Wer eine Freundschaft pflegt, konzentriert sich auf das, was einen miteinander verbindet und gibt dem Trennenden nicht zu großes Gewicht. Man kann das klug oder konfliktscheu nennen. Auf die Gelsenkirchener Protagonisten Andreas und Thomas der NDR-„Panorama“-Reportage „Alternative für Arbeiter? – Mein Kumpel wählt AfD“ trifft beides zu.Sie sind eingeschworene Fans des FC Schalke 04, besuchen die Heimspiele, fahren gemeinsam zu den Auswärtsspielen, fiebern mit und feiern. Früher wählten beide die SPD, wie es sich für „Malocher“ gehörte. Inzwischen haben sie der Partei den Rücken gekehrt. Thomas, der Chirurg, fällt freilich eher nicht in die Kategorie „Malocher“. Er wählt jetzt die Linke. Warum ihm, dem arrivierten Besserverdiener, die Partei wählbar erscheint, fragt die Reportage nicht. Sie interessiert sich für Andreas, den Gebäudereiniger, denn der wählt die AfD.„Schmarotzer brauchen wir nicht“Andreas sagt, was man von AfD-Anhängern oft hört. Die einen - Leute wie er - arbeiten hart, während andere - Migranten, aber auch einige Deutsche - auf der faulen Haut liegen und den Sozialstaat ausnutzen. Wer arbeite und Steuern zahle, könne ruhig bleiben, sagt Andreas, gleich welcher Nationalität. Doch „Schmarotzer brauchen wir nicht.“ Wie so viele plagen ihn Abstiegsängste. Würde er ernsthaft erkranken und ein Gehalt wegfallen, sähe es finanziell düster aus.Die Kamera begleitet die Freunde zu Auswärtsspielen, filmt sie im Bus und vor Stadien, in Schalke-Trikots. Es geht um viel: den Aufstieg in die Bundesliga. Gibt es das „Aufstiegsversprechen“ auch noch in unserer Gesellschaft? Andreas und Thomas sind sich einig: Das gibt es nicht mehr. Wobei Thomas den Blick auf die populistische, menschenverachtende Masche der AfD lenkt. Sie spielt einen Teil der Gesellschaft gegen einen anderen aus. Nun blenden die „Panorama“-Reporter Sebastian Friedrich und Isabel Schneider einen Auftritt von Alice Weidel ein, bei dem sie von staatlich „alimentierten Messermännern“ spricht. Der AfD-Abgeordnete René Springer redet im Bundestag von Migranten, die sich „ihre Eier in der Shisha-Bar schaukeln“.Der Aufstieg ist da - aber nur für Schalke 04.Das Erste/NDRIm Gespräch mit den „Panorama“-Reportern klingt er zwar differenzierter, findet aber keine überzeugende Antwort auf die Frage, warum die AfD angeblich die Partei der „kleinen Leute“ sei, wo ihre Steuerpolitik doch vor allem Besserverdienern zugute käme. Springer verweist darauf, dass die AfD die indirekten Steuer senken wolle, und davon profitierten alle.Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp hat im Auftrag von „Panorama“ das Grundsatzprogramm sowie Bundestags- und Europawahlprogramme der AfD seit 2013 untersucht. Er meint, das Wirtschaftsprogramm der AfD sei „marktliberal“, noch deutlicher als das von Union und FDP. Von „sozialer Gerechtigkeit“ keine Spur. Das spielen die Reporter ihren Protagonisten vor und Andreas grübelt. Da müsse er sich selbst wohl hinterfragen.Populisten betreiben Politik als Loyalitätsspiel. Einmal Fan, immer Fan. Umso hilfloser wirkt es, wenn der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, der ebenfalls zu Wort kommt, Andreas’ politische Ansichten als „schleierhaft“ bezeichnet. So widersprüchlich dessen Wahlentscheidung sein mag, unerklärlich ist sie nicht. Die AfD trifft den Ton, der Andreas hoffen lässt. Wobei man sagen muss, dass die Filmemacher unter „sozialer Gerechtigkeit“ offenbar einen stark fürsorgenden Sozialstaat verstehen, bei dem die individuelle Leistung eher in den Hintergrund tritt. Darin zeigt sich ein Dilemma der SPD sowie eine politische Leerstelle, die die Linke genauso für sich nutzt wie die AfD. Deren rassistische Grundhaltung und ihren Hang zum Faschismus streift die „Panorama“-Reportage nur am Rande.Dass Andreas, dem es anzurechnen ist, so offen vor der Kamera zu sprechen, und viele andere nicht mehr an einen sozialen Aufstieg durch harte Arbeit glauben, ist für die SPD verheerend. Auf dem Fußballplatz lebt das Versprechen vom Aufstieg. Für Andreas ist es mit Blick auf sein eigenes Leben nur noch eine Phrase.