Es ist ein Affront gegenüber Japan, den der Kreml als ganz normalen Arbeitsbesuch inszeniert: Russlands Herrscher Wladimir Putin ist erstmals auf die zwischen beiden Ländern umstrittenen südlichen Kurilen gereist. Die Sowjetunion hatte sie 1945 nach der Kapitulation Japans besetzt und annektiert, Tokio beansprucht sie als „Nördliche Territorien“ für sich.Am Donnerstag verbreitete der Kreml Aufnahmen Putins auf Iturup, der in Japan Etorofu genannten größten der Inseln. In Kurilsk, einer aus einem japanischen Dorf hervorgegangen Kleinststadt von etwa 2500 Einwohnern, besuchte Putin zusammen mit dem Gouverneur von Sachalin, zu deren Gebiet Moskau die südlichen Kurilen zählt, zunächst eine Fabrik, die Fisch verarbeitet. Dort wurde dem Herrscher vorgeschwärmt, dass die Gewässer um die Kurilen „infolge des Klimawandels vor Thunfischen bis zu 300 Kilogramm wimmeln“. Putin tippte dazu mit der linken Hand auf einen präparierten Thun ohne Kopf.Dann besuchte Putin ein Krankenhaus und eine Schule, die wie viele russische Schulen nach einem in der Ukraine gefallenen Soldaten benannt ist. Ausweislich der Bilder, die der Kreml veröffentlichte, verfügt die Eduard-Norpolow-Schule über ein kleines Museum, in dem des postum als „Held Russlands“ ausgezeichneten Invasoren ebenso gedacht wird wie der „Geschichte der Aneignung der Kurilen-Inseln“.Schulkinder sollen Drohnen lenkenZudem traf Putin Schüler, die dafür offenkundig aus den Sommerferien geholt worden waren. Eine Frau, wohl eine Lehrerin, erklärte ihrem Präsidenten anhand von Modellen, wie die Kinder schon von der zweiten Klasse an im Unterricht unterwiesen würden, Drohnen zusammenzusetzen und zu steuern. Je älter die Kinder, desto komplexer die Drohnen; sie ähneln denen, die Putins Truppen in der Ukraine einsetzen.Putins Kurilen-Besuch beschloss ein Gespräch mit dem Gouverneur, in dessen öffentlichem Teil es vor allem um die Unterstützung der Teilnehmer der „militärischen Spezialoperation“, des Angriffskrieges gegen die Ukraine, und ihrer Familien ging. Der Gouverneur hob hervor, „sogar in den entlegensten Orten“, in die er komme, „sagt die Bevölkerung: alles für den Sieg. Das ist eine Innovation, die in den vergangenen Jahren erschienen ist.“ Putin erwiderte: „So sind die Leute bei uns.“ Der Gouverneur fügte hinzu: „Vor allem die Frauen“, und Putin ergänzte, das sei „der genetische Siegercode“. Die biologisch hanebüchene Vorstellung, dass Russen von Natur aus prädestiniert seien zu gewinnen, verbreitet der Herrscher seit Jahren immer wieder.Kurzbegegnung mit „dem Volk“In Kurilsk kam es auch zu einer der scheinspontanen Kurzbegegnungen des Herrschers mit „dem Volk“, die den umfassend abgeschotteten und auch bei solchen Gelegenheiten von Leibwächtern umringten Putin als nahbar, gütig und zugewandt porträtieren sollen. Solche werden gerade in Krisenzeiten inszeniert; erst am Dienstag hatte Putins Fahrzeugkolonne während eines Besuchs in Nowosibirsk gestoppt, und der Herrscher hatte eine Gruppe Kinder begrüßt, die an der Straße nahe einer Tankstelle standen. Deren Anzeigetafeln waren abgeschaltet, offenkundig mangels Treibstoffs, der in vielen Regionen aufgrund der ukrainischen Angriffe auf Raffinerien in diesem Sommer knapp geworden ist. Putin legte Hände auf Kinderschultern und nun auch in Kurilsk den Arm um einen Jungen, der vorgetreten war, um ihm die Hand zu schütteln. Auf Nachfrage stellte sich das Kind als Jaromir und angehenden Fünftklässler vor. „Jaromir“, sagte Putin, „der Name ist ungewöhnlich. Aber danke.“Die japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi kritisierte Putins Besuch als „absolut inakzeptabel“ und hob hervor, die Inseln gehörten „historisch und völkerrechtlich“ zu Japan. Der Streit um die Inseln steht dem Abschluss eines Friedensvertrags zwischen Russland und Japan im Wege. Als einziger russischer Präsident hatte Dmitrij Medwedjew 2010 mit Kunaschir (Japanisch Kunashiri) eine der Inseln besucht; dreimal kam Medwedjew später als Ministerpräsident wieder auf die südlichen Kurilen, 2021 dann sein Nachfolger, Michail Mischustin.Verhärtung des russischen Herrschers2012 hatte Putin, damals als Ministerpräsident, gesagt, es gelte, mit Japan einen Kompromiss zu finden. Unter dem damaligen japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe 2016 begonnene bilaterale Regierungskonsultationen beendete Moskau 2022, nachdem Japan infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine Sanktionen verhängt hatte.Schon am Mittwoch hatte Putin in einer neuen Flottenuniform, deren Aufnäher und Emblem ihn als Oberbefehlshaber auswiesen, die Endphase eines Großmanövers der russischen Pazifikflotte abgenommen. An Bord des Raketenkreuzers Warjag (nach den aus Skandinavien stammenden Warägern, die im Mittelalter im Baltikum und in Osteuropa aktiv waren) drohte er europäischen Ländern mit Vergeltung für den Fall, dass sie Öl und andere Güter von beschlagnahmten Schiffen der russischen „Schattenflotte“ verkaufen sollten.Sein Hauptzorn galt aber Japan. Putin beklagte neuerlich dessen „unsererseits unprovozierte“ Sanktionen und dass Tokio nun Russland in seiner Militärdoktrin als Hauptbedrohungsquelle führe. „Daher“ werde man die Pazifikflotte verbessern. Deren Kommandeur sprach von einer „immer aggressiveren Tätigkeit der militärisch-politischen Führung Japans“.
Kurilen-Reise: Putin provoziert auf Iturup
Erstmals zeigt sich Wladimir Putin auf den Kurilen, lässt sich Thunfisch und Drohnenunterricht vorführen. Tokio nennt den Besuch „absolut inakzeptabel“.










