Höhenangst ist weit verbreitet – wer sie bekämpfen will, muss sich ihr stellenSimon Messner, Sohn der Bergsteigerlegende Reinhold und selbst ein passionierter Alpinist, leidet an Höhenangst – wie viele andere Menschen. Er hat gelernt, damit umzugehen. Und sagt, wie man das schafft.Felicitas Witte12.08.2026, 17.00 Uhr5 LeseminutenNoch als Teenager hatte er in zwei Metern Höhe Angst: Simon Messner in einer Felswand.PDDie ersten zwei Seillängen gingen noch. Aber dann, als er in der Bergwand kurz warten musste, bis der Bergführer vorgeklettert war, wurde Simon Messner panisch. Er zitterte und schwitzte, sein Herz schlug schneller, und er bekam nur noch schwer Luft. Sein Klettergurt war an zwei Haken in der Wand befestigt, er war doppelt gesichert. Doch das änderte nichts an seiner Angst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Messner, der Sohn des berühmten Bergsteigers Reinhold, erinnert sich noch gut. Er war damals 16 Jahre alt, und ein erfahrener Bergsteiger hatte ihn zum Klettern mitgenommen. «Ich wusste, dass er mich sichert und mir nichts passieren konnte», erinnert sich Messner. «Aber das half nicht. Jedes Mal, wenn ich in den Abgrund schaute, überkam mich grosse Angst. Wir mussten umkehren.»Simon MessnerPDMessner, der heute 35 Jahre alt ist, litt als Jugendlicher unter Höhenangst. Akrophobie, wie es in der Fachsprache heisst. Sogar namhafte Alpinisten wie Messner sind betroffen, auch Profisportler. Der Skispringer Philipp Raimund etwa hat zwar gelernt, die Angst zu kontrollieren. Aber 2025 sagte er das Skifliegen in Planica trotzdem kurzfristig ab, weil ihn die Sorge umtrieb, dass ihm das auf der höheren Schanze nicht gelingen würde. Auch David Boudia, 2012 Olympiasieger im 10-Meter-Turmspringen, hat Höhenangst.Da fragt sich der Laie: Wie kann man diese Sportarten trotz Höhenangst ausüben? Die gute Nachricht lautet: Mit der richtigen Therapie kann man Höhenangst «verlernen».3 bis 6 Prozent leiden an HöhenangstJeder Mensch fühlt sich in grosser Höhe unsicher, wenn die Augen keine Orientierungspunkte in der Nähe haben, mit deren Hilfe der Körper das Gleichgewicht halten kann. Etwa 30 von 100 Menschen wird in der Höhe deutlich schwindelig. Sie haben das Gefühl, in die Tiefe gesogen zu werden. Und es wird schlimmer, wenn sie in die Ferne oder in den Abgrund schauen. Die Extremform davon ist die Höhenangst, die als Krankheit gilt und je nach Studie 3 bis 6 von 100 Menschen trifft. Zur Angst kommen mitunter Übelkeit, Erbrechen oder starker Harndrang hinzu, auch Kribbeln und Taubheitsgefühl. Manche können nicht mehr klar denken oder kommen sich gar vor wie in einem Albtraum.Schon als Kind habe er Höhenangst gehabt, erzählt Simon Messner. Zum Beispiel auf Sesselliften. «Die Tiefe sog mich hinunter, ich wollte nur weg, aber ich war gefangen», sagt er. Auch im Fernsehturm mit den riesigen Glasfenstern oder beim Schnorcheln, wenn sich unter ihm eine schwarze Leere auftat, fürchtete er sich.Beim Klettern erlebte er Höhenangst als Teenager zum ersten Mal, als er an einem Schloss kletterte. Nach zwei Metern war dort stets Schluss. Messner zitterte und bekam es mit der Angst zu tun, obwohl er problemlos auf den Boden hätte springen können. «Mich ärgerte das», sagt Messner. Und er tat, was in Kombination mit kognitiver Verhaltenstherapie die effektivste Massnahme gegen Höhenangst ist: sich der Höhe auszusetzen. Ziel dieser sogenannten Expositionstherapie ist, die Angst zu ertragen, bis das Gehirn lernt, nicht mehr mit überschiessendem Stress zu reagieren.Kurt Stauder arbeitet seit 37 Jahren als Bergführer in Südtirol und hat schon vielen geholfen, ihre Höhenangst loszuwerden. Stauder sagt, er habe keine Strategie, denn er sei ja kein Therapeut. Aber in der Ausbildung habe er gelernt, mit Panik umzugehen. «Ich versuche, viel Sicherheit zu vermitteln, dass ich da bin und nichts passiert», sagt Stauder.Wie viele Expositionen Betroffene brauchen, bis sie die Angst