Weitspringerin Malaika Mihambo hat alles erreicht und sprüht dennoch vor Tatendrang und Motivation. Das hat Gründe – und zwar mehrere. Vor ihrem EM-Einsatz nahm sie sich Zeit für ein Gespräch.Olympiagold, zwei WM-Titel und zwei Siege bei Europameisterschaften, dazu zweite Plätze bei Olympia, WM und EM – Malaika Mihambo zählt im Weitsprung zu den ganz Großen. Und dennoch will sie mehr. Für die 32-Jährige, die am Wochenende bei den Europameisterschaften in Birmingham antritt, ist heute vieles anders als früher. Über ihre größten Lehren, neue Impulse wie Neuroathletik, ihr Notizbuch und das, was niemand sieht. WELT: Frau Mihambo, Niederlagen haben Sie am meisten geprägt, sagen Sie. Gab es einen sportlichen Schlüsselmoment in Ihrer Karriere?Mihambo: Ich schaue natürlich nicht nur auf das Negative, sondern auch immer darauf, was besonders gut lief – auch wenn ich gewonnen habe. Denn die Gefahr ist einfach, Erfolge als selbstverständlich zu erachten und nicht weiter zu beachten. Aber das Gefühl, etwas aus einem Wettbewerb zu ziehen, bei dem es nicht ganz so gut lief, ist dringlicher. Einfach, weil ein nagendes Gefühl zurückbleibt. Tatsächlich haben mir rückblickend die schweren Verletzungen am meisten gebracht – mental betrachtet. Der Wettkampf, der mich am meisten verändert hat, ist gar nicht so lange her: die WM 2025 in Tokio.WELT: Dort wurden Sie Zweite. Warum dieser Wettkampf?Mihambo: Weil ich im letzten Versuch so weit gesprungen bin, wie noch nie in meinem Leben. Ich habe zwar eine schlechte Landung hingelegt, aber die Füße kamen so weit vorn im Sand auf wie nie zuvor. Der Sprung war allerdings ungültig – und das ist eine unheimliche Motivation. Gleichzeitig ist das mit viel Dankbarkeit verbunden, weil ich seitdem sicher weiß: Ich kann noch mehr. Und ich weiß auch, dass mein Körper noch bereit ist, mehr zu geben. Ich habe in diesem Jahr so viele Bestleistungen in verschiedenen Bereichen des Trainings aufgestellt, dass alles irgendwann zusammenkommen wird. Tokio hat mich dazu motiviert, nochmal neue Dinge einfließen zu lassen.WELT: Was zum Beispiel?Mihambo: Neuroathletik, Feldenkrais, Pilates, Yoga. Ich habe mich auch mit manchen Dingen im Mentalen nochmal neu und anders beschäftigt und bin im Training konzentrierter, um die Trainingsinhalte besser umsetzen zu können. Deshalb war es vielleicht mein Glück, dass ich „nur“ Zweite geworden bin und der Sprung ungültig war. Natürlich – vielleicht wäre es auch eine neue Bestleistung gewesen. Aber dadurch, dass ich es nicht geschafft habe, habe ich etwas, wofür ich kämpfen muss.WELT: Sie nannten Neuroathletik. Wie haben Sie das ins Training integriert?Mihambo: Im Olympiastützpunkt in Heidelberg ist eine Physiotherapeutin, die sich auf diesem Gebiet weitergebildet und spezialisiert hat. Wir haben immer wieder Strategien erarbeitet, wie ich mit bestimmten Problemen umgehen kann. Zum Beispiel haben wir uns mit dem Thema beschäftigt, dass mir das Knie manchmal während des Absprungs gewissermaßen „abgehauen“ ist. Über Neuroathletik kann man, vereinfacht gesagt, die Ansteuerung im Knie verbessern, sodass alle Gelenke in dem Moment des Absprungs perfekt ausgesteuert werden und ich einen guten Absprung machen kann. Daran haben wir viel gearbeitet.WELT: Können Sie die Problematik mit dem Knie kurz erklären?Mihambo: Da ich schneller geworden bin, war es für mich anfangs schwierig, die Sprünge halten zu können, weil mein Knie immer einen Tick zu spät oder zu früh reagiert hat. Aus Schutz – um die Kräfte nicht in der falschen Ausgangsposition tragen zu müssen – lässt der Körper