PfadnavigationHomeICONISTTrendsKeramikkunstWie ins blaue Meer getauchtStand: 12:59 UhrLesedauer: 4 MinutenSkulptural und funktional zugleich: aus Aldo Londis Serie Rimini Blu mit der leuchtend blauen GlasurQuelle: Bitossi/DLS StudioManchmal sind Objekte in Häusern viel interessanter als ihre Bewohner. Und dann denkt man am nächsten Tag, was war das doch für ein wunderschöner Abend – und meint die Vase. Besuch der toskanischen Meistermanufaktur Bitossi für Keramik.An manchen Orten scheint die Zeit nahezu stillzustehen. In der Keramik-Werkstatt von Bitossi sieht man sie förmlich in der Luft: feinste Staubpartikel, Millionen Jahre Erdgeschichte, die sich auf Hände, Schürzen und Werkbänke legen. Eine beinahe unwirkliche Ruhe erfüllt den Raum. Formen, Drehen, Glätten – Wasser, Ton, Geduld.Das Unternehmen, wenige Kilometer von Florenz im toskanischen Montelupo Fiorentino gelegen, ist weltbekannt. Aber erst ein Besuch der Manufaktur – und mehr noch ihres Museums – zeigt die wirkliche Kunst der über Generationen gewachsenen Handwerkspracht.Lesen Sie auchSeit den 1950er-Jahren verbindet Bitossi Tradition mit dem künstlerischen Temperament internationaler Designer, erzählt Ginevra Bocini Bitossi, die in vierter Generation an der Spitze des Unternehmens steht. Größen wie Nathalie du Pasquier, Martino Gamper oder Muller Van Severen und Marken wie Gucci oder Fornasetti haben mit dem Atelier zusammengearbeitet. Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1871 zurück. Einen entscheidenden Modernisierungsschub leitete Guido Bitossi ein, der 1921 die Führung übernahm.Den Wandel zur internationalen Designmarke prägte ab 1946 Aldo Londi – ein eigentlich bis heute nicht ausreichend gewürdigter Keramik-Maestro, Lehrherr späterer Gestalter wie Ettore Sottsass, dessen Farben und Formen Bitossi weltbekannt machten – allen voran Londis legendäre Serie Rimini Blu mit den typisch eingeritzten Ornamenten und der tiefblauen Glasur. Was ihrer Farbgebung die magische Tiefe verleiht, bleibt bis heute Familiengeheimnis. Frühere Exemplare schimmern in Blau-, Grün- und Türkistönen. Nachfragen hilft wenig – Ginevra Bitossi spricht lieber über den Namen des Dekors: „Die Kollektion war eine Hommage an Rimini, das damals zum Symbol des italienischen Nachkriegsoptimismus und des aufkommenden Lebensgefühls vom Dolce Vita geworden war.“ Kreative wie Londi holten das Künstlerische in den Alltag und erhoben Gebrauchsgegenstände zu Objekten, die ein Stück Lebensfreude und Individualität versprachen. Insbesondere die Vintage-Stücke erleben derzeit einen regelrechten Boom, Londis Lampen und Schalen aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Lesen Sie auchAuf Online-Plattformen wie 1stDibs wird eine Vase für mehr als 7000 Euro angeboten. Mit Geduld und Glück wird man auch auf Etsy oder eBay fündig, bedeutend preiswerter. Nur ist die Identifikation oft heikel: Unterschiedliche Signaturen und zahlreiche Kopien erschweren die Zuordnung. Ist ein Stück ungewöhnlich leicht, ist zumindest Skepsis angebracht.Es geht um Qualität und Beständigkeit, um Dinge, die auch ein Gefühl transportieren, weil man die Seele des Handwerks dahinter spürtUnbestritten bleibt: Keramik ist ein Werkstoff der Wiederkehr. Die Faszination begann mit der Venus von Dolní Věstonice. Die Elf-Zentimeter-Figur mit üppigen Brüsten und Hüften, 1925 im heutigen Tschechien entdeckt, gilt als das älteste bekannte Keramikobjekt der Welt, lange vor der Erfindung von Tongefäßen und Tischkultur. 30.000 Jahre später wurde das Material zum Inbegriff bürgerlicher Behaglichkeit mit Hänge-Likör-Set und avocadogrüner Badezimmerfliese in den 70er-Jahren. Sammler bildeten einen überschaubaren Kreis. Workshops an der Drehscheibe standen für Selbstfindung, nicht für zeitgenössisches Design. Seit der jüngeren Vergangenheit gilt Keramik wieder als cool. Namen wie Heath Ceramics, Anut Cairo, Adam Ross oder die dänische Marke Kähler genießen Kultstatus. „Weil es etwas Urmenschliches berührt“, sagt Ginevra. „Man möchte sie anfassen, Keramik ist ein tröstender Kontrast unseres digitalen Alltags.“ Es gibt kaum etwas Greifbareres, Analogeres und Ursprünglicheres.Kein Wunder, dass viele gerade wieder Feuer fangen – vom Designer bis zum Hobbykünstler. Steingut muss eben auch gar nicht streng und perfekt sein, wie Londi stets betonte. Keramik ist vielmehr die lustige Schwester des Porzellans. Seine Menagerie – darunter seine „Tube Cat“, eine halb abstrahierte Katze mit zylinderförmigem Körper und dem scheibenförmigen Kopf wie eine Sonne, seine Eulen, Hühner, Pferde und – natürlich – Dackel – erheitert bis heute große wie kleine Sammler.Lesen Sie auchMit der Serie „Rimini Blu – Le Miniature“ – einer Auswahl seiner Tiere und Objekte in Kleinformat – feiert Bitossi jetzt das 70. Jubiläum seiner Stempelgravur. Das „Archivio Museo“ des Hauses ist überhaupt ein tägliches Fest, Bühne für wegweisende Werke wie die berühmten Sottsass-Totems. Eine Schatztruhe mit etwa 7000 Arbeiten aus über einem Jahrhundert Keramikgeschichte. Erstmals wurden nun ausgewählte frühere Entwürfe aus dem Archiv neu aufgelegt – für eine limitierte Edition für die Designplattform Abask, die dort ab September erhältlich ist. Und wer jetzt Lust bekommen hat, sich auch mal selbst im Töpfern zu versuchen, greift zum „Handbuch Keramik“, dem Standardwerk der britischen Keramiker Duncan Hooson und Anthony Quinn. Mit einer ermutigenden Stimme weckt es die Gewissheit, dass in jedem von uns ein Künstler steckt.