WELT-Kolumnist Henryk M. BroderQuelle: Martin U. K. Lengemann/WELTIch verstehe, dass Ihr Euer Land verlassen möchtet. Aber macht Euch keine Illusionen: Die „Willkommenskultur“ ist vorbei, Europa will Euch nicht.Ich schreibe Euch, nachdem ich im Internet gelesen habe, es gebe Vorbereitungen für einen zweiten Sturm auf Ceuta, der am 15. August stattfinden soll. Ich hoffe, es ist nur ein Gerücht, das jemand in die Welt gesetzt hat, der an seinem Computer sitzt und mit ein paar Klicks Geschichte schreiben will, ein Player, dem „Mad Max“ und „Ghostrunner“ zu langweilig geworden sind. Es könnte aber auch mehr sein – eine wohlüberlegte Aktion, mit der bewiesen werden soll, dass die Europäische Union nicht in der Lage ist, ihre Grenzen zu schützen, nicht einmal dann, wenn sie vorher darüber informiert wird, dass eine größere „Operation“ bevorsteht.Was immer es ist, Ihr würdet in jedem Fall Statisten sein, die ihr Leben riskieren, um einen Grenzzaun zu überwinden. Wer den Versuch überlebt, wird dahin zurückgeschickt, wo er hergekommen ist. Ceuta gehört zu Spanien, aber nicht zum Schengen-Raum. Und die wenigen, die es tatsächlich – und sei es mit Hilfe von Schleppern – auf die andere Seite der Straße von Gibraltar, auf das spanische Festland, schaffen werden, sollten wissen, worauf sie sich einlassen: ein Leben am Rande des Existenzminimums und der Legalität.Denn die „Willkommenskultur“ ist Geschichte. Eiferten die Gemeinden vor Jahren noch darum, möglichst viele Flüchtlinge aufzunehmen und sie mit allem zum Leben Notwendigen zu versorgen, will die Politik heute alle Anreize für illegale Migration beseitigen, die sogenannten Pull-Faktoren, die Deutschland so anziehend gemacht haben. Statt Geld sollen Asylbewerber, so fordern es viele, nur noch „Sachleistungen“ erhalten: Brot, Bett und Seife. Es soll auch mehr „Abschiebungen“ geben, vor allem in Länder, die von der EU als „sicher“ eingestuft worden sind, und zu ihnen gehört auch Marokko. Seit 26 Jahren regelt ein EU-Mittelmeer-Assoziationsabkommen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Marokko und der EU. Marokko ist der wichtigste Handelspartner der EU unter den „Ländern der südlichen Nachbarschaft“, und die EU ist der größte ausländische Investor in Marokko. Verglichen mit anderen arabischen Ländern, auch Euren Nachbarn im Osten und Südwesten, ist Marokko beinah ein Paradies, wenn auch nicht für alle Marokkaner.Lesen Sie auchFlüchtlinge, vor allem junge Männer, die in Ceuta von Reportern interviewt wurden, erzählten übereinstimmend, sie wollten ihre Heimat verlassen, weil sie keine Arbeit finden könnten, schon gar nicht eine, die es ihnen ermöglichen würde, eine Familie zu ernähren.Ich nehme an, dass es tatsächlich so ist. Dass die guten Jobs knapp und die schlechten unterbezahlt sind. So sehr es mir leidtut – die Zustände in Eurem Land sind nicht mein Problem. Marokko ist eine konstitutionelle Monarchie, es hat eine international anerkannte Regierung und ist in allen internationalen Organisationen vertreten, von den Vereinten Nationen über die Afrikanische Union und die Arabische Liga bis zum Weltpostverein. Es gibt Gewerkschaften in Marokko, die von ihrem Streikrecht gerne Gebrauch machen. Es gibt sogar freie Wahlen zu einem Mehrparteien-Parlament, die nächsten sind für den 23. September dieses Jahres geplant. Allerdings ist Politikverdrossenheit unter jungen Menschen weitverbreitet, nur wenige lassen sich als Erstwähler registrieren, dafür „denkt mehr als die Hälfte aller 18- bis 29-Jährigen darüber nach, aus Marokko auszuwandern“, heißt es in einem aktuellen Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung, die in Rabat, der Hauptstadt von Marokko, ein Büro unterhält.Lesen Sie auchDas sind Umstände, die einen politischen Wandel erschweren, oft auch unmöglich machen. Freilich, in keinem Land der Welt verzichten die Eliten freiwillig auf ihre Privilegien, um Platz für Nachrücker zu machen. Der lange Marsch durch die Institutionen ist kein Spaziergang.Peter Scholl-Latour hatte rechtIhr löst