Hätte Julia Krajewski jedes Mal einen Nickel gesetzt, wenn ihr Pferd einen Geländekurs erfolgreich absolvierte, wäre sie damit zwar nicht reich geworden, sie würde nun aber über eine stattliche Münzsammlung verfügen. Ein müßiges Gedankenspiel. Die Vielseitigkeitsreiterin hat etwas viel Wertvolleres in ihrem Stall – einen Nickel mit dunkelbraunem Fell, das Pferd mit selbigem Namen, mit dem sie bei den Weltmeisterschaften in Aachen startet.Gewettet, dass aus dem Holsteiner ein Medaillenkandidat wird, der die Karriere der Olympiasiegerin maßgeblich beeinflussen würde, hätten wohl die Wenigsten. Nickel sollte eigentlich ein Springpferd werden, tat sich in dieser Disziplin in jungen Jahren aber nicht besonders hervor. So kam er zu Krajewski, die schauen sollte, was er noch so kann. Und siehe da: Mit Geländehindernissen tat er sich nicht schwer.Sicher auf jedem Level„Für Nickel gab es anfangs keinen richtigen Plan“, erzählt sie, „er machte immer alles sehr unkompliziert und ordentlich, aber man hätte damals, als er zu mir kam, nicht gedacht, dass er mal ein Aachen-Sieger wird – egal in welcher Disziplin.“ Also wurden geeignete Käufer für das Pferd gesucht und in Familie Rössel gefunden, deren Tochter Sophia zu dieser Zeit eine ambitionierte Vielseitigkeitsjuniorin war und ohnehin schon bei Julia Krajewski in Warendorf trainierte. Nickel musste nicht umziehen, und als Sophia Rössel ein Auslandsjahr einlegte, übernahm ihn Krajewski wieder.So entwickelte er sich stetig weiter, „ging jedes Level mehr“, erinnert sie sich, „auch wenn man dachte, vielleicht ist hier die Grenze“. Ein Start bei den Olympischen Spielen von Paris stand damals noch nicht zur Debatte, Krajewski hatte in Amande ein Spitzenpferd, mit dem sie Olympiasiegerin geworden war und im Jahr darauf WM-Zweite. Doch die Stute erlitt eine langwierige Hufverletzung. Derweil machte Nickel seine Sache so gut, dass er zur Olympiasichtung beim CHIO Aachen antreten durfte – und gewann.„Spätestens da war klar, dass er es nach Paris schaffen wird. Und dann hat er auch dort einen super Job gemacht.“ Eigentlich waren die beiden als Reservisten nach Frankreich gereist, rückten aber kurzfristig ins Team nach. Allzu große Erwartungen gab es nicht, doch Nickel erledigte wie zuvor ganz unaufgeregt seine Aufgaben, selbst die Zehntausenden Zuschauer am Geländetag im Schlosspark von Versailles beeindruckten ihn nicht. Als Elfter rutschte er zwar knapp aus den Top Ten, doch: Julia Krajewski hatte wieder ein Spitzenpferd im Stall.Dank Nickel verknüpfte die 37-Jährige ihre Vielseitigkeitskarriere mit neuen, schönen Momenten. Ihre ersten Olympischen Spiele mit Samourai 2016 in Rio de Janeiro waren enttäuschend verlaufen. Auch dort rückte sie kurzfristig nach einem Ausfall ins Team – und schied im Gelände aus. Die Spiele von Tokio fünf Jahre später wurden zwar zu ihrem bisher größten Triumph, als sie zur ersten Olympiasiegerin der Vielseitigkeitsgeschichte wurde. Doch olympisches Flair kam in der Pandemie-Atmosphäre kaum auf.Endlich Olympische Spiele genießenIn Paris kam wieder alles anders. „Ich wusste ziemlich genau, wie Nickel sich im Gelände und auf dem Turnier verhält und dass auf ihn Verlass ist, obwohl er noch recht jung war“, so beschreibt sie es in ihrer Biographie „Gold war mehr als Glück“, die sie zusammen mit der Journalistin Karolin Leszinski verfasst hat. „Ich hatte keine Sorge, dass etwas schiefgehen würde. Und dann, beim dritten Mal, war ich in der Lage, Olympische Spiele auch zu genießen.“Julia Krajewskis Karriere stand immer mal wieder auf der Kippe, nicht nur nach Amandes Verletzung. Samourais Laufbahn endete wegen einer Augenentzündung. Sein Nachfolger Chipmunk wurde verkauft und später mit Michael Jung Olympiasieger. Alle drei Pferde kannte sie lange, wuchs mit ihnen in den Sport hinein. „Nicht aus jedem Pferd wird ein Championatspferd“, sagt Krajewski. „Der Weg dorthin ist mit einem großen Risiko behaftet. Deshalb bin ich auch sehr kritisch, wenn mir ein Pferd angeboten wird. Manchmal sieht man etwas in einem Pferd, und manchmal passt es einfach nicht.“Mit Glück und ZufallUnd manchmal hilft der Zufall mit. Inzwischen gehört Nickel wieder Bernd Heicke vom Gestüt Fohlenhof, von dort kam das Pferd ursprünglich zu Krajewski. Heicke ist einer ihrer langjährigen Förderer. „Er hat ihn für mich zurückgekauft. Das ist sehr besonders, und es gehörte auch Glück dazu, dass sich alles so entwickelt hat.“ Denn wäre Nickel damals nicht ausgerechnet an Familie Rössel verkauft worden, sodass er in Krajewskis im Stall blieb – „dann hätte Professor Heicke ihn nicht so einfach zurückkaufen können. Und dann wäre er auch nicht wieder zu mir gekommen.“Die EM in England im vergangenen Jahr ließ Krajewski aus, sie weiß jetzt, was sie ihrem Pferd zutrauen kann, was ihm liegt und was nicht. Nach Paris gab es also endlich einen Plan für Nickel: auf direktem Wege zur WM nach Aachen. Denn, das hat er bewiesen: Dieser Kurs kommt ihm entgegen. Am Freitag steht zunächst die Dressur an, am Samstag dann die Geländeprüfung.Trotz der leidlichen Erfahrung, dass es immer anders kommen kann, als man denkt – ein gewisses Urvertrauen darf Julia Krajewski schon in Nickel setzen, der sie im Gelände noch nie hat hängen lassen: „Mittlerweile überrascht er mich nicht mehr so. Er ist ein unheimlich ehrliches Pferd, unkompliziert, zuverlässig. Man reitet los, und er macht es. Das gibt einem als Reiter ein sicheres Gefühl.“