Bis zu einem bestimmten Punkt erzählt das „New York Magazine“ mit seinem neuen Titel „Habibi City“ eigentlich eine großartige New Yorker Geschichte. Die Autorin Zaina Arafat zeichnet nach, wie arabische und muslimische Kulturen in den vergangenen Jahren cool wurden, wie sie aus vergleichsweise marginalisierten Milieus herausgetreten sind. Nicht nur, aber auch aufgrund eines Generationswechsels sind sie immer sichtbarer als einer von vielen Teilen der städtischen Kultur.In Farsi-Clubs, bei arabischen Literaturveranstaltungen und in neuen Restaurants treffen sich Iraner, Palästinenser oder Syrer, sie gründen Modelabels, veranstalten Partys wie die populäre Reihe „Disco Tehran“ und engagieren sich gemeinsam politisch. Arafat nennt das in der Titelgeschichte, zu der verschiedene Artikel über die arabisch-muslimische Food- und Partyszene kommen, eine „SWANA-ssance“. SWANA, für Southwest Asia and North Africa, wird als Alternative zum Kürzel MENA für den Nahen Osten und Nordafrika seit den Neunzigerjahren häufiger verwendet.Jahre der verschärften DiskriminierungNach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 waren Muslime und Menschen, die dafür gehalten wurden, in New York und im ganzen Land staatlicher Überwachung, Misstrauen und Hass ausgesetzt. Arafat erinnert sich an die Kampagne gegen eine Moschee in der Nähe des Ground Zero, an Donald Trumps Einreiseverbot für Muslime und daran, dass ihr Vater bei Restaurantreservierungen lieber „Frank“ als Fawaz angab. Nicht zuletzt aus dem Protest gegen Trumps Politik sei über die Jahre ein neues kulturelles Selbstbewusstsein entstanden. New York funktioniert seit mehreren Hundert Jahren so: Einwanderer schaffen eigene Institutionen und kulturelle Räume, ihre Kinder gestalten sie neu, und irgendwann gehört das, was einmal als fremd galt, kulturell fest zur Stadt.Umso mehr irritiert, was in „Habibi City“ im Laufe des Artikels passiert und was die Redaktion so hat stehen lassen. Denn aus einer Geschichte über kulturelle Zugehörigkeit wird ein Text darüber, dass diese Zugehörigkeit – angeblich – die richtige politische Haltung voraussetzt. Und das wird, so es denn überhaupt für die meisten Angehörigen dieser Community stimmen würde, nicht journalistisch auseinandergenommen. Es wird affirmiert.Arafat beschreibt SWANA ausdrücklich nicht nur als geographische oder kulturelle Kategorie. Zur Community zu gehören, bedeute „spirituell“ auch, bestimmte Überzeugungen zu teilen, etwa, dass soziale Gerechtigkeit über kapitalistischen Interessen stehen müsse und dass Israel in Gaza einen Genozid begehe.Juden müssen Ideologietest bestehenJüdische Israelis oder Juden aus SWANA-Ländern können deswegen nach dieser Logik nicht ohne Weiteres zur Community gehören. Anders als der Bürgermeister: Zohran Mamdani stammt weder aus Südwestasien noch aus Nordafrika, ist nach Arafats Kulturlehre aber „tief verwurzelt“ in deren Welt und deshalb „SWANA adjacent“. Bei Israelis funktioniert die Logik genau umgekehrt. Der Staat liege zwar geographisch in der Region, schreibt Arafat, doch ob Israelis eine Verbindung zu ihr beanspruchen könnten, sei mindestens „complicated“. Ganz zu schweigen wohl von irakischen, iranischen, jemenitischen, syrischen oder ägyptischen Juden.SWANA ist in diesem Text eine ideologische Kategorie mit strengen Ausschlusskriterien, wie etwa das konservative jüdische „Tablet“-Magazin in einer Instagram-Reaktion kritisierte. Mehr noch: „Zionismus“ ist zum unhinterfragbaren Schimpfwort geworden. Wer den Begriff dagegen weiter im Sinne der politischen Idee jüdischer nationaler Selbstbestimmung verwendet, innerhalb derer es viele politische Richtungen gab und gibt, der ist schon ein Verräter. Arafat schildert, wie eine Gruppe von Palästinensern in einem populären Restaurant gemeinsam mit Israelis auftreten wollte und es deswegen Konflikte gab. Der Organisator wiegelte ab, denn: „Natürlich waren das keine Zionisten.“ Als sei damit eine moralische Mindestvoraussetzung geklärt.Und dann schreibt Arafat, New Yorker aus SWANA-Regionen seien trotz der kulturellen Renaissance leider weiterhin „Xenophobie, Islamophobie und Zionismus“ ausgesetzt. Fremdenfeindlichkeit, Hass auf Muslime und Zionismus sind für sie drei gleichrangige Formen von Diskriminierung und Gewalt, denen man im Alltag „ausgesetzt“ sein kann. Was damit gemeint ist, „Zionismus“ auch vor der eigenen Haustür bekämpfen zu wollen, können betreuende Redakteure eigentlich ahnen, wenn sie etwa einen Blick in reichweitenstarke Social-Media-Kanäle wie „NY Indivisible“ werfen. Wo es sonst um den Protest gegen Donald Trump ging, werden inzwischen Boykottaufrufe gegen jüdische Restaurants verbreitet und Videos geteilt, die Immobilienspekulation in Brooklyn ganz offen als „Werk von Zionisten“ bezeichnen.Autorinnen wie Arafat geht es nicht um eine politische Debatte über Zionismus, Argumente gegen diesen oder gar eine Diskussion über mögliche Lösungen des Nahostkonflikts. Zionismus wird nicht mehr als politische Idee nationaler jüdischer Souveränität beschrieben, sondern er wird zur antisemitischen Chiffre. Man will höchstens mit Juden verkehren, die sich nicht als Zionisten identifizieren – die anderen werden markiert.In New York sind seit dem 7. Oktober 2023 immer wieder israelische und jüdische Restaurants vandalisiert worden, wurden mit Slogans wie „Genocide Cuisine“ oder „Israel steals culture“ beschmiert. Es kam auch zu vereinzelten körperlichen Angriffen. Verbale Drohungen sind für viele Juden eine tägliche Realität. Anzunehmen, dass der Redaktion des „New York Magazine“ nicht klar ist, welchen Diskurs sie hier stärkt, wäre naiv.
Antisemitismus im "New York Magazine"
Das „New York Magazine“ wollte eine originelle Geschichte über arabische und muslimische Hipster und Kulturschaffende erzählen. Leider wurde das nicht ohne Judenfeindlichkeit getan.






