In Nordamerika stehen die Zeichen für Erdgas auf Wachstum. Von der Elektrifizierung der Wirtschaft über Exporte von Flüssiggas bis zum Ausbau von Rechenzentren nimmt der Bedarf rasch zu. Mit Infrastruktur-Aktien wie Kinder Morgan, Williams und Oneok können Investoren profitieren.Noch nehmen es die Börsen relativ gelassen, doch die Warnsignale sind unverkennbar: Geopolitische Risiken wie die Kriege am Persischen Golf und in der Ukraine sowie extreme Wetterereignisse wie der diesjährige Hitzesommer in Europa machen eine zuverlässige Energieversorgung zu einer der grössten Herausforderung der kommenden Jahre.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine strategische Schlüsselrolle wird Erdgas aus Nordamerika spielen. Die Nachfrage nach den reichhaltigen Reserven in den USA und Kanada wird gleich von mehreren strukturellen Trends kräftig getrieben. Die gute Nachricht für Investoren ist, dass die Branche trotz der fundamental attraktiven Ausgangslage bislang nur wenig Aufmerksamkeit erhält.Der Zeitpunkt für Engagements ist daher vorteilhaft, auch wenn es möglicherweise noch etwas Geduld braucht. Ebenso sind starke Nerven gefordert, zumal der Gaspreis äusserst anfällig für Schwankungen ist. Wie die untenstehende Kurve zum Spotpreis am Hauptumschlagplatz Henry Hub im US-Bundesstaat Louisiana zeigt, ist Erdgas selbst im generell volatilen Rohstoffsektor ein Extremfall.Der Grund für die ausgeprägte Volatilität hat primär mit saisonalen Faktoren zu tun. Die Nachfrage nach Gas wird stark durch das Wetter bzw. durch das Heizen von Wohn- und Gewerbegebäuden beeinflusst, was zu starken zyklischen Preisschwankungen führen kann. Am Terminmarkt handeln Kontrakte für Lieferungen im Winter deshalb zu einer deutlichen Prämie gegenüber Lieferungen im Sommer.Midstream-Aktien bieten mehr StabilitätEntsprechend unberechenbar können sich Aktien von Erdgaskonzernen verhalten. Unabhängige Förderkonzerne wie Devon Energy, EQT und Antero Resources sichern sich zwar über langfristige Lieferkontrakte und Finanzderivate (Hedges) ab. Letztlich bleiben sie aber eine Wette auf den Gaspreis, was extreme Kursbewegungen impliziert.Für Investoren, die sich grundsätzlich für Engagements im Sektor interessieren, aber Aktien mit einem etwas defensiveren Profil bevorzugen, bieten sich deshalb Unternehmen aus dem Bereich Infrastruktur als Ergänzung oder Alternative an. Dazu zählen vorab Betreiber von Pipelines, Lagerstätten sowie Anlagen zur Aufbereitung und Verflüssigung von Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG).Dieses, als «Midstream» bezeichnete Segment der Wertschöpfungskette ist natürlich nicht vollkommen von Marktschwankungen isoliert. Die Aktien von Branchenleadern wie Kinder Morgan, Williams oder Oneok haben tendenziell aber einen stabileren Charakter, was mit ihrem gut absehbaren Geschäftsgang und attraktiven Ausschüttungen zu hat.In der folgenden Analyse werden die fundamentalen Treiber für den wachsenden Bedarf nach Erdgas thematisiert, spezifische Aspekte des Infrastrukturgeschäfts erläutert und der Investment Case für die Branche vorgestellt.Drei Treiber beschleunigen das WachstumDie Energiewirtschaft in Nordamerika hat in den vergangenen fünfzehn Jahren eine fundamentale Transformation verzeichnet. Durch die Fracking-Revolution, die