SZ: Herr Reger, in einer Finanzierungsrunde hat Neura Robotics im Juni bis zu 1,4 Milliarden Dollar bei Investoren eingesammelt. Was überwiegt, das Glück über so viel Geld oder der Druck, liefern zu müssen?David Reger: Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch, ich mache mir selbst Druck. Direkt nach der letzten Unterschrift haben mein Team und ich uns hier in Metzingen zusammengesetzt und überlegt, was wir noch besser machen können. Wir müssen jetzt Full Speed fahren, noch schneller sein als früher. Ich weiß, wie viel Verantwortung auf meinen Schultern lastet, als Gründer, Geschäftsführer des Unternehmens und für Deutschland. Das hier ist eine Riesenchance für das Land.Sie wollen Deutschland retten?Deutschland ist in einer schlechten Verfassung, weil wir immer nur auf ein Pferd gesetzt haben: die Autoindustrie. Wir brauchen einen neuen, starken Wirtschaftspfeiler, und die Robotik kann das sein. Die Robotik kann sehr viel größer werden als die Autoindustrie. Nahezu jede wiederkehrende physische Tätigkeit wird künftig von Robotern unterstützt oder übernommen werden.David Reger gibt einem humanoiden Roboter die Hand. Solche Maschinen werden immer mehr physische Arbeiten erledigen, erwartet der Gründer. Bernd Weißbrod/dpaWie viel Geld ist denn bei Ihnen schon eingegangen?Das meiste, aber die exakte Summe darf ich nicht nennen.Wie hoch ist denn Ihr Anteil an Neura Robotics noch?Das möchte ich nicht öffentlich machen.Zu den Investoren zählen auch Amazon, Nvidia, Schaeffler und Bosch. Ist es leichter, Manager von Konzernen wie Amazon zu überzeugen oder die Leute von Bosch?Ich freue mich über alle. Strategische Investoren wie Schaeffler und Bosch sind ein wenig einfacher zu überzeugen, weil wir mit denen schon Kooperationen haben. Die wissen, was wir technologisch draufhaben. Das gilt auch für die Familie Agnelli. Die sind ziemlich am Anfang eingestiegen, da war es noch schwieriger, weil vieles ungewisser war. Technologisch hatten wir schon damals ein paar tolle Sachen, aber das Auftragsbuch war nicht so prall gefüllt wie heute. Mittlerweile haben wir feste Aufträge im Volumen von über einer Milliarde Euro und die Aussicht auf neun Milliarden. Dafür brauchen wir die richtigen Partner, die uns helfen, unsere Kernfragen zu lösen. Die Tech-Konzerne Nvidia und Qualcomm sind solche Partner, weil wir für das Gehirn und Nervensystem der Roboter die modernsten Halbleiter und Sensoren brauchen.Was erwarten Sie von Amazon?Wir brauchen eine globale Infrastruktur. Ein Roboter in Deutschland muss sein Wissen mit einem Roboter in den USA oder Japan teilen können, sicher und in Echtzeit. Dafür braucht es eine Cloud mit weltweiter Skalierung.Ein Mitarbeiter von Neura zeigt im „Gym“ in Metzingen einem Humanoiden, wie er Wäsche sortieren soll. Marijan Murat/dpaDa hätten Sie auch Dieter Schwarz mit seiner Stackit-Cloud fragen können!Für uns zählt vor allem die globale Reichweite. Wir brauchen eine Cloud, die von überall auf der Welt erreichbar ist. Wir wollen überall Datenzentren bauen. Der Roboter in Fabrik A in Deutschland soll ja sein Wissen mit Roboter B in den USA problemlos teilen können.Mussten Sie Investoren ablehnen?Ja. Das war für mich schon schwierig. Aber wir müssen darauf achten, dass alle Partner miteinander gut klarkommen. Und wir haben uns für die entschieden, mit denen wir glauben, unsere Ziele am schnellsten erreichen zu können.Also es gibt Interessenten, die sagen, wenn der mitmacht, mache ich nicht mit?Ja. Und andersherum, die sagen, wenn der mitmacht, bin ich auch dabei.Wie lange haben Sie gebraucht, um diese Finanzierung zu stemmen?Ein halbes Jahr. Wir wollten anfänglich nur eine halbe Milliarde raisen. Aber wenn es läuft, läuft es. Und dann sagt man auch nicht Nein. In der zweiten Finanzierungsrunde haben mir Leute gesagt, David, 120 Millionen Euro sind das Limit, mehr Geld kriegt man in Deutschland nicht. Du solltest jetzt mal über den Exit nachdenken. Das ist aber für mich kein Weg. Ich will das Unmögliche schaffen.Was sollte man einem Investor nie sagen oder ihn fragen?Ich stelle immer alle Fragen. Aber oft bleibt zu wenig Zeit, um potenziellen Investoren alles zu