dann nach. Somit verpufft ein Teil des Speeds und der Kraft, die man aufgebaut hat. Die Kräfte werden nicht richtig übertragen, weil das Gelenk einfach einknickt und die Kraftübertragung stoppt. Du hebst dann gar nicht richtig ab.Lesen Sie auchWELT: Was bringen Pilates und Yoga für Sie hinsichtlich des Weitsprungs?Mihambo: Yoga habe ich vor allem im Winter gemacht. Mit Reformer-Pilates (dabei macht man Übungen auf einem speziellen Großgerät, dem Reformer, Anm. der Redaktion) habe ich letztes Jahr begonnen. Und in diesen Kursen denke ich manchmal: „Das gibt es doch nicht, dass man an manchen Stellen so schwach ist!“ Dann sehe ich andere Frauen, die richtig durchpowern und bin beeindruckt. Respekt! Passend dazu habe ich mal ein Reel einer britischen Profi-Leichtathlethin gesehen, indem diese sagte: „Pilates Reformer ist das, was einen als Profisportler am meisten Demut lehrt.“ Es gibt einfach Dinge, die ich nicht gut kann. WELT: Würden Sie mir ein Beispiel nennen?Mihambo: Wenn ich zum Beispiel meine Glutealmuskeln, die wichtigsten Muskeln für Sprinter und Springer, schon in Ruhe im Stand nicht ansteuern kann – wie soll ich das dann im Wettkampf gut schaffen? Das hat mir zu denken gegeben und mich auch in Kombination mit dem Sprung in Tokio motiviert. Da geht noch mehr, und da kann ich noch was rausholen! Das sind Grundlagen, mit denen man sich oft nicht mehr beschäftigt, weil man sich im Detail verliert, dabei sind sie so wichtig, um voranzukommen. Deshalb habe ich mir in einigen Bereichen Neues erarbeitet.WELT: Sie klingen voller Tatendrang.Mihambo: Großen Anteil daran, warum ich jetzt so zuversichtlich bin und warum alles so gut läuft, ist auch das Gefühl, dass mir Weitsprung wieder sehr viel Spaß bringt. Ich kann mich wieder voll darauf konzentrieren, hineinfuchsen und darauf einlassen. Gerade aus der persönlichen und familiären Geschichte heraus war das ja bei mir in den vergangenen Jahren nicht so möglich. Von daher bin ich auch dankbar, dass ich mich wieder einfach mit Freude damit beschäftigen kann, wie ich am weitesten springe.Lesen Sie auchWELT: Das sind innere Kämpfe, die der Zuschauer am Fernsehbildschirm nicht sieht.Mihambo: Die Menschen sehen nur, dass ich springe, dass ich Erste oder Zweite werde – oder auch nur Vierte. Aber natürlich sieht niemand, wie sehr man mit den Tränen kämpft, dass man generell keine Kraft hat, um sich voll auszupowern, oder mental nicht ganz da ist, weil man einfach ermüdet ist. Aber genau das hat mich in den vergangenen Jahren immer begleitet. Ich war so müde von dem ganzen Schmerz, den ich mit mir getragen habe, dass ich manchmal bei Wettkämpfen stand und hoffte, dass der Wettkampf schnell vorbei ist. Jetzt freue ich mich darauf, dass ich sechs Sprünge habe und gebe bei jedem mein Bestes. Ich habe auch ein Notizbuch ausgegraben und trage nach jedem Sprung im Wettkampf ein, was gut lief und was nicht und reflektiere dann nochmal in und nach dem Wettkampf. Für so etwas hatte ich vorher keinen Kopf.WELT: In London übersprangen Sie dieses Jahr die Sieben-Meter-Marke. Was haben Sie daraus mitgenommen?Mihambo: Ich hatte ja die gesamte Saison bisher immer mal wieder die angesprochenen Probleme, dass mir mein Bein beim Absprung quasi abgehauen ist, wenn ich zu schnell war, nicht schnell genug reagiert habe oder irgendetwas minimal nicht passte. Ich hatte auch Sprünge, bei denen das Knie stabil war, aber dann habe ich nicht diesen letzten Punch im Fuß gehabt. In London hat alles besser geklappt – die direkte Vorbereitung auf jeden Sprung war dabei sehr wichtig.WELT: Wir müssen auch