horizontale Bohrungen nach Öl und Gas in Schiefergestein möglich macht, erlebte die Branche einen atemberaubenden Boom-Bust-Zyklus, der bei Gas besonders ausgeprägt war.Für Investoren bedeutete das eine schmerzhafte Erfahrung, doch heute ist Amerika der weltweit mit Abstand führende Produzent von Erdgas. Wie die Energiebehörde EIA diese Woche mitgeteilt hat, setzte sich das Wachstum im ersten Halbjahr ungebrochen fort. Insgesamt soll sich das Fördervolumen für 2026 im Durchschnitt auf rund 122,5 Mrd. Kubikfuss (3,5 Mrd. Kubikmeter) pro Tag belaufen, 3,5% mehr als im Vorjahr.Fünf grosse Vorkommen tragen derzeit massgeblich dazu bei: Die Permian- und Eagle-Ford-Formationen in West-Texas und New Mexico, wo primär nach Öl gebohrt wird und Gas oft ein Nebenprodukt ist. Hinzu kommen das Haynesville-Becken im Grenzgebiet zwischen Louisiana, Texas und Arkansas sowie die Marcellus- und Utica-Formationen in der Appalachen-Region im Nordosten der USA.Im Zug dieser Entwicklung nimmt die Bedeutung von Erdgas in der Energieversorgung stetig zu. 2025 sind Gaskraftwerke erstmals für mehr als 40% der Stromproduktion in den USA aufgekommen. Häufig ersetzen sie Kohlekraftwerke. In den kommenden Jahren werden drei strukturelle Faktoren das Wachstum beschleunigen.Erneuerbare Energien: Stromnetze erfordern ein ständiges Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Zu jeder Sekunde muss die Erzeugung mit dem Verbrauch übereinstimmen. Solar- und Windenergie spielen bei der Versorgung eine zunehmend wichtige Rolle und werden auch immer günstiger, erzeugen Strom aber nur dann, wenn das Wetter mitspielt. Dank der hohen Flexibilität gleichen Gaskraftwerke diese Schwankungen in der Produktion optimal aus.LNG-Exporte: Mit der Verschiffung von Flüssiggas profitieren US-Förderer von höheren Preisen ausserhalb des Heimmarktes. Grösste Abnehmer sind Europa und Asien, deren Bedarf an LNG-Lieferungen wegen des Golfkriegs derzeit noch grösser ist. Gemäss der internationalen Energieagentur IEA wird die jährliche Kapazität für LNG-Exporte aus den USA bis 2030 um über 170 Mrd. Kubikmeter zunehmen, mehr als doppelt so viel wie im Rest der Welt. Hinzu kommen wachsende Ausfuhren nach Mexiko.Rechenzentren: Mit dem Boom im Bereich künstliche Intelligenz steigt der Bedarf an Strom rasant. Über die Hälfte der neuen Anlagen werden über eigene Gaskraftwerke versorgt, die schnell gebaut werden können. Das Analyse-Team von Bloomberg schätzt, dass in den nächsten vier Jahren Gaskraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 100 Gigawatt in den USA hinzukommen, was etwa 100 Atomreaktoren entspricht. Auch wenn nicht alle Datacenter-Projekte realisiert werden, wird KI den Gasbedarf erheblich vergrössern.Langfristige Abkommen sorgen für robusten CashflowWie sich dieses Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf mittlere bis lange Sicht genau entwickelt, lässt sich schwierig sagen. Alles deutet jedoch darauf hin, dass das Volumen im nordamerikanischen Markt für Erdgas weiter zunehmen wird. Für Infrastrukturbetreiber, für die der Gaspreis per se weniger eine Rolle spielt, eröffnen sich dadurch attraktive Perspektiven.Das Midstream-Segment umfasst sämtliche Prozesse entlang der Wertschöpfungskette zwischen Förderung (Upstream) und Vertrieb (Downstream). Erster Berührungspunkt ist die Bohranlage, wo Gas und Öl zunächst über kleinere Pipeline-Netze gesammelt und zu einer Aufbereitungsanlage abtransportiert werden.Erdgas ist meistens mit Kondensaten (Natural Gas Liquids, NGL) wie Ethan, Propan, Butan und Rohbenzin durchmischt, die vor dem Einspeisen in Fernleitungen abgetrennt werden müssen. Grosse Pipelines verfügen entlang der Strecke zudem über Verdichterstationen, um den Transport zu erleichtern. Der Endpunkt ist entweder ein Speicher, ein Gaskraftwerk, ein LNG-Exportterminal oder ein lokales Verteilnetz eines Energieversorgers.Pipeline-Netz zum Transport von Erdgas, Rohöl und raffinierten Erdölprodukten in den USA.Quelle: Bureau of Transportation StatisticsDas Geschäftsmodell der Branche stützt sich auf langfristige, gebührenbasierte Verträge. Sie werden oft durch Mindestabnahmevolumen oder Take-or-Pay-Klauseln ergänzt, bei denen der Kunde zahlt, gleichgültig, ob er die Kapazität nutzt oder nicht. Bei Fernleitungen, die sich über mehr als einen Bundesstaat erstrecken, werden die Gebühren reguliert. Diese Strukturen sorgen für einen stabilen und gut prognostizierbaren Cashflow.Wie in vielen anderen Segmenten des Rohstoffsektors wurden Investitionen über längere Zeit vernachlässigt; teils auch aufgrund politischer Erschwernisse bei Bewilligungen. Das Resultat sind Engpässe an Hotspots. Am Waha Hub, einem grossen Umschlagsplatz im Permian-Becken von West-Texas beispielsweise, kommt es regelmässig zu negativen Gaspreisen, weil die Kapazitäten zum Abtransport nicht ausreichen.Investitionen in neue Pipelines nehmen seit 2024 zu. Dieses Jahr soll sogar am meisten Kapazität seit 2008 hinzukommen. Die meisten neuen Fernleitungen, die für 2026 und 2027 geplant sind, haben ihren Ursprung in Texas. Das gilt auch für die landesweit drei grössten Projekte, namentlich die Rio-Bravo-Pipeline, die Blackcomb-Pipeline und die Hugh-Brinson-Pipeline. Doch von drohenden Überkapazitäten kann keine Rede sein.Jährlicher Ausbau der Pipeline-Kapazität in den USA, in Mrd. $ Kubikfuss.Quelle: Natural Gas IntelligenceAttraktive Perspektiven für InvestorenFür das Segment Energieinfrastruktur präsentiert sich damit ein spannender Investment Case. Die Auswahl umfasst gut zwanzig Unternehmen aus den USA und Kanada. Viele davon waren ursprünglich wegen steuerlicher Vorteile als Master Limited Partnership (MLP) strukturiert, haben sich aber nach zwei grösseren Bereinigungswellen in klassische Aktiengesellschaften umgewandelt.Zum ersten Konsolidierungsprozess kam es nach den Übertreibungen des grossen US-Erdgasbooms der Jahre 2011 bis 2014, ein zweiter folgte während der Krise im Energiesektor nach dem Ausbruch der Covid-Pandemie. Heute sind die meisten Konzerne bilanztechnisch solid aufgestellt und verdienen ansprechende Margen. Investitionen werden hauptsächlich aus dem Cashflow finanziert, nicht mit Fremdmitteln.Wie bei Infrastrukturbetreibern aus anderen Wirtschaftsbereichen – zum Beispiel Versorger oder Telecom – ist der Verschuldungsgrad aufgrund des stabilen Geschäftsmodells allerdings weiterhin höher als bei Energieunternehmen generell. Die Nettoverschuldung macht üblicherweise etwa das 4-Fache des Betriebsgewinns vor Abschreibungen und Amortisationen aus (Ebitda).Wegen des robusten