erklären. Und das sollte man auch nicht, weil man damit die ganze Welt bildet. Man muss nicht alles erklären.Wie lange reicht das Geld?In früheren Finanzierungsrunden war es immer mein Ziel, Neura mit dem Geld profitabel zu machen. Profitabilität bleibt wichtig. Aber in einem Markt, der gerade entsteht, ist Geschwindigkeit noch wichtiger. Wer heute die Infrastruktur baut, prägt den Markt für Jahrzehnte. Wir wollen skalieren, wir müssen schnell groß werden. Deutschland hat kaum Rohstoffvorkommen. Wir können nur von technologischem Fortschritt leben, dafür haben wir die besten Voraussetzungen, Menschen, die das wirklich wollen. Zwei Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts werden heute von physischer Arbeit erwirtschaftet, von Menschen in Fabriken, am Bau, auf Feldern. Jede physische Arbeit lässt sich durch Robotik erledigen. Wir glauben daran und deshalb glauben die Investoren an Neura.Wann wird es so weit sein?Es wird eine Transformationszeit geben, das wird viele Jahrzehnte dauern.Warum sind Sie so überzeugt, dass Neura vorn mitspielen kann?Weil wir es anders machen als die US-KI-Player.Sie meinen Firmen wie Anthropic oder Open AI?Ja, die saugen überall Know-how ab und sagen irgendwann, „jetzt seid ihr überflüssig“. Das machen wir nicht. Jeder kann sein Know-how behalten und in unseren Gyms, also in unseren Trainingszentren, unsere Roboter für die spezifischen Aufgaben trainieren. Schwimmen lernt man ja auch nicht, indem man ein Video anschaut, das muss man üben. Über unsere Plattform Neuraverse kann jeder das Wissen mit anderen teilen, wenn er mag. Es ist ein wenig wie bei der Bank. Das Neuraverse ist die Bank, jeder kann ein Konto eröffnen, so eine Art Brain Account, es mit seinen Fähigkeiten füllen und festlegen, wer darauf Zugriff hat. Wir stellen das Werkzeug zur Verfügung: die Roboter und das Neuraverse.Geht es konkreter?Angenommen, Sie sind Koch. Sie können dann in unseren Gyms den Roboter trainieren, wie er was kochen soll. Und über das Neuraverse können Sie das, was der Roboter gelernt hat, mit anderen teilen – überall auf der Welt. Die Skills, die er zur Verfügung stellt oder bei anderen einkauft, werden dann vergütet.Was ist mit Jobs wie beispielsweise Reportern?Routineaufgaben werden zunehmend von KI übernommen, ich weiß, das klingt hart. Aber Neugier, Einordnung, kritisches Nachfragen und echtes Vertrauen entstehen zwischen Menschen. Deshalb glaube ich nicht an eine Welt ohne Journalisten. Ich werde immer lieber mit einem Menschen sprechen als mit einem Computer. Ich weiß, das klingt für viele wie eine Drohung. Ich will Menschen nicht überflüssig machen. Die meisten Menschen, die jetzt gerade in Rente gehen, haben physische Fähigkeiten, jene, die nun hinterherkommen, haben weniger physische Skills. Da entsteht eine riesige Lücke. Es braucht auch künftig physische Skills, die können Roboter übernehmen, wenn man sie trainiert. China ist uns da um Jahre voraus.Wie meinen Sie das?China verfolgt seit Jahren eine nationale Strategie für Robotik und Physical AI. Deutschland fehlt bislang die gleiche Entschlossenheit. Die Erwerbsbevölkerung Chinas wird in den kommenden Jahren schon wegen des demografischen Wandels um viele Millionen sinken, und so wird das in vielen Ländern der Fall sein. Technologisch sind wir China voraus. Was wir nicht haben, ist eine effiziente Fertigung.Können Firmen wie Neura die Autoindustrie retten?Das dachte ich auch. Dafür muss man aber heute investieren, und dafür braucht die Autoindustrie die richtigen Partner und den passenden Rahmen. Man muss sie unterstützen und nicht weiter ausquetschen, sondern einfach Unternehmer sein lassen.Ende Juli war Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche auf ihrer Sommertour auch zu Besuch bei Neura. Marijan Murat/dpaFordern Sie gerade Subventionen für die Autokonzerne?Ja. Aber nicht einfach Subventionen, sondern nur, wenn das Geld in KI-gestützte Robotik fließt. Ein Bestandteil solcher Verträge könnte sein, dass ein Prozentsatz der durch den Einsatz von Robotik erwirtschafteten Rendite, in die Sozialsysteme fließt. Staatliche Unterstützung darf niemals Selbstzweck sein. Sie muss Investitionen in