Als Johannes Liebmann am Mittwochabend nach 800 Metern Freistil anschlug im Centre Aquatique Olympique, da verdunkelte sich nicht nur draußen der Himmel wegen der Sonnenfinsternis – drinnen spritzte es nur so um ihn herum. Denn als der erst 19-Jährige sah, dass er gerade EM-Gold mit neuem Europarekord gewonnen hatte, schlug der Schwimmer des SC Magdeburg mit seinen Händen wild aufs Wasser. 7:37,59 Minuten hatte Liebmann für die Strecke gebraucht, der zweite Deutsche Sven Schwarz sicherte sich in 7:41,16 Silber, vor dem Ungarn Zalan Sarkany (7:41,75), den er im Endspurt niederrang.Aber die Geschichte des Abends schrieb eindeutig Liebmann, der erste deutsche Europameister auf dieser Strecke. „Ich bin mega glücklich, mit der Goldmedaille habe ich geliebäugelt“, sagte er selbstbewusst, denn er weiß ja, was er kann. Im April hatte Liebmann in 7:37,94 Minuten bereits einen Europarekord auf dieser Strecke aufgestellt, seither war er auf dem Radar der Konkurrenz. Und nun unterbot er seinen eigenen Bestwert in Paris beim Saisonhöhepunkt.High Diverin Iris Schmidbauer:„Die mentale Verletzung ist oft viel größer als die körperliche“High Diverin Iris Schmidbauer spricht vor ihrem EM-Start in Paris über Sprünge aus 20 Metern in die Seine, blutigen Husten durch geplatzte Lungenbläschen – und das Nomadenleben mit ihrer fast zwei Jahre alten Tochter Leilani.Den Konkurrenten schwamm er auf den letzten 200 Metern einfach auf und davon. „Ich habe vorher ein bisschen Taktikbesprechung mit Bernd gemacht, wir haben telefoniert“, sagte Liebmann, Coach Berkhahn weilte während des Rennens noch in den USA, wo er sich die Olympiastätten und -strecken schon einmal angeschaut hat. Die Taktik ging auf.Den Namen Liebmann, der vor ein paar Monaten noch kaum einer breiteren Öffentlichkeit bekannt war, sollte man sich also merken. Er ist eines jener Talente, die in Berkhahns Magdeburger Trainingsgruppe zur nächsten großen Generation nach den Olympiasiegern Florian Wellbrock und Lukas Märtens werden können.Vor dem Wettkampf ist Liebmann ruhig. Vielleicht ist es das Selbstverständnis als Mitglied einer Gruppe, die seit Jahren die großen Schwimmtitel unter sich aufteiltDer Weg nach Magdeburg war nicht unbedingt vorgezeichnet. Liebmann wuchs in Flensburg auf, in der dortigen Schwimmhalle trainierte er in seiner Jugend unter Dennis Procks, seine Eltern hatten ihn einfach beim Verein angemeldet. „Dadurch, dass Flensburg nah am Wasser gebaut ist, also an der Ostsee, waren wir oft auch einfach am Strand“, erzählt Liebmann vor der EM in einem Telefonat. Mit fünfeinhalb Jahren habe er seinen ersten Schwimmkurs gemacht, die Eltern wollten, dass er wie seine Schwester und sein Bruder früh schwimmen lernt. Nach dem Bronze-Abzeichen bestritt er unter Procks die ersten Wettkämpfe. „Ich hatte mega viel Spaß dran, auch wenn ich nicht gut war am Anfang“, sagt Liebmann. Doch er wurde immer schneller.Als sein Vater aus beruflichen Gründen 2020 nach Elmshorn zog, ging die Familie mit ihm mit. Und Johannes schwamm unter dem neuen Trainer Jörg Bayer einfach weiter. Mit 16 wechselte Liebmann erneut, diesmal nach Magdeburg, zur Elitegruppe von Langstrecken-Bundestrainer Bernd Berkhahn. Seither trainiert er zusammen mit Wellbrock und Märtens, eine Situation, die kaum besser sein könnte für einen jungen Nachwuchsschwimmer. Liebmann ging parallel auf die Sportschule, machte sein Abitur, wohnte im zugehörigen Internat. Gerade ist er in eine eigene Wohnung gezogen. Der Anfang sei nicht immer einfach gewesen, „ich musste meine Familie und Freunde zurücklassen und habe viel mit meinen Eltern telefoniert. Aber mit der Zeit habe ich mich sehr gut eingelebt“, sagte Liebmann.„Dieses Taktieren, das strategische Verhalten, das macht mir mehr Spaß als 20 Sekunden einmal durchzuprügeln“, sagt Langstrecken-Liebhaber Johannes Liebmann. Sébastien Bozon/AFPEr mochte die langen Strecken schon immer gern, auch in der Jugend legten seine Trainer den Schwerpunkt auf die Ausdauer: „Auch dieses Taktieren, das strategische Verhalten, das macht mir mehr Spaß als 20 Sekunden einmal durchzuprügeln.“ In Magdeburg hat er nun sein optimales Biotop gefunden, mit einem Trainer, der laut Liebmann beides vereint, Zuckerbrot und Peitsche, und den „sein technisches Know-how auszeichnet. Er weiß, wie man eine Person individuell zu Ihrer Höchstleistung bringt, durch technische Anpassungen, aber auch durch trainingsmethodische Maßnahmen.“Liebmann, der sich als relativ selbstkritisch bezeichnet, sieht da noch einiges Potenzial, er findet noch viele Fehler bei sich. Andererseits darf sich der Deutsche Schwimm-Verband glücklich schätzen über ein solches Talent, über den Silber-Gewinner Schwarz nach dem EM-Wettkampf sagte: „Man konnte Johannes heute nicht schlagen, er war einfach zu stark.“Er habe sich selbst ein wenig gewundert, wie ruhig er vor dem Rennen gewesen sei, stellte Liebmann noch fest. Aber vielleicht ist es auch einfach das Selbstverständnis, einer Magdeburger Gruppe anzugehören, die seit Jahren die großen Schwimmtitel der Welt unter sich aufteilt. Und es ist ja noch nicht vorbei in Paris. Liebmann wie auch Schwarz treten bei dieser EM noch über 1500 Meter Freistil an. Ihre Chancen stehen auch dort nicht schlecht. Es muss ja nicht wieder gleich der Europarekord fallen.