Marathon war gestern. Heute laufen Influencer für Klicks und Geld bis zum Umfallen Der Walliser Pierre Biege läuft extreme Distanzen: Beim Ultramarathon Last Soul Ultra will er 335 Kilometer weit kommen. Er gehört zu den Vernünftigeren.14.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer Walliser Pierre Biege startet zum zweiten Mal am Last Soul Ultra. Ende Juli rannte er in Essen am Rennen 99Laps 102 Kilometer weit.Robin SchmidtSeit fast zwei Tagen läuft Pierre Biege im Kreis. Seine Stirnlampe wirft einen Lichtkegel in die Dunkelheit. Soeben hat er am Last Soul Ultra, einem deutschen Ultramarathon, zum 39. Mal das Ziel erreicht. 261,3 Kilometer ist er bis jetzt gerannt. Er weint. Die Kamera ist auf ihn gerichtet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sein Bruder motiviert ihn in der kurzen Pause, weiterzumachen. Biege läuft die nächste Runde für ihn. Einmal legt er sich vor Erschöpfung hin, rennt dann aber weiter. Er torkelt ins Ziel, setzt sich ans Lagerfeuer. Der Bruder und die Helfer flössen ihm Koffeingel und Elektrolyte ein. «Komm, Pierre!», schreien sie und schieben ihn an den Start. «Nur noch eine Scheissrunde!»Biege sagt krächzend: «Heute ist ein richtig guter Tag!» Doch er kann und will nicht mehr. Nach 40 Stunden und 268 Kilometern gibt er auf.Hyrox-Athleten treffen auf BodybuilderDer Oberwalliser Pierre Biege, 33 Jahre alt, läuft Trail- und Ultrarennen. Im Oktober 2025 nahm er in Bornheim bei Köln am Last Soul Ultra teil – laut dem Organisator und Influencer Kim Gottwald «der härteste Ultralauf Deutschlands». Der Last Soul Ultra folgt den Regeln des Backyard-Formats. Jede Stunde müssen die Teilnehmenden 6,706 Kilometer laufen. Das Rennen dauert so lange, bis nur noch einer kann.Biege war vor einem Jahr noch ein kleiner Name in der Szene. Doch er hielt länger durch als die meisten: Als Drittletzter schied er aus. «Es war mein Durchbruch», sagt er. Mit Durchbruch meint er seine wachsenden Followerzahlen und Klicks in den sozialen Netzwerken. Heute gehört er zu den reichweitenstärksten Schweizer Ultraläufern.Bilder Minh Vu NgocBieges Lauf-Mantra lautet: «Heute ist ein richtig guter Tag.»Am Freitag (14. 8.) startet in Deutschland die zweite Ausgabe des Last Soul Ultra. Wo er stattfindet, bleibt bis zum Schluss geheim. Weil Biege im vergangenen Jahr die Zuschauer begeistert hatte, lud Kim Gottwald ihn persönlich ein. Dieses Jahr will Biege noch weiter laufen.Wenige Tage vor dem Wettkampf steckt er in den letzten Vorbereitungen. Mit seiner Frau und den drei Töchtern wohnt er in einem Tiny House in Albinen bei Leukerbad. Die Familie lebt in einem einzigen Raum – «wir sind überall ein bisschen unkonventionell», sagt Biege. Er hat kaum geschlafen, fast die ganze Nacht gepackt. Im Keller stapeln sich nun die Plastikboxen: vierzehn Paar Laufschuhe, Proteinpulver, Kohlenhydratgels.«50 Runden wären toll», sagt er. Umgerechnet sind das 335 Kilometer. Doch die Konkurrenz ist stark. Der Amerikaner Harvey Lewis, zweifacher Backyard-Weltmeister, startet als Favorit. Er ist an einem Backyard in den USA schon 744 Kilometer gerannt. Der deutsche Rekordhalter Hendrik Boury will ihm den Titel streitig machen. Er rannte vor einem Jahr an der WM 100 Stunden.Einige der Teilnehmenden des Last Soul Ultra rennen ihren ersten Backyard; sie sind Hyrox-Athleten, Bodybuilder, Triathleten. Viele von ihnen haben Tausende Follower. Während sie