PfadnavigationHomePolitikAuslandNew York„Nach dem 7. Oktober ist es fast in Mode gekommen, Juden zu hassen“Von Jan KlauthFreier US-Korrespondent mit Sitz in New YorkStand: 07:11 UhrLesedauer: 7 MinutenEine Kundgebung der Organisation „End Jew Hatred“ in New YorkQuelle: Ron Adar/ZUMA/picture allianceNew York ist die größte jüdische Stadt der Welt. Während antisemitische Gewaltverbrechen dort ein Allzeithoch erreichen, wächst die Kritik an Bürgermeister Zohran Mamdani: Er habe den Nährboden für Gewalt geschaffen – andere Juden wiederum sehen das ganz anders.Ein süßlicher Duft zieht über die 14. Straße, als sich die Ladentür von Meir’s Heimishe Bakery öffnet. Drinnen stehen Männer mit Kippa Schlange für Bagels und „Gebäcks“, wie man hier im Viertel sagt. Draußen hat sich eine Schar Schulkinder aufgereiht, bereit, in einen der gelben Busse zu steigen, die mit hebräischen Schriftzeichen bemalt sind. Midwood im Süden Brooklyns ist ein Ort, an dem Synagogen, koschere Läden und Davidsterne das Straßenbild prägen. Gerade das macht es empfindlich für das, was sich derzeit wie ein Schatten über die ganze Stadt legt: eine Welle der Terrorverherrlichung und des Judenhasses.Michelle Ahdoot erinnert sich noch gut an den 6. Mai. Damals zogen Vermummte mit einer Hisbollah-Flagge durch Midwood. Von „fast pogromartigen Zuständen“ spricht die 50-jährige Jüdin mit iranischen Wurzeln, die das Bündnis „End Jew Hatred“ mitgegründet hat und regelmäßig Kundgebungen organisiert. Nur der Polizei sei es zu verdanken, dass nichts Schlimmeres passiert sei.Es sind Bilder, die man in New York, wo über eine Million Juden leben, noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Ob Pro-Hamas-Demos oder Hakenkreuze an Wohnhäusern und Synagogen: Was sich in den vergangenen Monaten in der Stadt abspielte, ist zu einem verstörenden Muster geworden.Denn die Angriffe auf jüdisches Leben haben System – und sie nehmen zu. Wie stark, zeigen Daten der Anti-Defamation League (ADL), ein 1913 in New York gegründeter Verband, der sich bis heute gegen die Diffamierung von Juden einsetzt. 6274 antisemitisch motivierte Vorfälle zählte die Organisation 2025 in den USA. 203 davon waren gewalttätige Angriffe, 32 mit tödlichen Waffen. Physische Übergriffe auf Juden erreichten damit das höchste Niveau seit 1979.Lesen Sie auchKein Ort taucht in dieser traurigen Bilanz so oft auf wie New York City: 860 Vorfälle listet die ADL. Das liegt zum einen an der schieren Größe der Stadt, zum anderen daran, dass hier viele Täter dem linksextremen oder fundamentalistisch-islamischen Milieu zugeordnet werden.Seit Januar regiert Zohran Mamdani die Stadt. Und die Bilanz seiner ersten Amtsmonate ist erschreckend. Laut New York Police Department (NYPD) stieg die Zahl antisemitischer Straftaten im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 180 Prozent – von elf auf 30 Fälle. Die Polizei zählt anders als die ADL, weshalb ihre Zahlen niedriger ausfallen, doch der Trend ist derselbe: 17 Fälle im Februar, 32 im März, 30 im April, 44 im Mai und 28 im Juni. Bemerkenswert: Während antijüdische Straftaten stiegen, sank die allgemeine Kriminalität unter Mamdani deutlich.