Giorgia Meloni und Mette Frederiksen: Das ungleiche Paar, das Europas Migrationspolitik dominiertDie rechte italienische Ministerpräsidentin und ihre linke dänische Amtskollegin machen gemeinsame Sache in der europäischen Migrationspolitik – und bringen ihre innenpolitischen Gegner in Verlegenheit.13.08.2026, 15.45 Uhr5 LeseminutenBestes Einvernehmen: Giorgia Meloni (links) und Mette Frederiksen anlässlich eines Treffens in Kopenhagen im Oktober 2025.Mads Claus Rasmussen / ImagoZwischen Rom und Kopenhagen liegen zweitausend Kilometer und tausend Unterschiede – geografische, kulturelle, politische. Trotzdem bilden die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni und ihre dänische Amtskollegin Mette Frederiksen derzeit ein harmonisches Gespann. Es stellt den «deutsch-französischen Motor», die Allianz der «frugalen vier», die «Visegrad-Gruppe» und wie die zahlreichen EU-Machtblöcke sonst noch heissen, in den Schatten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Sachen Migrationspolitik jedenfalls geben die Sozialistin aus Aalborg und die Rechtsaussenpolitikerin aus dem Arbeiterviertel Garbatella in Rom den Takt an. Kaum 24 Stunden nach den Ereignissen von Ceuta setzten die beiden ein Schreiben auf, worin sie die spanische Regierung heftig kritisierten und eine schärfere Kontrolle der Aussengrenzen sowie die Einberufung einer sofortigen Sondersitzung der europäischen Innenminister verlangten. Der Brief erhielt die Unterstützung der meisten EU-Staaten.«Best, Giorgia and Mette»Zehn Tage später doppelten sie nach, diesmal ohne äusseren Anlass. In einem gemeinsamen Post in den sozialen Netzwerken formulierten sie am Montag eine Art Manifest. Es verbinde sie der «Wunsch, Europa zu verteidigen», heisst es darin unter anderem.Es tönte wie eine nachgereichte übergeordnete Begründung für den Aktivismus der ersten Stunden. Es steht viel auf dem Spiel, lautet die Botschaft. «Wir beide sind stolz auf das christliche kulturelle Erbe Europas und wollen es schützen.» Diejenigen, die «nach Europa kommen und dieses zu ihrer Heimat machen wollen», fordern sie auf, «unsere Werte zu respektieren und nicht zu versuchen, uns Lebensmodelle aufzuzwingen, die wir nicht teilen».Es war die letzte Verlautbarung von Meloni und Frederiksen in einer ganzen Reihe gemeinsamer Aktionen. Bereits im Oktober 2024 legten die beiden den Grundstein für die Bildung einer informellen Ländergruppe, die unter dem etwas sperrigen Titel «like-minded» Eingang in den Jargon gefunden hat. Sie fordert eine härtere Gangart in der Migrationspolitik und umfasst inzwischen fünfzehn EU-Länder, die sich jeweils im Vorfeld von wichtigen Treffen auf EU-Ebene absprechen.Ursprünglich ging es Giorgia Meloni vor allem darum, für ihr Albanien-Modell und andere Ansätze bei der Rückführung von Migranten und der Auslagerung von Asylverfahren zu werben und diese breiter abzustützen. In Italien selbst wurde die Regierungschefin immer wieder von den Gerichten ausgebremst.Mit dem am 12. Juni in Kraft getretenen europäischen Asyl- und Migrationspakt hat die «like-minded»-Gruppe ein wichtiges Etappenziel erreicht. Giorgia Meloni und Mette Frederiksen dürfen es sich – zumindest teilweise – auf ihre Fahnen schreiben.Die jüngste Erklärung in den sozialen Netzwerken, garniert mit einem Bild, auf dem die beiden um die Wette strahlen, gibt ihren Bemühungen nun ein Gesicht. «Best, Giorgia and Mette», ist die Botschaft unterzeichnet – wie ein Brief zweier Freundinnen, die zu einer gemeinsamen Party einladen.Wie «Thelma and Louise»?Es ist ein Paar, das auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnte. Hier die von ganz rechts aussen kommende italienische Politikerin, die ein grosses EU- und ein G-7-Land vertritt, einen Mittelmeeranrainer-Staat zudem, dort die sozialdemokratische Vertreterin eines Kleinstaats, der an die Ost- und die Nordsee grenzt.Beobachter in Italien spekulieren inzwischen, wie man die beiden nennen könnte. «The odd couple» etwa? Das seltsame Paar aus dem legendären Film von 1968 mit Walter Matthau und Jack Lemmon in den Hauptrollen? Oder «Thelma and Louise», wie der «Corriere della Sera» unter Verweis auf einen anderen Kassenschlager schreibt? Oder «Meloniksen» – als Weiterung von «Merzoni», wie man das Duo Merz und Meloni nach dem einvernehmlichen deutsch-italienischen Regierungstreffen vom letzten Januar in Rom bezeichnet hatte?Italien ist verrückt nach solchen Begriffen, die signalisieren sollen, dass hinter einem politischen Zweckbündnis mehr steckt als nur Übereinstimmung auf der Sachebene.Tatsächlich fällt auf, dass sich Meloni und Frederiksen auch persönlich sehr gut verstehen. Die Bilder der zahlreichen bilateralen Treffen sprechen Bände.