Zukunftstechnologien auslösen, die dauerhaft neue Wertschöpfung schaffen. Wir wollen unser Land nachhaltig voranbringen, indem wir die Dinge erhalten, die wir heute haben. Das geht nicht, wenn wir so weitermachen.Welche Dinge meinen Sie genau?Ich habe eine Weile in San Francisco gelebt und mit Menschen auf der Straße gearbeitet. Ich habe eine Frau getroffen, die lebte mit ihren zwei Kindern unter einer Brücke, weil ihr ganzes Vermögen für eine Operation draufgegangen war. Sie war nicht krankenversichert, und es gab auch keine Sozialhilfe. Die Menschen in Deutschland wissen gar nicht, was sie hier haben.Wie viele Roboter wird Neura in diesem Jahr herstellen?Ein paar Tausend.Und wie viele davon sind Humanoide, also Roboter mit Kopf, Korpus, Beinen, Armen, Füßen und Händen?Ein paar Hundert, die gehen an unsere Partner und an unsere Gyms.In Metzingen produziert Neura Robotics den humanoiden Roboter 4NE1 in Kleinserie. Das Kürzel steht für „For Anyone“, er soll ja für jeden sein. NeuraWas kostet ein Humanoider?Etwa 60 000 Euro.Im Frühjahr 2025 hatten Sie den Preis mal auf 100 000 Euro beziffert.Das ist der Preis für einen Single Sale, aber wir verkaufen derzeit keine einzelnen Humanoiden.Sie hatten auch angekündigt, dass Sie dieses Jahr mit der Serienproduktion anfangen.Wir machen hier in Metzingen schon Kleinserien. Und wir entwickeln aktuell die Produktion weiter, wir optimieren, damit wir skalieren können, nicht nur hier, sondern auch an anderen Standorten.Die Autokonzerne bauen in Deutschland kräftig Personal ab und schließen ganze Werke. Taugen ausgediente Autofabriken für die Produktion von Robotern?Ja.Gibt es schon Gespräche?Ja. Aber wir müssen den richtigen Moment abpassen. Wir übernehmen nicht irgendeinen Standort mit Hunderten Mitarbeitern, solange unser Produkt noch nicht skalierfähig ist. Um eine Autofabrik auszulasten, brauchen wir ganz andere Stückzahlen, sicher ein paar Zehntausend. Bis Ende 2030 wollen wir bei einer Stückzahl von einer Million Robotern sein. Unser ganzer Wohlstand kommt bislang aus der Autoindustrie. In Kombination mit Robotik können wir viel bewirken. Wir können wieder ein sehr wohlhabendes Land werden. Ich will der größte Steuerzahler Europas werden.Aber Neura ist nicht allein auf der Welt. Wen fürchten Sie mehr, die Konkurrenz aus China oder die aus den USA?Ich fürchte niemanden.Nicht mal Elon Musk und seinen Optimus?Elon Musk ist ein sehr smarter Mensch, er erkennt die wichtigen Themenfelder früh, er hat wirtschaftlich gesehen ein paar gute strategische Entscheidungen getroffen. Er hat mit seinen Firmen in den USA unglaublich viel Wertschöpfung generiert. Es gibt keinen, der Elon Musk in dieser Hinsicht das Wasser reichen kann. Wie oft wurde er schon für tot erklärt, und er ist aus jedem Kampf stärker herausgekommen. Ich weiß, was es heißt zu kämpfen. Er hat früh erkannt, wie bedeutend Robotik werden wird. Ich habe großen Respekt davor. Unser Anspruch ist es, aus Europa heraus eine mindestens genauso starke Antwort aufzubauen. Wir können ihn schlagen, wenn wir uns anstrengen.Und er hat sich wie viele Tech-Konzerne kritiklos Donald Trump angebiedert!Das will ich nicht bewerten. Was mir mehr Sorgen macht: Deutschland sitzt nicht an einem Tisch mit Trump. Wir sind irrelevant geworden in der Welt. Die Manager und Unternehmer müssen sich auch selbst hinterfragen. Die Autoindustrie hat uns Wohlstand beschert, das tolle Leben, die Sozialsysteme, die Politik hat nichts können und nichts leisten müssen. Das ist vorbei. Wir haben uns mit einer überbordenden Regulatorik selbst die Luft abgeschnürt. Das hat Unternehmen gekillt. Wir sind über unseren Stolz und unsere Überheblichkeit gestolpert. Wir stehen jetzt im Wettbewerb mit Ländern wie den USA und China, die schneller und effizienter sind. Aber Deutschland hat noch immer außergewöhnliche Ingenieure, Unternehmer und Wissenschaftler. Uns fehlt nicht das Talent, uns fehlt gerade der Mut, groß zu denken.
Neura-Gründer: Ich will der größte Steuerzahler Europas werden."
David Gründer will die deutsche Industrie retten. Robotik kann größer werden als die Autoindustrie, sagt er. Und was er Elon Musk voraus hat.