„Schon vor Mamdanis Amtsantritt gab es mehr Hassverbrechen gegen Juden als gegen alle anderen Gruppen zusammen“, sagt Scott Richman. Früher Anwalt und Investmentbanker, leitet Richman heute die New Yorker Sektion der ADL. „Aber Mamdani hat die Lage verschärft, statt sie zu beruhigen“, sagt er. „Juden, die auf der Straße Kippa tragen, erleben deutlich häufiger Anfeindungen.“Und wer als Jude keine äußeren Zeichen trägt, gerät am Arbeitsplatz oder in der Schule trotzdem in unangenehme Situationen – etwa, wenn Kollegen Positionierungen zu Israel einfordern. „Manche tragen ihre Kippa offen und nehmen Belästigungen hin. Andere tragen eine Baseballkappe darüber, um nicht aufzufallen“, so Richman. Längst sei legitime Kritik in Gewaltverherrlichung gekippt, findet er. Parolen wie „Intifada globalisieren“ oder „From the river to the sea“ seien keine Meinungsäußerungen, sondern Aufrufe zur Auslöschung Israels. Eine Anfrage von WELT AM SONNTAG zu den Vorwürfen ließ Mamdani unbeantwortet. Lesen Sie auchWie konkret die Gefahr für Juden mittlerweile ist, zeigt die Polizeistatistik. Höhepunkt der Gewalt auf New Yorks Straßen war der Mai, wie folgender Ausschnitt einiger Vorfälle zeigt, die die Schlagzeilen dominierten:2. Mai: Studenten der Columbia-Universität kommen zu einer Demo zusammen. Auf Videos sind Sprechchöre mit „Say it loud, say it clear: We support Hamas here“ zu hören.4. Mai: Die Polizei ermittelt wegen Hakenkreuz-Schmierereien an mehreren Wohnhäusern in Queens und an einer Synagoge. Deren in Österreich geborene Rabbi ist Überlebender der „Reichskristallnacht“.5. Mai: Vor der Park East Synagoge in Manhattan bedrängen Demonstranten Gemeindemitglieder, es kommt zu Handgemengen. Die Polizei verhindert eine Eskalation.13. Mai: Hunderte Demonstranten, viele maskiert, ziehen im martialischen Stil durch Midwood und rufen zur „Globalisierung der Intifada“ auf.14. Mai: Auf einem Gebäude der New York University wird während einer Abschlussfeier eine Flagge gehisst, die neben einem Davidstern mehrere Hakenkreuze zeigt.Zohran Mamdani hat all diese Vorfälle verurteilt. Und doch werfen ihm Kritiker – Hardliner der Republikaner ebenso wie zionistische Juden – vor, sein Verhältnis zum Islamismus nie geklärt zu haben. Sie verweisen auf seine wiederholten Genozid-Vorwürfe gegen Israel, seine Apartheid-Rhetorik und die Unterstützung der antiisraelischen Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS).„Nach dem 7. Oktober ist es fast in Mode gekommen, Juden zu hassen“, sagt Michelle Ahdoot. Dass die Proteste nicht antisemitisch, sondern nur gegen die israelische Regierung und Siedlungen im Westjordanland gerichtet seien – so argumentiert auch Mamdani –, hält sie für eine Ausrede. „Wenn dort zur Vernichtung des jüdischen Volkes aufgerufen wird, ist das nicht friedlich.“ Was fehlt, sagt Ahdoot, seien klare Schutzinstrumente – etwa eine verbindliche Antisemitismus-Definition oder Pufferzonen rund um Synagogen und Schulen.Yisroel Dovid Weiss war beim Protest vor der Park East Synagoge im Mai dabei – allerdings auf Seiten der Demonstranten. In New York hat es der Rabbi durch seinen auffälligen Auftritt zu Bekanntheit gebracht. Der 74-Jährige trägt lange Schläfenlocken und Schtreimel-Hut – oft kombiniert mit einem Palästinensertuch. Er vertritt die Splittergruppe Neturei