kein Problem, wenn Ihr über Ceuta oder auf anderen Wegen zu uns kommt, Ihr macht nur Euer Problem zu unserem. Wir müssen Euch versorgen, unsere Ressourcen mit Euch teilen. Anfangs haben wir es gerne getan, nun aber, angesichts der Folgen der Massenzuwanderung, steht die Frage im Raum, ob der Preis, den wir für unser Gutsein zahlen, nicht doch zu hoch ist. Wer anhand der offiziellen Polizeilichen Kriminalstatistik darauf hinweist, dass nicht-deutsche Tatverdächtige bei Gewaltdelikten und Messerangriffen überproportional vertreten sind, gerät schnell in den Verdacht, ein Rassist zu sein. Ältere Semester erinnern sich an eine Vorhersage von Peter Scholl-Latour: „Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern wird selbst Kalkutta.“Ich bedauere das sehr, denn im Prinzip bin ich dafür, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, dort zu leben, wo er leben möchte. Die Deutschen in Österreich, die Polen in Deutschland, die Dänen in Griechenland, die Franzosen in Ungarn, die Schweizer in Portugal, die Portugiesen in Irland.Wie gesagt, im Prinzip. In der Praxis ist es etwas komplizierter. Diejenigen, die schon länger hier leben, wollen nicht von denjenigen überrannt werden, die neu dazukommen. Das Gefühl, zunehmend fremd im eigenen Land zu sein, ist keine Einbildung, sondern gelebte Realität, wenn vollverschleierte Frauen das Stadtbild in den Fußgängerzonen bestimmen und Gerichte darüber entscheiden müssen, ob das „Kopftuch“, das weit mehr ist als eine Kopfbedeckung, im Öffentlichen Dienst getragen werden darf. Es sind Zeichen einer schleichenden Veränderung, jedes für sich harmlos, in der Summe aber verstörend.Lesen Sie auch„Unser Land“ ist, wie von Katrin Göring-Eckardt im November 2015 vorhergesagt hat, „jünger, bunter und auch religiöser“ geworden. „Unser Zusammenleben muss täglich neu ausgehandelt werden“, wie es sich die SPD-Politikerin Aydan Özoguz in einem Strategiepapier vom September 2015 gewünscht hat. Vielen ist das zu mühsam, sie möchten unser Zusammenleben nicht täglich neu aushandeln, sondern sich darauf verlassen, dass Regeln, die gestern gegolten haben, heute und morgen gültig bleiben. Das ist in Deutschland nicht mehr der Fall. Damit der Laden funktioniert, werden die Regeln der Realität angepasst. Um noch mehr Schulden machen zu können, wird das Grundgesetz husch-husch geändert, und wenn das Messer immer öfter zur Tatwaffe wird, werden „Messerverbotszonen“ eingerichtet.Was hat das alles mit Ceuta zu tun? Liebe Marokkaner und Marokkanerinnen, ich weiß nicht, woher Ihr Eure Informationen bezieht, vermutlich aus dem Internet. Ihr braucht ein Update. Deutschland ist tatsächlich jünger, bunter und auch religiöser geworden, zugleich aber auch kälter, sparsamer und bürokratischer. Ihr habt keine Ahnung, was Euch erwartet, falls Ihr es tatsächlich schafft, nach Deutschland zu kommen: kein Selbstbedienungsladen, aus dem sich jeder holen kann, wonach ihm der Sinn steht, sondern ein bürokratisches Monster. Ihr werdet nicht verhungern und nicht erfrieren, Ihr müsst Euch nur auf ein längeres Darben in einem Übergangsheim einstellen. Ihr werdet nicht als Flüchtlinge anerkannt, ihr bekommt allenfalls eine zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis. Spätestens nach zwei bis drei Monaten werdet Ihr Euch fragen, ob es sich gelohnt hat, dafür Euer Leben zu riskieren. Für ein Bett, ein Stück Seife, einige Scheiben Brot und ein kleines Taschengeld.Und zurück nach Marokko könnt Ihr nicht, Ihr wollt nicht als Versager vor Euren Familien stehen, die gehofft haben, Ihr würdet sie eines Tages zu Euch holen, nach Gelsenkirchen, Dinslaken und Angermünde.Deswegen bitte ich Euch: Kommt nicht nach Ceuta, lasst den 15. August verstreichen! Etwas Besseres als den Tod in den Wellen des Mittelmeeres werdet Ihr auch daheim finden.
Liebe Marokkanerinnen und Marokkaner, bleibt zu Hause! - WELT
Ich verstehe, dass Ihr Euer Land verlassen möchtet. Aber macht Euch keine Illusionen: Die „Willkommenskultur“ ist vorbei, Europa will Euch nicht.








