, um mit 3:0 bei einer Mannschaft zu gewinnen, die aus den ersten drei Spielen neun Punkte geholt hat.Der Investor ist Geschichte, alles fühlt sich nach Loslassen und Loslaufen anIn der ersten und zweiten Bundesliga gibt es Trainer-Vereine wie den SC Freiburg und den 1. FC Heidenheim, es gibt aber auch Spieler-Vereine wie den FC Bayern oder Bayer Leverkusen. Etwas weiter unten, in der Regionalliga Bayern, zeigt Sechzig nun schon seit ein paar Wochen, was ein Fan-Verein ist. In Giesing hat der Sturz in die Viertklassigkeit Kräfte freigesetzt. Nach 15 Jahren der Lähmung spüren sich die Löwen jetzt wieder. Der Investor ist Geschichte, alles fühlt sich nach Loslassen und Loslaufen an, nach Aufbruch und Aufschwung, ja vielleicht sogar nach Wiedergeburt oder Wiederbelebung. Das ist es, was Sechzig umgibt. Eine Fangemeinde in einem Freudenfest, ganz Giesing im Glücksrausch.Seit dem zweiten Zwangsabstieg binnen neun Jahren definieren sich die Löwen mehr denn je über ihren Anhang, aber wer die Mannschaft ist, die für diesen Anhang spielt, was sie ausmacht, was man von ihr erwarten kann, all das weiß man noch nicht so recht. Und so waren es auch in Memmingen die Gefühle, die wieder einmal alles überstrahlten. „Es tut für alle einfach unfassbar gut, dass wir den ersten Sieg geholt haben – wenn auch auf eine Art und Weise, die mit Sicherheit noch Luft nach oben hat“, sagte Torhüter Vitus Eicher und räumte dann ein: „Das Spiel mit Ball können wir definitiv verbessern. Wir haben viele Bälle hergegeben.“Sechzig-Torwart Vitus Eicher ist bei einem Freistoß nicht zu bezwingen. Hafner/Nordphoto/ImagoEigentlich will Trainer Alper Kayabunar einen dominanten Fußball spielen lassen. Hohes Pressing, kurze Pässe, seine Mannschaft als diejenige, die die Richtung vorgibt. Das ist die Idee, doch jetzt müssen die Löwen erst einmal die Erfahrung machen, was es heißt, als großer TSV 1860 München in alle Ecken Bayerns zu fahren und dort auf Gegner zu treffen, die bis an die Stutzen bewaffnet sind und das Spiel des Jahres ausrufen, wenn die Löwen kommen.Je länger die erste Hälfte an diesem Freitagabend in Memmingen voranschritt, desto mehr ließ sich Sechzig den Taktstock aus der Hand nehmen. Die Fehler häuften sich, die Abwehr geriet ein ums andere Mal in die Bredouille – und so konnte sich Kayabunars Mannschaft glücklich schätzen, dass es zehn Minuten nach dem Seitenwechsel plötzlich 2:0 stand, als Lance Fiedler überlegt einschob.Zwischen Niederlechners und Fiedlers Tor hatten die Gastgeber gleich mehrere Gelegenheiten gehabt, das 1:1 zu erzielen, doch am Ende versank auch Memmingen im Löwentaumel: In der 90. Minute war es Michael Eberwein, der mit einem herrlichen Schlenzer das 3:0 erzielte – die letzte Pointe des Abends. Und die Gefühle brachen sich schon wieder Bahn.
Der TSV 1860 in der Regionalliga: Die Löwen spüren sich wieder, auch in Memmingen
Im dritten Regionalliga-Spiel fährt 1860 den ersten Sieg ein. Spielerisch verströmt das Team beim 3:0 noch nicht die erhoffte Leichtigkeit.










