Am Ende seines gelungenen Grand-Prix-Rittes auf Camelot hatte Raphael Netz das Bedürfnis, Danke zu sagen. All denen, die ihm diese Premiere in einem deutschen Championatsteam ermöglicht hatten, vor allem aber seinem Pferd. Der holländische Wallach blieb gelassen im großen Aachener Stadion; falls er doch mal zum riesigen Screen schielte, genügte „eine kleine Hilfe von mir, um ihn wieder aufmerksam zu machen“. Fast alles gelang gut, nur bei den Galoppwechseln von Sprung zu Sprung verhedderte sich Camelot. „Das war meine Schuld, ich habe meine Technik umgestellt, und da war er einen Moment verwirrt“, sagte Netz.Doch als die Endnote (73,338 Prozent) durchgegeben wurde, das Publikum dem Paar zuklatschte, „war das ein schöner langer Weg zum Ausgang“. Die Darbietung hatte ihnen die vorläufige Führung in der Dressurweltmeisterschaft beschert.Reit-WM in Aachen:Die Pferde sind die VIPsSiebzig Nationen haben sich bei der Reit-WM in Aachen angesagt. Reelle Medaillenchancen hat in den olympischen Disziplinen aber nur eine Handvoll Länder. In der Dressur sind die Deutschen nicht mehr die Könige von einst.Raphael Netz erfüllt ziemlich perfekt das Klischee vom idealen Schwiegersohn: höflich, strebsam, mit einer vielversprechenden Zukunft als Dressurreiter und -trainer. Das alles gefällt sicherlich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, mit dessen Tochter Selina zusammen Netz einen Ausbildungsstall für Dressurpferde in Moosburg an der Isar bei München betreibt. Auch privat sind die beiden ein Paar. „Ich möchte einer der besten Dressurreiter der Welt werden. Damit meine ich, dass ich jedem Pferd gerecht werden und mit jedem mein Bestes geben möchte und schauen will, dass sie glücklich sind“, sagte Netz. Das klingt gut, abgewogen, sympathisch. Da hat einer beim Medientraining zugehört.Der Weg ins deutsche Dressurteam war Raphael Netz nicht vorgezeichnetDoch es wäre ungerecht, diesen jungen Mann von 27 Jahren auf sein geschliffenes Auftreten zu reduzieren. So wie er redet, reitet er auch. Ein eleganter Sitz, der im internationalen Dressursport seinesgleichen sucht. Ganz fein, für Zuschauer unsichtbar, wirkt Netz auf sein Pferd ein, redet mit ihm quasi ohne Worte. Der verstorbene Bundestrainer Johnny Hilberath bezeichnete ihn als „Kommandozentrale im Sattel“, so präzise gibt er seine Hilfen. Der Vergleich hinkt ein wenig, denn die Kommandos werden nicht gebrüllt, nicht mal geflüstert, sondern quasi durch unsichtbare Vibes übertragen. Der 15-jährige Wallach ist kein Überflieger, bei dem die Menschen den Atem anhalten. Er durchmisst die Diagonale nicht mit Siebenmeilenstiefeln wie einige seiner Konkurrenten. Aber das Paar strahlt eine Harmonie aus, die vielen spektakulärer agierenden Stars abgeht. Mensch und Pferd sind die Einheit, von der die Reitlehre schwärmt, die aber selten erreicht wird. Sieht so ein glückliches Pferd aus? Man weiß nicht, was Pferde unter Glück verstehen, aber Camelot scheint mit sich und der Welt im Reinen.Der Weg ins deutsche Dressurteam war Raphael Netz nicht vorgezeichnet. Kein Elternhaus, in dem schon beim Frühstück über Pferde gesprochen wird, keine teuren Pferde, keine Spitzentrainer säumten seinen Weg. Dafür ging für ihn eine unbändige Faszination von diesen großen, starken und dabei so sanftmütigen Tieren aus. Als er neun Jahre alt war, hatte er seine Eltern so weit: Er bekam das erste eigene Pferd. Einen Haflinger namens Aki, der ihm vom ersten Moment an auf der Weide hinterhergelaufen war wie ein Hund, nicht wirklich ein Dressurpferdemodell, aber lieb. Doch es wurde nicht nur gekuschelt.Der sportliche Ehrgeiz bei Netz war erwacht. Der kräftige kleine Haflinger lernte Dressur, verblüffte die Experten mit Lektionen der schweren Klasse. Immer mehr Besitzer vertrauten dem begabten Jungen ihre Pferde an, das blieb nicht unbemerkt. Und jetzt beginnt das Märchen: Die spätere Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl entdeckte ihn im Internet. „Wow, der hat aber Gefühl“, soll sie gesagt haben. Per E-Mail bot sie ihm eine Stelle als Bereiter in ihrem Stall in Aubenhausen an.Mit den guten Werndl’schen Pferden nahm Netz’ Karriere schnell Fahrt auf, Erfolge ließen nicht auf sich warten: sieben Goldmedaillen bei Nachwuchs-Europameisterschaften. Der Sprung in die Grand Prix-Klasse ist für junge Reiter schwierig, dafür benötigt es ein Pferd, das auch die schweren Lektionen wie Piaffe und Passage beherrscht. Netz hatte Glück, dass Camelot in seinen Beritt kam; ein Pferd, das schon unter einer Schweizerin Grand-Prix-Erfahrungen sammelte, sich unter Raphael Netz kontinuierlich weiter entwickelte. So gut, dass er jetzt den Sprung ins deutsche Team schaffte, neben den Olympiasiegern Isabell Werth und Fredric Wandres und Europameisterin Katharin Hemmer.Andere würden jetzt von Olympia 2028 träumen, Raphael Netz aber nicht: „Sobald ich anfange zu träumen, geht was schief. Ich versuche, nicht in die Ferne zu gucken, sondern auf dem Boden zu bleiben und einen Fuß vor den anderen zu setzen.“