«Complicità» nennen das die Medien hier – ein Begriff, für den es keine angemessene deutsche Übersetzung gibt, der aber so viel bedeutet wie Verbundenheit, Vertrautheit, Zusammenhalt durch dick und dünn. Melonis deutliche Absage an Trumps Grönland-Pläne hat viel damit zu tun. Dafür hat sie sogar ihren ursprünglichen Wunsch nach einer privilegierten Beziehung zum amerikanischen Präsidenten aufs Spiel gesetzt.Dass Meloni und Frederiksen aus einfachen Verhältnissen stammen, den gleichen Jahrgang haben (1977), private Umbrüche und Trennungen erlebt haben und Mütter sind, mag ebenso eine Rolle spielen wie die Tatsache, dass sie derzeit die einzigen Frauen an der Spitze von Regierungen innerhalb der EU sind. In der Erklärung vom 10. August weisen die beiden explizit auf diesen Umstand hin.Schutz des WohlfahrtsstaatesDaneben steckt aber auch ganz viel politisches Kalkül hinter der «entente cordiale» zwischen Rom und Kopenhagen. Meloni sieht sich seit einigen Monaten unter Druck von rechts. Der ehemalige Armeegeneral Roberto Vannacci plädiert für eine noch härtere Gangart in der Sicherheits- und Migrationspolitik und hat damit einigen Erfolg. Seine neu gegründete Partei «Futuro Nazionale» legt in den Umfragen zu und könnte der Regierungskoalition Stimmen abgraben. Für die Regierungschefin geht es deshalb auch darum, die Hoheit über die Migrationspolitik zu wahren und zu zeigen, dass sie mit ihrem harten Kurs in Europa Erfolg hat und es keinen Anlass gibt, der Brachialpolitik des Generals zu folgen.Im Fall von Frederiksen muss man etwas in die Vergangenheit blicken. Als Frederiksen 2019 die Sozialdemokraten in Dänemark zurück an die Regierungsmacht brachte, hatte dies vor allem damit zu tun, dass sie die restriktive Migrationspolitik ihrer bürgerlichen Vorgänger weiterführte.Das sei «essenziell sozialdemokratische Politik», hiess es damals. Und zur Begründung führte sie an, sie wolle die Interessen der Arbeiter und den dänischen Wohlfahrtsstaat schützen. Das aber könne nur gelingen, wenn das System nicht durch zu viele Zuwanderer aus dem Gleichgewicht geworfen werde, argumentierte sie. Damit kaufte Frederiksen den Rechtsnationalen in ihrem Land den Schneid ab. Seither hält sie an dieser Politik fest und ergänzt sie um sicherheitspolitische Argumente – mit Erfolg.Sánchez' nachlassende StrahlkraftFür die italienische Sozialdemokratie scheint das kein gangbarer Weg zu sein. Italien verfügt über keinen mit Dänemark vergleichbaren Sozialstaat. Entsprechend wird in der Migrationsfrage hier auch nicht primär über Sozialpolitik gestritten, sondern über andere Themen: Wie geht man mit dem Elend der Bootsmigranten um, wie hindert man sie an der Überfahrt über das Mittelmeer, wie organisiert man den im Vergleich zu Dänemark zahlenmässig ungleich höheren Ansturm?Während es in Dänemark in Sachen Zuwanderung um Besitzstandswahrung geht, herrscht an Italiens Grenzen ein fast permanenter Notfall. Statt nach Dänemark hat Italiens Linke deshalb lange nach Spanien geschaut, wo sich ähnliche Probleme stellen. Die Politik des Sozialdemokraten Pedro Sánchez galt dem Partito Democratico um Elly Schlein als Vorbild: Statt von Abschottung redete Sánchez von Integration und Regularisierung.Doch Ceuta hat die Wahrnehmungen verändert. Sánchez’ Popularität nimmt ab. Giorgia Meloni hat das sofort begriffen und nutzt es geschickt aus. Auf ihr Einvernehmen mit Frederiksen hat die Opposition einstweilen noch keine Antwort gefunden. Die «complicità» von Meloniksen bringt Italiens Linke in Verlegenheit.Passend zum Artikel
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