Karta: orthodoxe Juden, die den Staat Israel ablehnen und sich für die „Befreiung der Palästinenser“ einsetzen.Weiss sagt, vor der Synagoge sei lediglich gegen den Verkauf von Land an Siedler im Westjordanland protestiert worden. Eigenen Angaben zufolge sei er auf Hunderten Palästina-Kundgebungen gewesen, die friedlich abgelaufen seien. Vor der Park East Synagoge hingegen hätten Mitglieder zionistischer Gruppen die Demonstranten gezielt provoziert.Neturei Karta mag eine kleine, ja radikale Gruppierung sein. Dennoch sind auch antizionistische Juden Teil des breiten Spektrums in der größten jüdischen Stadt der Welt. Auch bei vielen jungen, linksliberalen New Yorkern jüdischer Herkunft bleibt Mamdani beliebt; die Gruppe „Jews for Mamdani“ trug maßgeblich zu seinem Wahlsieg bei. Anfragen der WELT AM SONNTAG an die Organisation bleiben unbeantwortet.Rabbi Weiss hat dafür umso mehr Redebedarf. Er nennt den Zionismus eine nationalistische Bewegung. „Das Vorgehen Israels in Gaza und im Westjordanland und die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus verschärfen Antisemitismus, da alle Juden für die Taten der Zionisten verantwortlich gemacht werden“, findet er.Bürgermeister umgibt sich mit radikalen GruppenWenig bis gar nicht wird im Mamdani-Umfeld über die Verbrechen der Hamas gesprochen. Dabei weckt nicht nur der Bürgermeister selbst Zweifel, sondern große Teile seines Umfelds. Seine Frau, die 29-jährige Illustratorin Rama Duwaji, likte mehrere Instagram-Beiträge, die den Terror vom 7. Oktober unverhohlen feierten.Die ADL wirft rund 80 Mitgliedern von Mamdanis Übergangsteam Verbindungen zu „radikalen, anti-zionistischen Gruppen“ vor. Ein Mitglied posierte demnach mit Hamas-Dreieck, ein anderes wurde bei einer Anti-Israel-Demo verhaftet und soll enge Verbindungen zur „Nation of Islam“ haben. Kurz nach seiner Wahl entließ Mamdani zudem seine Personalchefin Catherine Almonte Da Costa, nachdem zehn Jahre alte Posts auftauchten, in denen sie von „geldgierigen Juden“ sprach.Lesen Sie auchVielleicht sind Vorfälle wie diese der Grund dafür, dass Mamdani sich in Sachen Nahostkonflikt seit seinem Amtsantritt gemäßigt hat. Ein scharfer Kontrast zu seinem Wahlkampf, in dem er noch offen für die „Befreiung Palästinas“ warb. Als Bürgermeister sucht er nun die Nähe zu jüdischen Gemeinden. Er besucht Feierlichkeiten in Synagogen und hat den jüdischen Politiker Brad Lander zum engen Vertrauten gemacht. Und dennoch heizt Mamdani das Thema auch immer wieder an. Erst kürzlich rief der Bürgermeister zur Verhaftung von Israels Premier Benjamin Netanjahu auf.Und der nächste Eklat dürfte mit Ansage kommen. Eine Petition von Angehörigen damaliger Opfer fordert, dass Mamdani dem Gedenktag zum 25-jährigen Jahrestag der 9/11-Anschläge fernbleibt. Der Bürgermeister unterhalte gute Kontakte zu Siraj Wahhaj, heißt es in der Begründung. Der 76-jährige Imam gilt als prominente Stimme des Islam in den USA und propagiert regelmäßig dessen geistige Überlegenheit über die Demokratie. Mamdani ließ sich im Wahlkampf Arm in Arm mit Wahhaj ablichten. Auf die Vorwürfe ist der Bürgermeister nicht eingegangen. Stattdessen hat er angekündigt, trotzdem zu kommen.Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.