Der Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Belgrad hat im Kosovo für Verstimmung gesorgt. Das sichtbarste äußere Zeichen dafür setzte Përparim Rama, Bürgermeister der kosovarischen Hauptstadt Prishtina. Er ließ eine riesige, sich über vier Stockwerke erstreckende ukrainische Flagge mit der Aufschrift „Free Ukraine“ von der Wand eines Gebäudes in der Innenstadt entfernen, wo sie nach Beginn der russischen Großinvasion in der Ukraine aufgehängt wurde.Auf Facebook schrieb Rama dazu: „Der Staat Kosovo muss respektiert werden. Wird das Kosovo nicht respektiert, antwortet die Hauptstadt Prishtina!“ Zwar gelte das Mitgefühl der Kosovaren weiter allen Völkern, die mit Krieg, Gewalt und Verfolgung konfrontiert seien. Schließlich wisse man im Kosovo besser als viele andere, „was es bedeutet, für Freiheit, Würde und das Recht zu kämpfen, als Staat zu existieren“. Doch machte Rama auch die Grenzen dieser Solidarität deutlich: Keine Politik könne darauf aufbauen, „die Staatlichkeit des Kosovos und die Opferbereitschaft seines Volkes herabzuwürdigen“.Die demonstrative Entfernung der ukrainischen Flagge war eine Reaktion auf Äußerungen Selenskyjs in Belgrad nach seinen Gesprächen mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić. Bei der abschließenden Pressekonferenz am vergangenen Samstag war Selenskyj von einer Journalistin des serbischen Staatssenders RTS sinngemäß gefragt worden, ob Serbien auch weiterhin darauf zählen könne, dass die Ukraine das Kosovo nicht anerkennen werde.Das Kosovo wurde mit amerikanischer Hilfe unabhängigDer ukrainische Präsident bejahte umfassend. Er betonte unter anderem, Serbien und die Ukraine seien Partner, die selbstverständlich die territoriale Integrität des jeweils anderen respektierten. Deshalb bleibe die Position der Ukraine zur „einseitigen Unabhängigkeitserklärung“ des Kosovos unverändert.Das Kosovo hatte 2008 mit amerikanischer und weitgehender europäischer Unterstützung seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Der serbische Staat hatte die Kontrolle über seine einstige Provinz schon 1999 verloren, als Folge des Krieges der NATO gegen Serbien. Damals mussten Armee, Polizei und auch serbische Freischärler aus dem Gebiet abziehen. Zuvor hatte Belgrad in dem zu mehr als 90 Prozent von Albanern bewohnten Gebiet die eigene Kontrolle jahrelang nur noch durch autokratische und am Ende brutale Maßnahmen sichern können.Dass die Ukraine die Loslösung des Kosovos von Serbien nicht anerkennt, hat auf den ersten Blick plausible Gründe. Die russische Annexion der Krim wird oft als deren wichtigster genannt. Nur stand diese Annexion 2008 erst noch bevor. Dennoch machte die Ukraine keine Anstalten, das Kosovo anzuerkennen. In Pristina hat man Verständnis dafür, dass Kiew nicht mitten im Krieg seine Position ändern kann. Doch Selenskyjs demonstrative Nähe zu Serbien, das die kosovarische Staatlichkeit weiterhin systematisch zu unterminieren versucht, kam dort überhaupt nicht gut an.„Die Politik der Ukraine gegenüber dem Kosovo sollte zeigen, dass ihre Ablehnung der Vorstellung, größere Staaten dürften über die Zukunft kleinerer Nachbarn bestimmen, über die Grenzen der Ukraine hinaus gilt“, zitierte das Regionalportal Balkan Insight den kosovarischen Politikwissenschaftler und einstigen Stabschef der Präsidialkanzlei, Blerim Vela.Prishtina trägt alle EU-Sanktionen gegen Russland mit„Selenskyj hat mehr getan, als nur die Position der Ukraine zur Nichtanerkennung des Kosovos zu wiederholen“, kritisierte auch Ramadan Ilazi vom kosovarischen Zentrum für Sicherheitsstudien. Der Präsident habe in Belgrad die kosovarische Unabhängigkeit vielmehr implizit in dieselbe begriffliche Kategorie wie Russlands Eroberung ukrainischen Territoriums gerückt.Dies wird in Prishtina als ungerecht empfunden, zumal das Kosovo sich seit Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine anders als Serbien vollständig auf die Seite der EU-Politik geschlagen hat. So trägt Prishtina die europäischen Sanktionen gegen Russland mit. Das ist angesichts der geringen Größe der kosovarischen Wirtschaft und nicht existierender Handelsbeziehungen zu Russland zwar nur ein symbolischer Schritt, aber dabei blieb es nicht. Das kosovarische Parlament beschloss die Bereitschaft, bis zu 5000 Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen.Zudem legte der kleine Balkanstaat von nur etwa 1,5 Millionen Einwohnern ein Unterstützungsprogramm für ukrainische Journalisten auf. In kleinerem Maße leistete man auch militärische Hilfe, etwa durch gepanzerte Fahrzeuge und Unterstützung bei Entminungsarbeiten.Niemand im Kosovo dürfte ernsthaft damit gerechnet haben, dass die Ukraine den eigenen Staat anerkennt. Selenskyjs Worte wirkten aber dennoch wie eine kalte Dusche. Und so verschwand eine große blau-gelbe Flagge aus dem Zentrum der kosovarischen Hauptstadt.