kontrollieren können, ist individuell unterschiedlich. Simon Messner sagt, eine wichtige Rolle habe seine Klettertechnik gespielt: «Je besser ich wurde, desto sicherer fühlte ich mich, und dann hatte ich auch weniger Angst.» Irgendwann veränderte sich die Angst. Messner fühlte sich zwar immer noch unwohl, und das ist auch bis heute so geblieben. Aber es erfasst ihn nicht mehr die gleiche, existenzielle Angst wie früher.Wenn der Alltag eingeschränkt ist, sollte man etwas tunNatürlich brauche nicht jeder eine Therapie, sagt Christian Mikutta. Er ist Chefarzt Psychiatrie in der Privatklinik Meiringen und hat an der Universität Bern eine Sprechstunde für Sportpsychiatrie mit Fokus auf Bergsport. Entscheidend sei es, wie stark die Angst den Alltag oder die Freizeit einschränke, sagt er.Mikutta rät jenen Betroffenen zu einer Expositionstherapie, die wegen ihrer Höhenangst Alltagssituationen im Zusammenhang mit Brücken, Balkonen oder Treppenhäusern vermeiden. Die Flugreisen oder Bergtouren absagen, die sie eigentlich gerne machen möchten. Oder wenn sich die Angst auf andere Situationen ausweitet, etwa auf grosse Plätze. Er warnt davor, die Angst zu unterschätzen: «Klettern Sie, ohne Ihre Angst bearbeitet zu haben, kann das gefährlich für Sie und Ihre Begleiter werden.» Die Angst könne dazu führen, dass man sich hektisch bewege, stürze oder sich nicht mehr richtig festhalte.Kurt Stauder empfiehlt derweil, dem Bergführer am Tag vor der Bergtour unbedingt von der Angst zu erzählen und davon, welche Situationen sie hervorruft. Dann könne die Tour entsprechend ausgewählt werden. Auf keinen Fall sollte man die Angst verschweigen. Stauder sagt, er merke schnell, ob jemand Höhenangst habe.Das Hirn muss lernen, mit Angst umzugehenDer Psychiatrie-Chefarzt Mikutta sagt, bei der Exposition sei es wichtig, dass man sich schrittweise einem immer höheren Angstlevel aussetze. Es sei wichtig, sich nicht zu überfordern. «Die Situationen sollen Ihnen deutlich Angst machen, aber Sie müssen die Angst noch aushalten können, bis sie abebbt», sagt er. Das Hirn macht dann die Erfahrung, dass Angst unangenehm ist, aber nicht gefährlich. «Dadurch lernt es um und reagiert nicht mehr mit Panik», sagt Mikutta.Simon Messner findet, Höhenangst lasse sich am besten in der Natur bekämpfen – und nicht mit einer VR-Brille.PDEin mögliches Vorgehen ist es etwa, am Berg zuerst kleinere Seillängen zu klettern und den Seilabstand dann schrittweise zu vergrössern. Oder, sich der Angst zuerst in einer Halle beim Bouldern auszusetzen. Man müsse auch nicht zwingend dieselbe Situation erleben, vor der man Angst habe, sagt Mikutta. So kann Expositionstraining an einer Kletterwand sowohl gegen Höhenangst beim Skispringen als auch beim Klettern helfen.Wer weder Zeit noch sonst die Möglichkeit hat, ständig in die Berge zu fahren, kann auch eine virtuelle Expositionstherapie am Computer oder per Handy-App machen. Mit einer Virtual-Reality-Brille schaut man etwa von einem Berg oder einem Hochhaus in den Abgrund. Idealerweise macht man das mit einem Psychotherapeuten, der hilft, die Angst zu ertragen.Er fände diese Möglichkeit zwar spannend, sagt Simon Messner. «Aber die Natur kann das nicht ersetzen.» Höhenangst sei viel mehr als nur der Blick in die Tiefe. «Man spürt den Wind, die Kälte und vielleicht glitschigen Fels unter den Händen», sagt er. Messner findet, wer seine Angst angehen wolle, solle sich Zeit nehmen. Sein Rezept umreisst er so: eine vernünftige Klettertechnik lernen, schrittweise den Schwierigkeitsgrad steigern. «Auch in leichten Graden», sagt Messner, «kann man wundervolle Bergtouren machen.»Passend zum Artikel
Höhenangst ist weit verbreitet – doch mit diesen Tipps lässt sie sich kontrollieren
Simon Messner, Sohn der Bergsteigerlegende Reinhold und selbst ein passionierter Alpinist, leidet an Höhenangst – wie viele andere Menschen. Er hat gelernt, damit umzugehen. Und sagt, wie man das schafft.