Geschäftsmodells handeln Aktien aus dem Midstream-Segment ausserdem zu einer Prämie. Auf Basis der Analystenschätzungen für die nächsten zwölf Monate beträgt das Ebitda-Vielfache rund 10 bis 13, wogegen der Durchschnitt für den Sektor bei knapp 7 liegt. Die Prämie reflektiert auch eine grosszügige und beständige Ausschüttungspolitik mit Dividendenrenditen von durchschnittlich 3 bis 5%.Vor diesem Hintergrund werden abschliessend die Branchenleader Kinder Morgan, Williams und Oneok vorgestellt. Alle drei Unternehmen sind über die verschiedenen Geschäftsbereiche des Midstream-Segments diversifiziert und eignen sich als Beimischung für ein gut austariertes Portfolio an Energieaktien.Drei Ideen für InvestmentsKinder Morgan betreibt das grösste Pipeline-Netzwerk in den USA mit einer Gesamtlänge von 127’000 Kilometern und knapp 140 Umschlagsstationen. Rund 40% des in den USA produzierten Erdgases kommt beim Transport mit der einstigen Infrastruktursparte des Energieriesen Enron in Berührung. Weitere Aktivitäten sind der Transport von Erdgaskondensaten, Rohöl und raffinierten Erdölprodukten inklusive Chemikalien.Der Konzern aus Houston zählt zu den qualitativ hochwertigsten Namen im Midstream-Segment. 90% des Cashflows stammen aus Lieferverträgen, die entweder auf Take-or-Pay-Klauseln oder festen Gebühren basieren. Risiken bezüglich Schwankungen von Energiepreisen und Volumen sind dadurch begrenzt. Zum 11,6-Fachen des Ebitda bewegt sich die Bewertung im Mittel der letzten zehn Jahre, die Dividendenrendite beträgt 3,8%.Eine der vielversprechendsten Wetten auf eine steigende Nachfrage nach Erdgas ist Williams. Das Kronjuwel des Unternehmens ist die Transcontinental Pipeline (Transco), eine der wertvollsten Infrastrukturanlagen in den USA. Sie führt von Texas zu den Ballungszentren der US-Ostküste und kann mit Energie aus dem Permian-Becken, aus Offshore-Anlagen im Golf von Mexiko, sowie aus den Haynesville- und Marcellus-Formationen gespeist werden.Williams Group ist damit optimal positioniert für den wachsenden Bedarf an Erdgas zur Stromproduktion, zur Reindustrialisierung der USA sowie für LNG-Exporte. Die Wachstumsfantasie drückt sich in der vergleichsweise stolzen Bewertung aus, die Aktien handeln zum Ebitda-Vielfachen von knapp 14. Da sich der Konzern in einem mehrjährigen Investitionszyklus befindet ist die Dividendenrendite mit 3% etwas weniger hoch.Oneok ist die Value-Aktie im Feld der führenden Midstream-Konzerne. Die historischen Wurzeln des Konzerns mit Sitz in Tulsa gehen bis 1906 zur Gründung der Oklahoma Natural Gas Company zurück. In jüngster Zeit hat er sein Portfolio durch zwei Übernahmen bedeutend ausgebaut. Sie verschaffen mehr Präsenz im Permian-Becken sowie in der Midwest-Region der USA, wozu die Bakken-Schieferformation an der Grenze zwischen North Dakota und Kanada zählt.Die Integration der beiden Übernahmen sollte sich in den nächsten anderthalb Jahren durch Synergiegewinne auszahlen. Ausser einem umfangreichen Netz an Gasleitungen verfügt Oneok zudem über viel Potenzial beim Transport von Erdgaskondensaten, wo das Volumen von einem höheren Ölpreis profitieren könnte. Zum 10,7-Fachen des Ebitda ist der Konzern im Branchenvergleich günstig bewertet. Die Dividendenrendite von 4,7% spricht ebenso für die Titel.