Man konnte seinen Augen kaum trauen, doch die Indizienlage war eindeutig. Die Spieler des TSV 1860 München hatten sich in einer Reihe aufgestellt. Vor ihnen warteten Schiedsrichter in schwarzen Leibchen – und am Spielfeldrand, etwa zehn Meter vom Mannschaftstunnel des Schweinfurter Sachs-Stadions entfernt, lag ein Ball auf einer Säule, bereit, zum Spielball zu werden, wie es der Klub 15 Jahre lang für den Investor Hasan Ismaik gewesen war. Es deutete also alles darauf hin, dass es bei den Löwen jetzt tatsächlich nicht mehr um die Irrungen und Wirrungen des Löwenlogos gehen sollte, um Lizenz und Insolvenz, um Geschäftsführer und Nebengeschäftsführer.Sollte es jetzt – man traute sich ja kaum, es in Betracht zu ziehen – vielleicht sogar um Fußball gehen?Mode:Wir sind so freiDabei gut aussehen ist alles: 1860 spielt jetzt in der Regionalliga, dafür haben sie neue Trikots. Und was für welche – mit einer Botschaft an den Investorenfußball dieser Tage.Es dauerte exakt 101 Sekunden, bis die Löwen eine Antwort nach Löwenart gaben: Der Ball lag hinter Vitus Eicher im Münchner Tor, der 1. FC Schweinfurt 05 führte 1:0. Es ging also tatsächlich um Fußball am Samstagnachmittag, doch das Chaos, das in diesem Sommer abseits des Platzes um sich gegriffen und den gesamten Klub auf links gedreht hatte, setzte sich erst einmal auch auf dem Platz fort.Eines musste man den Löwen aber von Anfang an zugutehalten: Diese 90 Minuten von Schweinfurt, auf dem Papier ein Regionalligaspiel, glichen einer Stegreifaufgabe. Einer Probe, auf die sie sich nicht so recht vorbereiten konnten, bei der ihnen dann aber nicht weniger als 7567 Menschen auf die Füße schauten. Die Sechziger hatten zwar alles getan, um gerüstet zu sein – aber wie sollten sie auf jede einzelne Frage, die ihnen an diesem Tag gestellt wurde, eine Antwort haben, wenn sie vor ein paar Wochen nicht einmal eine Ahnung hatten, wer ihnen die Fragen überhaupt stellen würde?Die Spieler des TSV 1860 durften bei ihrer ersten Prüfung des neuen Jahres also eine ganze Reihe an mildernden Umständen ins Feld führen. Sie wussten dann aber doch erstaunlich viel und hatten auch dort, wo sie blank waren, wenigstens was hingeschrieben. Das genügte für ein 2:2, ein Resultat, mit dem Trainer Alper Kayabunar „im Großen und Ganzen leben“ konnte, wie er sagte, vor allem „mit der Art und Weise im allerersten Spiel“.Trainer Kayabunar befand anschließend: Es wäre sogar mehr möglich gewesen.Tatsächlich wirkten die Münchner nur anfangs ziemlich überrumpelt, als der Lehrer das Klassenzimmer betrat, schelmisch grinste und mit den Prüfungsblättern wedelte. Dann verflog die Aufregung, und Kayabunars Schüler hatten derart viele Einfälle, dass den Coach am Ende sogar „ein bisschen das Gefühl“ beschlich, „dass mehr drin war“.Nach dem frühen 0:1 durch Jason Prodanovic (2.) belagerten die Löwen die gegnerische Hälfte, wurden ein ums andere Mal besonders durch Florian Niederlechner gefährlich und kamen schließlich durch Michael Eberwein zum überfälligen 1:1 (34.). Später hatten sie auch auf das 1:2 von Michael Dellinger (65.) eine Antwort durch Arian Ortivero Calderon (70.) parat.Wie hoch es zu bewerten war, was Sechzig trotz des Notbetriebs ablieferte, ließ sich beispielsweise an Dennis Dressel ablesen. Nach 15 Jahren bei den Löwen war der Mittelfeldspieler 2022 Richtung Rostock aufgebrochen, um dann über Graz und Ulm Anfang der Woche wieder nach Giesing zurückzukehren. Obwohl er zwei Monate lang kein Spiel bestritten und nicht einmal eine Handvoll Trainingseinheiten hinter sich hatte, führte er die Mannschaft in Schweinfurt als Kapitän aufs Feld und ging auf Anhieb voran.Man habe „schon ein paar Punkte gesehen, auf denen man aufbauen kann“, sagte Dressel später und sprach auch davon, welch „spezieller Moment“ es doch sei, „zu Sechzig zurückzukommen. Es ist ja eine sehr besondere Situation mit dem Neustart. Man kann Historisches schaffen mit den Löwen – da möchte ich mitwirken“.Und ein Anfang ist nun gemacht mit dem ersten Spiel nach eineinhalb Jahrzehnten in Ismaiks Klammergriff. Das letzte vor dem Einstieg des Investors fand im Mai 2011 statt, an einem Sonntagnachmittag in Paderborn. Im Tor stand Gabor Kiraly, Daniel Bierofka spielte als Linksverteidiger – und vorn stürmte Benjamin Lauth. Namen aus einer anderen Zeit. Die, die nun mithelfen sollen, dass wieder bessere Tage anbrechen, heißen Lance Fiedler, 19, Emre Erdogan, 19, und Cristian Leone, 21. Für sie alle und noch ein paar andere war es das erste Regionalliga-Spiel überhaupt, an diesem Samstag in Schweinfurt.