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Als ein befreundeter Philosoph und ich uns das Thema für eine geplante Lektüregruppe überlegten, stellten wir überrascht fest, dass wir beide bislang kaum etwas von Karl Marx gelesen hatten. Gemäß dem Motto des Philosophen Odo Marquard, „Man muss Adorno gehabt haben wie die Masern“, hatten wir uns in den 80er-Jahren an westdeutschen Universitäten intensiv mit den Vertretern der marxistischen Kritischen Theorie wie Max Horkheimer und Theodor Adorno beschäftigt.

Marx selbst hatten wir aber immer links liegen lassen, dessen ökonomische Theorien von außen betrachtet auf mich einen staubtrockenen, langweiligen Eindruck machten. Stattdessen las man nach der Wende als gesellschaftstheoretisch Interessierter lieber französische Denker wie Michel Foucault.

Die drei blauen Bände von „Das Kapital“, die ich im Sommer 1989 in der Buchhandlung am Alexanderplatz mit dem Geld des Zwangsumtauschs erstanden hatte, blieben die nächsten 35 Jahre unberührt im Regal stehen. In den Nachwendejahren kamen kostenlos noch einige blaue MEW-Bände hinzu, die ostdeutsche Bibliotheken aussortiert und draußen zum Mitnehmen ausgelegt hatten. So war es jetzt an der Zeit, aus diesem ungenutzten Lesekapital im Regal endlich einen intellektuellen Mehrwert zu ziehen und die Bildungslücke zu schließen.