an ihre Grenzen und darüber hinausgehen, begleiten Kameras sie. Vergangenes Jahr verfolgten zeitweise 40 000 Personen das Rennen im Livestream, die Doku-Serie auf Youtube klickten eine Million Zuschauer an.Der Last Soul Ultra macht aus dem Laufen Reality-TV 2.0. Er zeigt beispielhaft, wie die sozialen Netzwerke das Laufen verändern: Der Ausdauersport wird extremer, spektakulärer und kommerzieller.Als der Vater stirbt, beginnt er zu laufenBiege kennt die Kritik am Last Soul Ultra: Die Backyard-Szene werde von Influencern eingenommen. Er widerspricht und sagt: «Sport, Bewegung oder einfach das Laufen bekommen dadurch einen enormen Schub.» Das findet er eine gute Sache: Für ihn ist das Laufen, das er «Rausgehen» nennt, eine Lebenseinstellung, die er weitergeben will.Als Biege zehn Jahre alt war, zog seine Familie von Deutschland ins Walliser Dorf Albinen, die Heimat seiner Mutter. Er fühlte sich oft als Aussenseiter – nicht zuletzt wegen der Sprache: «Sprichst du hier Hochdeutsch, machen dich die Kinder fertig.» Vor dem Spiegel übte er, Wörter auf Schweizerdeutsch richtig auszusprechen. Früh fand er im Sport Zuflucht. Er war einer der ersten Parkour-Athleten im Wallis, er sprang von Dächern, über Mauern und Autos. Laufen fand er damals langweilig.2012 erkrankte Bieges Vater an Krebs. Er ging jeden Tag im Hallenbad schwimmen, baute eine Gartenhütte, machte Dinge, die ihm Halt gaben. «Er hat jeden Tag so gelebt, als ob es der letzte wäre», sagt Biege. Als der Vater schliesslich 2020 starb, war Pierre Biege selbst Vater einer einjährigen Tochter. Für Parkour fehlte ihm die Zeit. Also begann er zu laufen. Oft morgens oder abends, wenn die Familie noch schläft. «Ich gehe jeden Tag raus und mache etwas für mich, so wie mein Papa das gemacht hat», sagt er.Seitdem rennt Biege durchs Wallis. Einzig wenn er Fieber hat, pausiert er. Dann spaziert er stattdessen. Mittlerweile kommt er auf über 800 Läufe. Jeden davon dokumentiert er auf Instagram und Strava: mit Fotos, Videos, Streckenprofilen, Geschwindigkeit. Oft ruft er in die Kamera: «Heute ist ein richtig guter Tag!» Das Laufen habe ihn als Mensch erträglicher gemacht, sagt er: «Die angestaute Energie und der Druck bauen sich ab, wenn ich einmal am Tag rausgehe.»Robin SchmidtPDBackyard-Rennen wie der Last Soul Ultra bringen die Teilnehmenden an die körperlichen und mentalen Grenzen. Die Pausen dauern nur wenige Minuten – und müssen effizient genutzt werden: zum Trinken, Schlafen, Essen.Eine Frage der Vermarktung2022 postete Biege seinen ersten Lauf auf Strava. Zu Beginn hatte er kaum Follower. Das änderte sich vor rund zwei Jahren – er profitierte davon, dass plötzlich alle laufen gingen, Ultraläufe populärer wurden. Auf einmal hatten seine Beiträge mehr Aufrufe.Mit Verwunderung stellte er fest, dass Anfänger gleich mit einem Ultralauf starten wollten und sich teure Ausrüstung anschafften. Er selbst begann mit Baumwoll-Shirt und Barfussschuhen. «Man braucht eigentlich wenig zum Laufen.» Aber urteilen will er nicht: «Hauptsache, die Leute gehen raus.»Biege ist selbst Teil jener Kommerzialisierung, die er beobachtet. Im Sommer ging er eine Kooperation mit einem bekannten Hersteller für Fitness-Nahrungsergänzungsmittel ein. Noch kann er aber nicht vom Laufen leben – als Haupterwerb programmiert er Websites.Momentan folgen ihm knapp 40 000 Personen. Vom Hörensagen weiss er, dass Sponsoren bei Hunderttausenden