PfadnavigationHomeICONISTPartnerschaftBumble-Rückzieher„Weniger anstrengend“ – Warum Männer wieder den ersten Dating-Schritt machen sollenStand: 10:44 UhrLesedauer: 4 MinutenIst es Selbstbestimmung der Frau, wenn sie den ersten Schritt macht?Quelle: Mike Blake/REUTERSDie Datingapp „Bumble“ kippt ihr „women first“-Prinzip. Juristischer Druck und ein Stimmungswandel beim Feminismus treffen aufeinander – nun feiern viele Frauen den „alten“ ersten Schritt des Mannes.Jetzt also doch. Die Datingapp „Bumble“ leitet die Kehrtwende ein und gibt ihr Alleinstellungsmerkmal auf: Nun „dürfen“ auch Männer den ersten Schritt machen und Frauen anschreiben. Es war eine kleine Revolution des Dating-Lebens, 2014, zur Blütezeit der Dating-Apps. „Tinder“-Miterfinderin Whitney Wolfe Herd hatte damals „Bumble“ gegründet, die eine „Plattform der Liebenswürdigkeit“ sein sollte, denselben Wischmechanismus verwendete wie „Tinder“ und doch einen ganz anderen Ansatz verfolgte: Auf „Bumble“ musste stets die Frau die erste Nachricht an den Mann ihres Interesses schreiben. Nach einem erfolgreichen Match hatte die Frau 24 Stunden Zeit für ihre erste Kontaktaufnahme. Meldete sie sich in dieser Zeit nicht bei ihm, verfiel die Paarung. Es sollte um Wertschätzung, Respekt und Resultate gehen. Und um eine Machtverschiebung.„Der Mann, dem gesellschaftlich die Rolle als Eroberer zugeschrieben ist, hat traditionell in dem Spiel die ganze Macht – aber viele von ihnen erfahren immer wieder Zurückweisung“, erklärte Wolfe Herd damals im Interview mit WELT. „Darunter leidet sein Selbstbewusstsein, er fühlt sich unsicher, ist traurig. Diese Gefühle kann er aber nicht zulassen, man erwartet ja vom Mann, dass er stark ist. Also muss er seine Empfindungen anders kompensieren.“ Was wiederum zu aggressivem Verhalten, unhöflichen Nachrichten, Respektlosigkeit führen würde.Nichts ist mehr harmlosAll das sollte und wollte „Bumble“ abschaffen mit der Regel, dass nur Frauen Kontakt initiieren dürfen. Eine Regel, die die App berühmt und für eine Weile ziemlich erfolgreich machte (der Firmenwert lag zwischenzeitlich bei mehr als sieben Milliarden US-Dollar, die App hatte mehr als 40 Millionen aktive Nutzer) – und die nun offiziell und endgültig gekippt wird. Künftig können nach einem Match beide Personen den ersten Schritt machen. Die Antwortfrist wird von 24 auf 72 Stunden verlängert. „Bumble“ spricht von mehr Flexibilität, weniger Druck und besseren Voraussetzungen für echte Gespräche.Doch dahinter steckt wohl auch ein anderer Grund: Schon im Frühjahr dieses Jahres zeichnete sich nach einigem Hin und Her in der Strategie der Dating-App ab, dass „Bumble“ mit seinem „women first“-Ansatz in ein gesellschaftliches Klima geraten war, in dem so vermeintlich harmlose Regeln wie die Reihenfolge des Anschreibens für Grabenkämpfe zwischen Ideologien sorgten. Und in dem der „erste Schritt“ für Frauen tatsächlich für juristische Auseinandersetzungen sorgte, die das komplette Geschäftsmodell gefährdeten. Zwischen Juni und August 2023 soll das Unternehmen mehr als 20.000 Klageandrohungen erhalten haben, von Männerrechtlern, die angaben, dass sie sich vom Ansatz der App diskriminiert fühlten.Lesen Sie auchEs kam zu Vergleichen und Geldzahlungen, aber in einer Masse und Größenordnung, die das Unternehmen so nicht lange leisten konnte. So begann man ab 2024, Technologien vorzubereiten, die auch Männern die Kontaktaufnahme ermöglichen sollten. Man führte halbherzig Features ein, mit denen Männer per Emoji zuerst Interesse signalisieren durften („Opening Moves“). Intern sorgten die juristischen Auseinandersetzungen, der Kurswechsel, Entlassungen sowie technische Probleme für Unruhe, die App verlor User, ihren guten Ruf in Sachen „female empowerment“ und ihren Marktwert.2025 strich Bumble in manchen Ländern zunächst wieder die „Opening Moves“-Möglichkeit für Männer, nur um den alten, ersten Schritt des Mannes nun komplett zur neuen Strategie zu machen. „Frauen und Männer können nun den ersten Schritt machen“, verkündet die Pressemitteilung aktuell. Aus all den Tests und Experimenten, aus dem Vor und Zurück ist eine grundsätzliche Kurskorrektur geworden. „Frauen den ersten Schritt zu ermöglichen, war damals ein radikaler Gedanke“, sagt Wolfe Herd heute. „Doch ‚Women First’ bedeutete für uns nie, dass es nur einen richtigen Weg gibt, miteinander in Kontakt zu treten. Es ging immer darum, ein Dating-Erlebnis zu schaffen, das sich an den Bedürfnissen von Frauen orientiert und dadurch für alle bessere Ergebnisse ermöglicht.“Bumble erklärt den Schritt natürlich nicht mit den juristischen Problemen, sondern mit den Wünschen der Nutzer. Nach Unternehmensangaben bevorzugen inzwischen 66 Prozent der befragten Frauen, dass Männer den ersten Schritt machen. Viele würden das Dating dadurch als „weniger anstrengend“ empfinden. Zugleich sagen 92 Prozent der Frauen, dass sie dennoch weiterhin das Gefühl hätten, ihre Dating-Erfahrung selbst zu bestimmen.Lesen Sie auchDiese Zahlen widersprechen auf den ersten Blick der Grundannahme, auf der Bumble einst gegründet wurde. Damals lautete die Idee, Frauen durch die Möglichkeit, Initiative zu ergreifen, zu stärken. Es war die Zeit des „Girl Boss“, der traditionelle Machtverhältnisse aufbrechen wollte. Weibliche Unabhängigkeit bedeutete auch, selbst aktiv zu werden, sich vermeintlich „männlich“ zu verhalten. Heute scheint das Selbstverständnis des Feminismus ein anderes – Frauen wollen nicht einfach das machen (müssen), was Männer machen. Selbstbestimmung scheint für viele Nutzerinnen zu bedeuten: nicht Verpflichtung, den ersten Schritt machen zu müssen, sondern die Freiheit, entscheiden zu können, ob sie ihn machen möchten. Laut Bumble stehe weiterhin im Zentrum, Bedürfnisse von Frauen zu berücksichtigen. Es gibt daher Mechanismen, die verhindern sollen, dass sie wieder massenweise „Hi, na“ oder „wie geht’s“-Nachrichten bekommen. Die Aktie von Bumble stieg nach der Ankündigung um 5 Prozent, im vergangenen Jahr hatte sie 55 Prozent ihres Werts verloren.