Fremdenfeindliche Proteste: Afrika ist wütend auf SüdafrikaEinst solidarisierten sich auch Afrikaner mit Nelson Mandelas Befreiungskampf. Nun haben die gewalttätigen Proteste gegen Migranten aus anderen afrikanischen Staaten das positive Image Südafrikas zerstört.13.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSie sind wütend auf afrikanische Migranten – und wecken die Wut Afrikas: Demonstranten in der südafrikanischen Metropole Johannesburg.ImagoEs gab Zeiten, da genoss Südafrikas schwarze Bevölkerung fast überall in Afrika grosse Sympathien. Die Apartheid vereinte afrikanische Länder in Solidarität. Sie boten verfolgten Aktivisten Zuflucht, sammelten Geld für den bewaffneten Widerstandskampf, forderten in internationalen Organisationen das Ende der Rassentrennung, sperrten ihren Luftraum für Flugzeuge des Apartheid-Regimes.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Ende der Apartheid 1994 wurde in vielen Ländern des Kontinents als Triumph des Panafrikanismus gefeiert – der Idee, dass die Länder des Kontinents dann am stärksten sind, wenn sie möglichst eng zusammenarbeiten.Es sind längst vergangene Zeiten. Das Image Südafrikas auf dem Kontinent war seit 1994 womöglich nie schlechter als jetzt. Das liegt an den Bildern, die es aus Südafrika in die internationalen Medien schaffen: Seit Monaten protestieren Tausende von Südafrikanern gegen illegal eingereiste Einwanderer. Sie stellen sich vor Spitäler und Schulen auf, verlangen Aufenthaltspapiere zu sehen. An manchen Orten griffen die Aktivisten zu Gewalt. Mehrere Einwanderer aus afrikanischen Staaten wurden getötet.Gegen 200 000 Migranten haben Südafrika in diesem Jahr verlassen. Tausende wurden von ihren Regierungen per Flugzeug evakuiert, nach Ghana und Nigeria etwa.Nun spricht man in Afrika im Zusammenhang mit Südafrika nicht mehr über Panafrikanismus. Vielmehr heisst es, im südlichsten Land des Kontinents grassiere die «Afrophobie».Hashtag #BoycottSouthAfricaViele afrikanische Länder werfen Südafrika Undankbarkeit vor. Südafrikanische Botschafter erhielten in ihren Gastländern Protestnoten ausgehändigt. In den sozialen Netzwerken kam es unter dem Hashtag #BoycottSouthAfrica zu Boykottaufrufen gegen südafrikanische Firmen. Die Regierung von Ghana verlangte, dass die Afrikanische Union (AU), Afrikas Kontinentalorganisation, eine Sonderdebatte über die fremdenfeindliche Gewalt in Südafrika abhalten solle.Für die südafrikanische Regierung, die sich bereits unter Beschuss der eigenen Bevölkerung und der Opposition befindet, ist die laute Kritik aus dem afrikanischen Ausland unangenehm. Der African National Congress (ANC), der das Land seit 1994 regiert, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gerne als Verfechter der panafrikanischen Sache inszeniert.Präsident Cyril Ramaphosa beteuert nun regelmässig, Südafrika sei nicht rassistisch. Zum Beispiel auf X: «Es gibt keinen Raum für Xenophobie, Rassismus, Sexismus, Afrophobie und andere Formen der Intoleranz in Südafrika.»Auf ihrer Website veröffentlichte Ramaphosas Regierung einen Text mit dem Titel: «Jenseits der Afrophobie-Vorwürfe». Darin listet sie die Verdienste Südafrikas für den Kontinent auf: Man entsende Friedenstruppen in afrikanische Länder; agiere als Vermittler in einigen der schwersten Konflikte; bilde an südafrikanischen Universitäten viele afrikanische Studentinnen und Studenten aus; südafrikanische Firmen gehörten zu den grössten Investoren in Afrika.Eine Migrationsroute quer durch AfrikaSüdafrikas Regierung hat aber auch die Flucht nach vorne angetreten. Als Reaktion auf Ghanas Vorschlag, in der AU die fremdenfeindliche Gewalt zu diskutieren, verlangte Südafrika eine breitere Diskussion über Migration auf dem Kontinent. An einem Sondergipfel sollten Herausforderungen diskutiert werden, die durch Einwanderung entstehen.Auch an einem Treffen der Organisation der Länder des südlichen Afrika (SADC) im August soll das Thema Migration auf der Agenda stehen. Das Treffen findet in der südafrikanischen Metropole Durban statt, einem Epizentrum der laufenden Proteste gegen Ausländer. Anwesend sein werden dort Delegierte der Länder, in die die meisten Migranten aus Südafrika zurückgekehrt sind: Es sind die Nachbarländer Malawi, Moçambique und Simbabwe. Allein Simbabwe hat mehr als 115 000 Landsleute repatriiert.Südafrika versucht so, die Debatte auf die Herausforderungen zu lenken, denen sich das Land als beliebtes Einwanderungsziel gegenübersieht. Südafrika hat zwar mit 33,6 Prozent eine enorm hohe Arbeitslosenquote, ist aber dennoch die grösste Volkswirtschaft Afrikas. Damit ist das Land attraktiv für Migranten, auch für solche ohne legale Aufenthaltspapiere. Laut der Uno leben bis zu drei Millionen Migranten illegal in Südafrika.Die grosse Mehrheit der Migranten kommt aus Nachbarländern, die deutlich ärmer oder instabiler sind als Südafrika. Aber auch eine der wichtigsten längeren Migrationsrouten in Afrika führt nach Südafrika: Jährlich reisen Tausende von Menschen aus dem Horn von Afrika, vor allem aus den konfliktgeplagten Ländern Äthiopien und Somalia, quer durch den Kontinent an dessen südliches Ende.Es sind diese Dynamiken, die Südafrikas Regierung an den internationalen Treffen diskutieren will: die Tatsache, dass die Lebensbedingungen in vielen Ländern des Kontinents Leute zum Auswandern bewegen – unter anderem nach Südafrika, wo sich vor allem die ärmere schwarze Bevölkerung durch Einwanderer bedrängt fühlt.Côte d’Ivoire hat mehr Migranten als SüdafrikaIn Umfragen in mehreren afrikanischen Ländern sind Südafrikaner traditionell am skeptischsten gegenüber Migration. In einer im Juli veröffentlichten Studie des panafrikanischen Meinungsforschungsinstituts Afrobarometer zum Beispiel gaben nur 17 Prozent der befragten Südafrikaner an, die Einwanderung habe einen positiven wirtschaftlichen Effekt. Der Durchschnitt in 38 afrikanischen Ländern lag bei 45 Prozent.Dabei ist Südafrika lange nicht das einzige afrikanische Land, das viele Einwanderer aufnimmt. Während in Europa meist die Migrationsrouten wahrgenommen werden, die aus Afrika hinaus nach Norden führen, bleiben mehr als 80 Prozent der afrikanischen Migrantinnen und Migranten auf dem Kontinent. In Côte d’Ivoire, einem der reichsten westafrikanischen Länder, leben noch mehr Einwanderer als in Südafrika. Afrikanische Länder haben auch viele Kriegsvertriebene aufgenommen. Das zentralafrikanische Land Tschad zum Beispiel beherbergt über eine Million Menschen, die vor dem Krieg im Nachbarland Sudan geflohen sind.Aber in keinem afrikanischen Land fühlt sich die einheimische Bevölkerung so sehr bedroht von den Einwanderern wie in Südafrika – was dem einstigen Sympathieträger nun den Vorwurf der Afrophobie eingebracht hat.Passend zum Artikel