KommentarDer Westen sollte Afghanistan nicht ganz vergessen – das Taliban-Regime könnte weniger stabil sein, als es scheintFünf Jahre nach ihrer Machtübernahme haben die Taliban Afghanistan vordergründig fest im Griff. Doch die Wirtschaft ist in der Krise, in der Gesellschaft rumort es, und der Konflikt mit dem Nachbarn Pakistan kann jederzeit wieder eskalieren.14.08.2026, 05.26 Uhr3 LeseminutenTaliban-Kämpfer stehen im Februar während der Gefechte mit Pakistan auf einem Humvee, den die Amerikaner vor fünf Jahren zurückgelassen haben.ReutersFünf Jahre ist es her, dass die Taliban im Triumph nach Kabul zurückgekehrt sind. Die afghanische Republik, die der Westen zwanzig Jahre lang mit aufgebaut hatte, war zuvor binnen weniger Wochen zerbrochen. Von Korruption zerfressen, hatte sie fast alle Legitimität verloren. Am Ende war kaum jemand bereit, für ihre Erhaltung zu kämpfen. Als die Taliban vor der Stadt standen, floh Präsident Ashraf Ghani ins Exil und kehrte nicht wieder zurück. Nahezu kampflos ergab sich die afghanische Hauptstadt am 15. August 2021 den Islamisten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fassungslos starrte der Westen, der seit 2001 Milliarden in den Aufbau eines demokratischen Staates investiert und Tausende Soldaten dafür geopfert hatte, auf den Kollaps der afghanischen Republik. Kurz gab es eine Diskussion, wie dieses Experiment in «nation building» so kläglich scheitern konnte. Doch dann beeilte man sich, das leidvolle Kapitel rasch zu schliessen. Mit Afghanistan, so der Konsens in Washington, London und Berlin, wollte man nichts weiter zu tun haben.Heute haben die Taliban das Land fest im Griff, nur noch vereinzelt regt sich Widerstand. Ihr Regime ist international isoliert, doch von innen heraus droht dem Regime derzeit keine Gefahr. Erstmals seit den 1970er Jahren gibt es keine offenen Kämpfe mehr im Land, die Afghanen können sich weitgehend sicher zwischen den Städten und auf den Strassen bewegen. Die Anschläge, Entführungen und Morde, die bis 2021 an der Tagesordnung waren, gehören der Vergangenheit an.Die Taliban herrschen noch doktrinärer als befürchtetManches ist weniger schlimm gekommen, als vor fünf Jahren gedacht. Die Sorge des Westens, dass Afghanistan wieder zu einem Hort des internationalen Terrorismus werden könnte, hat sich bis jetzt nicht erfüllt. Die Taliban haben sich auch meist an eine Amnestie für ihre politischen Gegner gehalten. Grössere Massaker an Minderheiten wie den schiitischen Hazara sind ausgeblieben. Doch in anderer Hinsicht hat das Taliban-Regime die schlimmsten Befürchtungen übertroffen.So sind alle Appelle an die Taliban, auch andere politische Kräfte einzubinden, verhallt. Ihre Weigerung, die Unterstützung für die pakistanische Rebellengruppe Tehreek-e Taliban Pakistan (TTP) einzustellen, hat zu einem offenen Krieg mit Pakistan geführt. Und die Hoffnung, dass die Koranschüler moderater regieren würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die Führung um Mullah Akhundzada ist in ihrer Auslegung des Islams noch reaktionärer als befürchtet.Die Hauptleidtragenden sind Mädchen und Frauen. Als einziges Land der Welt verwehrt Afghanistan ihnen den Besuch von Sekundarschulen und Universitäten. Zahlreiche Berufe sind ihnen versperrt, das Haus dürfen sie nur noch in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen. Millionen Frauen, die früher als Ärztinnen, Lehrerinnen oder Journalistinnen gearbeitet haben, sind gezwungen, zu Hause zu sitzen. Für die Betroffenen ist das eine Tragödie, für die Gesellschaft ist es ein Desaster, dass so viel Potenzial ungenutzt vergeudet wird.Millionen junge Männer sind ohne Arbeit und PerspektiveDie Aussichten für Afghanistan sind düster. China und Russland sind zwar bereit, mit den Taliban zu kooperieren. Die Hoffnung auf grosse Investitionen in Bergbau oder Infrastruktur hat sich bisher jedoch nicht erfüllt. Der Westen hat wenig Lust, sich erneut am Hindukusch zu engagieren. Das Hauptinteresse der Europäer besteht darin, zu einem Arrangement mit den Taliban zu kommen, um abgelehnte, straffällige Asylbewerber leichter abschieben zu können.Das Regime wirkt gefestigt – doch ist es nicht garantiert, dass dies so bleibt. Mit der Ruhe könnte es rasch vorbei sein. Der Konflikt mit Pakistan kann jederzeit erneut aufflammen. Die Krise der Wirtschaft würde dies noch verschärfen. Schon jetzt ist die Verzweiflung in der verarmten, hungernden Bevölkerung gross. Millionen junger Männer sind ohne Arbeit und Perspektive – für bewaffnete Gruppen ist das der ideale Nährboden. Ob das doktrinäre Regime der Taliban in der Lage ist, Antworten auf diese multiple Krise zu finden, ist ungewiss. Ganz aus dem Blick verlieren sollte der Westen Afghanistan nicht.Passend zum Artikel