Followern einen niedrigen fünfstelligen Betrag zahlen würden – etwa für die Teilnahme an einem Ultralauf. Genaue Zahlen kennt er aber nicht.Anja Lapcevic ist die Geschäftsleiterin des Zürcher Vereins Conscious Influence Hub. Reichweite allein bestimme den Marktwert eines Influencers nicht, sagt sie. Für Marken sei entscheidend, wie relevant und glaubwürdig ein Influencer in einer Zielgruppe sei. Hier hätten Lauf-Influencer einen Vorteil: «Jemand, der täglich läuft, seine Community an dieser Reise teilhaben lässt und aussergewöhnliche Leistungen erbringt, kann zu einem glaubwürdigen und attraktiven Markenbotschafter werden – zum Beispiel für eine Laufschuhmarke.»Einer, der die Vermarktung der eigenen Leidensfähigkeit perfektioniert hat, ist der deutsche Extremsportler und Influencer Arda Saatci. Im Mai lief er in 123 Stunden 604,5 Kilometer durch das Death Valley – 2,8 Millionen schauten zu. Das Beratungsunternehmen Finanzstarter schätzt die Einnahmen der Aktion auf 600 000 bis 1,3 Millionen Euro. Red Bull, Brooks und Mercedes-AMG sponserten Saatci. Sie polierten damit ihr Firmenimage: Saatci inszeniert sich als «Cyborg», als eine Kreuzung aus Mensch und Maschine.Fast zeitgleich liess die Amerikanerin Rachel Entrekin am Ultramarathon Cocodona 250 alle hinter sich und stellte einen Streckenrekord auf: Sie lief 402 Kilometer mit 12 000 Höhenmetern in 56 Stunden – mit nur 19 Minuten Schlaf. In der Szene wurde ihre Leistung grösser als jene von Saatci eingestuft – trotzdem erhielt sie viel weniger Aufmerksamkeit.Ultraläufer wie Pierre Biege bereiten sich auf Rennen vor, die mehrere Tage dauern. Der Pavillon wird zum Rückzugsort für die kurzen Pausen – und zum Materiallager.PD8000 mg Ibuprofen für den SiegViral gehen die extremen Leistungen – nicht aber die jahrelange Vorbereitung, die dahintersteckt. Biege sieht es kritisch, wenn 16-Jährige bereits mit Langdistanzen beginnen wollen. Er selbst startete erst im Alter von 28 Jahren mit Ultraläufen. Auf die extremen Belastungen sei er gut vorbereitet gewesen, sagt er. Dank dem jahrelangen Parkour-Training hatte er explosive Kraft und ein gutes Körpergefühl entwickelt.Ultraläufe sind kein Volkssport, sondern Leistungssport, für den Athletinnen und Athleten jahrelang trainieren. Eigentlich. Einige greifen zu fragwürdigen Hilfsmitteln, um kurzfristig länger durchzuhalten. Kim Gottwald sagte nach dem Last Soul Ultra etwa, er habe insgesamt 8000 Milligramm Ibuprofen genommen. Er ist bei weitem nicht der Einzige. Biege kennt viele Läuferinnen und Läufer, die lange Distanzen nur mit Pillen durchstehen.Bei Ultraläufen spitzt sich die Steigerungslogik unserer Gesellschaft zu: immer mehr, immer schneller, immer besser. Egal, was der Preis dafür ist. Biege macht teilweise mit – und hält gleichzeitig dagegen. Er fragt sich: «Muss es immer krasser und weiter werden, oder mache ich es auf meine Weise?»Irgendwann erreiche er immer den Punkt, wo er keinen Sinn mehr sehe, sagt Biege. Dann höre er auf. Und so lief er am letzten Last Soul Ultra einige Stunden später eine Runde nur für sich. Gottwald, der «Last Man Standing», hielt 67 Stunden durch. Danach wurde er ins Spital eingeliefert.Biege ist stolz darauf, dass er sich nie «kaputt» läuft. Seine Regel: Am Tag nach dem Ultralauf muss er noch mit seinen Töchtern auf dem Spielplatz spielen können. Er sagt: «Ich hoffe, ich kann das bewahren.»Passend zum Artikel