Der Depression davonrennen: Wie Sport die Psyche stärktZwei grosse Studien aus diesem Jahr zeigen, dass Bewegung Depressionen bekämpfen kann. Wie das möglich ist und wie man die Sportart findet, die zu den eigenen Bedürfnissen passt.13.08.2026, 08.06 Uhr6 LeseminutenBewegung kann bei Depressionen hilfreich sein.ImagoAls die Depression endlich schwand, verlor Nita Sweeney die Kontrolle über ihren Körper. «Mein Mund bewegte sich unwillkürlich. Meine Hände fühlten sich an wie verkrampfte Klauen. Mein Hirn war gleichzeitig benebelt und scharfsinnig.» Sie war sicher: «Irgendetwas stimmt nicht.» Dabei war es ganz anders. Irgendetwas stimmte endlich wieder.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was die Amerikanerin erlebte, waren wahrscheinlich die Folgen einer zu hohen Medikamentendosis. Vier Mittel benötigte sie eine Zeitlang wegen ihrer psychischen Probleme: einer bipolaren Störung mit lange anhaltenden, schweren Depressionen, dazu kamen ausgeprägte Ängste, Suizidgedanken.«Die Medikamente retteten mein Leben», sagt Nita Sweeney. Aber irgendwann brauchte ihr Körper die vielen Tabletten nicht mehr. Seitdem genügt eine geringe Dosis eines einzigen Medikaments. Ihre Psychiaterin, so erzählt es Sweeney rückblickend, habe eine Vermutung gehabt, weshalb es ihr so viel besser ging: Nita Sweeney joggte seit einiger Zeit regelmässig.Und das kam so: Eine ehemalige Schulkameradin hatte einen Facebook-Post geschrieben: «Nennt mich verrückt. Aber das Laufen macht langsam richtig Spass!» Als Nita Sweeney diesen Post las, sass sie schwer depressiv auf dem Sofa und hatte das Gefühl, sie habe Blei in ihren Venen. Aber die alte Bekannte sei auch immer unsportlich und rundlich gewesen – und deshalb fragte sich Nita Sweeney: «Wenn sie das kann, vielleicht schaffe ich das auch?»Also nahm sie ihren Hund und ihren Küchen-Timer und ging hinaus. Am Tag eins joggte sie eine Minute, dann folgte eine 90-sekündige Pause. Ihre Gedanken danach: «O mein Gott. Ich bin gerannt. Ich habe dieses Jogging-Ding gemacht.» Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie ein Erfolgserlebnis.Fünfzehn Jahre sind ihre ersten Jogging-Versuche nun her. Nita Sweeney läuft immer noch. Mit ungeahnten Folgen für ihr psychisches Wohlbefinden. Darüber hat sie ein Buch geschrieben: «Depression Hates a Moving Target», zu Deutsch: Die Depression hasst ein bewegliches Ziel. Was sie erlebt, bestätigten in diesem Jahr zwei grosse Studien.Sport und seine antidepressiven AuswirkungenIm «British Journal of Sports Medicine» ist eine Übersichtsarbeit erschienen, für die 63 Studien ausgewertet wurden. Und auch das renommierte medizinische Forschungsnetzwerk Cochrane hat betrachtet, ob Sport bei Depressionen hilft. Die Autoren schlussfolgern jeweils, Sport sei hilfreich bei Depressionen und in seiner Wirkung vergleichbar mit Antidepressiva und Psychotherapie.Das klingt spektakulär. Doch es gibt Unsicherheiten. Zur Wahrheit gehört, dass es zwar viele Studien gibt, aber jeweils nur mit relativ wenigen Teilnehmern sowie kaum Langzeitbeobachtungen. Letztlich lassen sich Sport, Psychotherapie, Antidepressiva nicht genau gegeneinander abwägen. Das hat mit methodischen Herausforderungen in der Forschung zu tun.Dennoch: Ihr Körper habe durch die Bewegung offenbar so viele Glückshormone produziert, dass sie mit ihren Medikamenten in eine Überdosierung gerutscht sei, sagt Nita Sweeney. Einer, der wissen könnte, wie es dazu kam, ist Christian Imboden. Er ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie.Sport habe zahlreiche neurobiologische Wirkungen, sagt Imboden. Die Bewegung stimuliere die Bildung neuer Nervenzellen und deren Vernetzung. Sport unterstütze die Ausschüttung von Serotonin, einem Botenstoff im Gehirn, auf den auch Antidepressiva zielten. Er wirke zudem antientzündlich. Und Entzündungen im Gehirn seien ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung von Depressionen. «Ausserdem puffert Sport Stress ab, das haben sicher die meisten Menschen schon selbst erlebt», sagt Imboden.Wie genau das alles funktioniert? Da gibt es noch viele Fragezeichen. Der Psychiater Erich Seifritz, Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Sportpsychiatrie, sagt: «Man weiss wenig darüber, welche Moleküle durch den Sport genau freigesetzt werden und welche exakte Wirkung sie dann entfalten, so dass es am Ende der Kette zu einem stimmungsaufhellenden Effekt kommt.»Sport ist keine Tablette, die eine gezielte molekulare Wirkung entfaltet. Sport wirkt auf ganz unterschiedlichen Wegen auf Körper und Psyche. Und viele seiner Auswirkungen haben mit der reinen Bewegung wenig zu tun.Die Wirkung von Natur, Gemeinschaft, AchtsamkeitSo war es auch bei Nita Sweeney. Sie begann mit dem Joggen, als der Frühling in Columbus im Gliedstaat Ohio einzog. Die ersten Krokusse wuchsen und an den Bäumen die