Sparzwang und Millionenklage des Ex-Chefs: Der ORF kämpft vor Gericht um Geld und seinen RufWegen geplanter Kürzungsmassnahmen erwägt Österreichs öffentlich-rechtlicher Sender eine Verfassungsbeschwerde gegen die Regierung. Derweil klagt der nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung entlassene ehemalige Generaldirektor Roland Weissmann gegen seine Kündigung.12.08.2026, 19.00 Uhr3 LeseminutenDer ehemalige Generaldirektor Roland Weissmann ficht seine Kündigung an und will insgesamt vier Millionen Euro vom ORF.Lisa Leutner / ReutersÖsterreichs öffentlich-rechtlicher Sender ORF steht vor einer Reihe wegweisender gerichtlicher Auseinandersetzungen. Die wichtigste wird dabei eine mit der Regierung: Die Dreierkoalition aus konservativer ÖVP, den Sozialdemokraten und der liberalen Partei Neos will dem Medienhaus ab 2027 eine jährliche Steuerkompensation im Umfang von 93 Millionen Euro streichen. Das entspricht fast 10 Prozent der Einnahmen des Senders. Die interimistische Generaldirektorin Ingrid Thurnher erklärte schon vor Wochen, diese Pläne rüttelten an den Grundfesten des ORF. Am Dienstag kündigte sie an, mit einer Verfassungsbeschwerde dagegen vorgehen zu wollen. Es sei nicht gewährleistet, dass mit dieser weiteren Kürzung der öffentlich-rechtliche Auftrag noch erfüllt werden könne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bereits in den vergangenen drei Jahren musste der ORF insgesamt 300 Millionen Euro einsparen. Ausserdem wurde die Haushaltsabgabe gesetzlich bis mindestens 2029 bei rund 15 Euro eingefroren, was angesichts der nach wie vor hohen Inflation weitere Kürzungen erfordert.Es sei unbestritten, dass der ORF wie viele andere Medienunternehmen «den Gürtel enger schnallen» müsse, erklärte Clemens Pig am Dienstag in der Nachrichtensendung «ZIB 2». Der einstige Chef der Nachrichtenagentur APA wurde vor zwei Monaten zum Nachfolger Thurnhers gewählt und übernimmt den Posten an der Spitze des Senders Anfang 2027. Auch er sagte, alle Optionen seien zu prüfen – auch eine Erhöhung der Gebühren.«Untragbares Verhalten für eine Führungskraft»Um viel Geld geht es für den Sender auch in mehreren bereits laufenden Verfahren mit ehemaligem Führungspersonal. Am brisantesten sind dabei diejenigen rund um den im März zum Rücktritt gedrängten Generaldirektor Roland Weissmann. Eine Mitarbeiterin wirft diesem sexuelle Belästigung vor. Er habe sie über Jahre zu Sex überreden wollen, von ihr Nacktfotos verlangt und ihr selbst unaufgefordert intime Aufnahmen geschickt. Die Frau untermauerte ihre Aussagen mit Chat-Nachrichten, laut Weissmann ist der Verlauf aber unvollständig. Der ehemalige ORF-Chef spricht von einer einvernehmlichen Freundschaft.Der ORF betraute seine Compliance-Stelle mit der Prüfung der Vorwürfe, die zum Schluss kam, es liege keine sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinn vor. Die Experten befanden, dass zum einen unklar sei, ob Weissmanns Verhalten tatsächlich unerwünscht gewesen sei. Zum anderen habe dieser nie berufliche Konsequenzen für das Opfer in den Raum gestellt – er habe sogar kaum berufliche Berührungspunkte zu ihm gehabt. Laut dem Gesetz ist ein solcher Zusammenhang für das Vorliegen einer sexuellen Belästigung aber erforderlich.Gleichwohl empfahl die Compliance-Stelle die Kündigung Weissmanns, weil er sich für eine Führungskraft unangemessen verhalten habe. Thurnher löste daraufhin das Arbeitsverhältnis ihres Vorgängers auf. Dagegen geht Weissmann gerichtlich vor: Laut seinem Anwalt verklagt der ehemalige Generaldirektor seinen langjährigen Arbeitgeber auf insgesamt knapp vier Millionen Euro. Die Summe soll den Verdienstausfall abgelten – auch für eine zweite Amtsperiode, für die Weissmann vermutlich just dieser Tage bestellt worden wäre – sowie die Rufschädigung durch das Bekanntmachen der Anschuldigungen.Die interimistische Chefin Ingrid Thurnher will gegen die Kürzungspläne der Regierung gerichtlich vorgehen.Georges Schneider / ImagoAm Dienstag hat vor dem Wiener Arbeitsgericht eine erste Verhandlung zur Rechtmässigkeit der Kündigung stattgefunden. Weissmanns Anwalt betonte dabei erneut, die vom mutmasslichen Opfer vorgelegten Chat-Nachrichten seien unvollständig und der Compliance-Bericht entlaste seinen Mandanten. Die Gegenseite sprach dennoch von einem untragbaren Verhalten für eine Führungskraft. Die Kündigung sei zwingend gewesen für die Wahrung der Interessen des Unternehmens. Einen Vergleich lehnt der ORF ab. Ein solcher wäre den Gebührenzahlern nicht erklärbar, sagte der Rechtsvertreter des Senders.Die Verfahren dürften Jahre dauernDas Verfahren ist nur ein Strang in dem Fall: Über allfällige finanzielle Ansprüche und die mögliche Rufschädigung wird ab Herbst in weiteren Prozessen verhandelt. Weissmann hat seine ehemalige Mitarbeiterin zudem wegen Erpressung und der missbräuchlichen Verwendung von Audioaufnahmen angezeigt, weil sie teilweise Telefonate ohne sein Wissen mitgeschnitten hatte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie. Die Frau fordert ihrerseits Schadenersatz von Weissmann und dem ORF wegen sexueller Belästigung. Die diversen Verfahren dürften Jahre dauern.Pig sprach am Dienstag von Skandalen und Unzumutbarkeiten, die mit aller Härte «aus dem Unternehmen zu entfernen» seien. Im Zuge der Affäre Weissmann waren auch weitere Fälle von Machtmissbrauch und Interessenkonflikten thematisiert worden. Der künftige Chef räumte deshalb ein Imageproblem des ORF ein, das wenige Menschen verursacht hätten. Durch transparente Arbeit müsse das Vertrauen des Publikums zurückgewonnen werden.Passend zum Artikel