kurz über die Deutschen Meisterschaften in Bochum sprechen, wo Sie nach London überraschend nicht den Titel holten. Am Ende standen 6,63 Meter und damit Rang zwei knapp hinter Mikaelle Assani. Was war los?Mihambo: Ich habe zwar kleine Fehler gemacht, aber keiner war so groß, dass er diesen Ausgang des Wettkampfs rechtfertigt. Ich hatte das Gefühl, dass wir immer den Anlauf angepasst haben, um nachher zu denken: Hätten wir den Anlauf wie zuvor gelassen, hätte es beim nächsten Versuch mit anderem Wind genau gepasst. Ich habe in der Windlotterie an diesem Tag viele Nieten gezogen und hatte immer das Gefühl, ins Ungewisse zu rennen oder zu versuchen, mit der Hand Wasser aufzufangen – aber es lief einfach zwischen den Fingern durch. Das ist natürlich unbefriedigend. Gleichzeitig ist es aber nicht gut von mir, dass ich mich von den starken Winden demotivieren ließ. WELT: Inwiefern?Mihambo: Ich habe mich dem Wind irgendwie ergeben und nicht genug gekämpft, wenn ich gemerkt habe, dass ich in eine Gegenwindböe reinlaufe. Das war ein Fehler, den ich nicht nochmal mache. Denn man kann auch viel retten, indem man einfach mehr gibt. Ein anderer Fehler war, dass ich die letzten Schritte zum Brett hin zu grob ausgesteuert habe und dann viel zu weit weg war vom Brett oder unnötig übertreten hatte. Es ist gar nicht so leicht, da immer das optimale Maß zu finden. Aber wie gesagt, es waren alles nur Kleinigkeiten, doch in Summe zu viel. Das ist der Sport, und das nehme ich ein Stück weit mit Humor.WELT: Trotz nicht optimaler Bedingungen.Mihambo: Es war kalt an jenem Tag in Bochum, hat gewindet und es gab immer mal wieder Nieselregen. Trotzdem habe ich den schnellsten Anlauf meiner Karriere hingelegt. Aber Weitsprung ist eben keine lineare Sportart, bei der man sagen kann, dass du ein bestimmtes Leistungsvermögen hast und deshalb am Ende dieses oder jenes Ergebnis herauskommt.Lesen Sie auchWELT: Ein sehr filigranes, kompliziertes Puzzlestück. Ist das faszinierend oder frustrierend?Mihambo: Wenn man die Wahl hat zwischen Lachen oder Weinen, sollte man lieber lachen. Im Sport wie im Leben. Beim Weitsprung geht es darum, eine Verkettung optimaler Bewegungsabläufe zusammenzubringen – in der Hoffnung, dass der Versuch dann auch gültig und optimal am Brett ist. Es nützt dir ja nichts, wenn du den perfekten Sprung 50 cm vor dem Brett hattest oder um 2 mm übertrittst. Deshalb finde ich, dass man gerade den Weitsprung auch mit einer Prise Humor nehmen muss, weil man nicht alles in der Hand hat.WELT: Das konnten Sie wahrscheinlich nicht immer so sehen, oder? Inwieweit hat sich Ihr Umgang damit verändert?Mihambo: Ich muss an der Stelle noch ergänzen, dass es natürlich dennoch kein angenehmes Gefühl in Bochum war. Gleichzeitig hatte ich immerhin die Freude mit Mika, die sich mit ihrer Siegerleistung für die EM empfohlen hat. Generell lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie früher. Wobei ich schon immer konstruktiv auch mit Wettkämpfen umgegangen bin, die nicht so gelaufen sind wie erhofft. Im Laufe meiner Karriere hatte ich viele Wettkämpfe, bei denen ich das Gefühl hatte, unter meinem Wert weggegangen zu sein. Es ist einfach so: Im Weitsprung gewinnt nicht immer diejenige mit der besten Tagesform, sondern die Person mit dem weitesten, gültigen Sprung.
Malaika Mihambo: „Ich lasse mich nicht mehr so leicht verunsichern“ - WELT
Weitspringerin Malaika Mihambo hat alles erreicht und sprüht dennoch vor Tatendrang und Motivation. Das hat Gründe – und zwar mehrere. Vor ihrem EM-Einsatz nahm sie sich Zeit für ein Gespräch.







