Der ostdeutsche Leser wird beim Wort Schultüte stutzen. In meinem Wortschatz heißt sie Zuckertüte. Im Osten war sie meist groß und sechseckig, im Westen eher rund und kleiner. Ost-West-Unterschiede beginnen manchmal bei Dingen, die alle kennen und anders erinnern.

1982 stand ich also nicht mit einer Schultüte, sondern mit einer Zuckertüte in der Schule. Wir wohnten damals in Stolpen, einer Burgstadt in Sachsen. Die offizielle Feier fand in einem DDR-Typenschulbau statt: hell, zweckmäßig, Linoleum-Fußboden. Zwischen 1955 und 1990 entstanden rund 2500 Schulen: Bildungsinfrastruktur, keine Privatsache.

Meine Zuckertüte enthielt Stifte, ein paar Süßigkeiten und Spielzeug. Dazu kam ein roter Lederranzen mit Hase und Igel – ein Modell vieler ABC-Schützen dieses Jahrgangs. Individualität war keine Verheißung der Planwirtschaft, Haltbarkeit sehr wohl. Später trugen meine Cousinen ihn weiter.

Beim ersten Schulranzen unseres Kindes war hingegen Beratung nötig: ergonomisch, reflektierend, rückenschonend. Fast 200 Euro kostete der Ranzen – im Angebot. Heute ist ein Ranzen noch teurer: die Stiftung Warentest sah 2026 viele aktuelle Ranzen nahe an der 300-Euro-Marke. Der teure Ranzen macht Bildung nicht besser. Er zeigt, was Schule kostet, bevor der erste Buchstabe geschrieben ist.