Knospen. Allein schon die Bewegung in der Natur und im Sonnenlicht habe einen antidepressiven Effekt – genau wie die Erfolgserlebnisse, die Nita Sweeney beim Laufen gehabt habe, sagt Erich Seifritz.Nach ein paar Monaten hatte Nita Sweeney das Ziel ihres Trainingsplans erreicht: Sie lief 5 Kilometer am Stück. Heute ist sie fast sicher, dass sie kurz darauf mit dem Laufen aufgehört hätte. Doch dann rief ihre Schwester an. Es gebe bald einen 5-Kilometer-Lauf für einen guten Zweck: die Erforschung der Krebsart, an der ihre Tochter – Nita Sweeneys Nichte – gestorben war. Nita Sweeney wollte zunächst nicht mitlaufen. Aber wie hätte sie ihrer Schwester die Bitte abschlagen können?Hier sei ein altruistisches Motiv dazugekommen, das dem Laufsport noch mehr Sinn verliehen habe, kommentiert der Psychiater Christian Imboden.«Es war wie eine Party», sagt Sweeney über diesen Benefizlauf. Sie suchte sich weitere Läufe, rannte bei 10-Kilometer-Läufen mit. Ihr nächstes Ziel war ein Halbmarathon. Sie wusste: Dafür brauche ich Hilfe. Sie fand eine Laufgruppe.«Die Wirkung des sozialen Aspekts ist nicht zu unterschätzen», betont Erich Seifritz. «Tritt man wieder in Kommunikation mit anderen, ist das ein wichtiger Schritt aus der Einsamkeit heraus. Und Einsamkeit ist ein Riesenfaktor für Depressionen.» Mit ihrer Laufgruppe – für sie heute eine Art Familie – trainierte Nita Sweeney für mehrere Halbmarathons, dann für Marathons, schliesslich für einen 50-Kilometer-Ultramarathon.Aber so gerne sie läuft, manchmal findet sie das langweilig. Und deshalb begann sie, Laufen und Meditation miteinander zu verbinden. Sie fokussiert sich dabei auf Körperempfindungen oder Pflanzen am Wegesrand. Auch darüber hat sie ein Buch geschrieben: «Make Every Move a Meditation». Es ist ihr einziges, das auf Deutsch übersetzt wurde.Achtsamkeit, also der Fokus auf den Moment, sei ebenfalls eine gut untersuchte Möglichkeit, Depressionen zu lindern, betont Christian Imboden. Denn man lernt dabei, weniger zu bewerten und negative Gedankenschleifen zu durchbrechen.Die optimale Sportart für die eigenen Bedürfnisse findenDass Nita Sweeney im Laufen ihr Glück gefunden hat, verdankt sie dem Zufall. Es gibt aber Möglichkeiten, dem Glück auf die Sprünge zu helfen. Sportwissenschafter der Universität Bern haben einen Fragebogen erarbeitet, mit dessen Hilfe man Sportarten passend zur eigenen Persönlichkeit und zu individuellen Zielen finden kann.Nita Sweeney lächelt viel, während sie erzählt. Es wäre zu schön, könnte man schreiben, dass sie nun von ihren Depressionen geheilt ist. Aber das wäre nicht wahr. «Ich bin immer noch in Therapie, ich nehme immer noch Medikamente. Ich bin immer noch psychisch krank», sagt sie. «Aber wenn ich an die Frau zurückdenke, die damals auf dem Sofa sass, und mich heute mit ihr vergleiche – dazwischen liegen Lichtjahre.»Sport konnte Nita Sweeneys Therapien nicht ersetzen. Er ist eine Ergänzung. Genau darin liegt laut Erich Seifritz und Christian Imboden das Potenzial von Bewegung. Imboden: «Allenfalls aus leichten Depressionen finden Menschen allein mithilfe von Bewegung heraus. Bei mittleren und schweren Depressionen klappt das in der Regel nicht.»Seine volle Wirkung kann Sport allerdings nur entfalten, wenn die betroffene Person ihm gegenüber nicht ganz abgeneigt ist. «Wenn eine Person überzeugt ist, sie brauche eine tiergestützte Therapie, dann kann ich sie nicht zum Joggen zwingen», sagt Seifritz. «Denn die Erwartung der Person geht in eine andere Richtung.»Dieser Erwartungsfaktor ist auch ein Grund, aus dem Seifritz die bestehenden Studien zur Wirksamkeit von Sport bei Depressionen kritisiert. Denn: Wer sich für solch eine Studie anmeldet, wird das in der Regel in der Hoffnung tun, dass Sport hilft. Die Ergebnisse sagen also nur etwas über eine bestimmte Gruppe von Patienten aus.In diesen Studien gibt es für gewöhnlich eine Gruppe, die ein Bewegungsprogramm erhält, und eine Gruppe, die nichts tut. Am Ende wird geschaut, wie sich jeweils die depressiven Symptome entwickelt haben. Das Problem: Wer in der Kontrollgruppe ist, also keinen Sport treibt, denkt sich in seinem depressiven Mindset womöglich: «Das ist ja typisch. Wie immer habe ich Pech und bin in dieser blöden Gruppe gelandet.»Im Gegensatz dazu geht die Stimmung der Sportteilnehmer allein deshalb nach oben, weil sie in der von ihnen gewünschten Gruppe gelandet sind. Auch das schmälert den Erkenntnisgewinn darüber, wie gut Sport tatsächlich bei Depressionen hilft.Nita Sweeney jedenfalls will weiterlaufen, solange es geht. «Ich kenne Menschen, die das nicht mehr können, und für diesen Fall braucht man eine Alternative», sagt sie. Sie denkt ans Radfahren oder an Oxycise, ein rein atmungsbasiertes Workout. Wofür sie sich eines Tages entscheiden wird, ist noch ungewiss. Was auffällt: Sie hat Zuversicht.Passend zum Artikel