Der nackte Fuss war stets ein Spiegel gesellschaftlicher Normen. Heute rücken die Zehen wieder in den Fokus – nicht zuletzt wegen der hohen Temperaturen.Gerade erleben wir mit, wie ein lange unterschätzter Körperteil ins Rampenlicht tritt: die Zehen. Im Gegensatz zu den Fingern, die immer viel zu tun hatten, aber dafür auch eifrig gepflegt und geschmückt wurden, gönnte man den Fussfingern zwar auch einmal eine Pediküre. Dennoch fristeten sie die meiste Zeit ihres Daseins im Dunkeln, sprich in geschlossenen Schuhen.Denn: Im Businesskleider-Knigge sind Körperlichkeiten sowieso verpönt. Und insbesondere nackte Füsse. Zehen existieren im Kosmos der klassischen Geschäftsbekleidung erst gar nicht. Bei ungemeiner Hitze dürfen zumindest Frauen ihre Fersen in Slingbacks zeigen. Sofern diese von einer Feinstrumpfhose bedeckt sind, versteht sich.Edel-Flipflop löste Trend ausAuch wenn der Business-Dresscode da streng bleibt, stehen die Zehen sonst im Rampenlicht wie selten zuvor. Gut möglich, dass der Edel-Flipflop von The Row, ein schlichtes Teil aus Leder für rund 900 Franken, im Jahr 2025 den Anfang dieses Trends markierte. Mit seinen schmalen Riemchen zeigte er sehr viel vom Fuss. Und den Zehen. Auch 2026 scheint der klassische Flipflop ein Schuh der Stunde, ob mit oder ohne Absatz. Getty Images Viel Fuss an der Copenhagen Fashion Week, von links: Die Influencerin Mirja Klein trägt Flipflops von A. Emery, Content-Creator Sophia Geiss’ Sandalen umarmen ihre grossen Zehen, und transparente Sandalen lassen die Kreativdirektorin Jeanette Madsens fast barfuss erscheinen. Modemarken gingen aber durchaus noch weiter. Man setzte gerade den grossen Zeh durch Riemchen in den Fokus; so scheint zum Beispiel das Birkenstock-Modell «Mayari» dem bislang inflationär anzutreffenden «Arizona» vielleicht den Rang abzulaufen.Havaianas, bekannt für seine Flipflops, brachte gerade eine Kollektion heraus, bei welcher der grosse Zeh eingehüllt ist, die anderen aber frei bleiben. Auch oft zu sehen: Schuhe aus transparentem Plastik, die fast den ganzen Fuss offenbaren. Und kleine Marken wie der Schweizer Schmuckbrand Les solides, aber auch Ketten wie Aloha oder Zara bieten Ringe an, um die Zehen den Fingern gleich zu schmücken. Verdeckt den grossen Zeh und rückt ihn so in den Fokus: Havaianas mit Kittenheels waren Teil der Show von Studio Constance an der Copenhagen Fashion Week. Getty Images Nackte Füsse sind in der Modegeschichte schon lange ein Thema. Der Kirchenvater Clemens von Alexandria schrieb um 150 nach Christus in seinem Werk «Der Pädagogus» eine Art Christen-Knigge, darunter ein mehrteiliges Kapitel über Fussbekleidung. Für Frauen galt: «Indessen sollen sie in der Regel Schuhe tragen; denn es schickt sich für sie nicht, den Fuss nackt zu zeigen; und vor allem gleitet die Frau leicht aus und nimmt Schaden.»Der Hippie-Trail lässt grüssenNachdem die Kirche den nackten Fuss im sündenängstlichen Mittelalter jahrhundertelang komplett aus der Öffentlichkeit verbannt hatte, blieb er auch im bürgerlichen 19. Jahrhundert im Dunkeln gefangen. Erst die radikalen Kulturrevolutionen des 20. Jahrhunderts lockerten diese strengen religiösen und gesellschaftlichen Grenzen.Befreit wurden die Zehen unter anderem von den Hippies, welche sich auf dem legendären Trail, der sie von München durch die Türkei, Iran, das kriegsverschonte Afghanistan und Pakistan bis ins indische Goa führte, von der Fussbekleidung der dortigen Bevölkerung inspirieren liessen. In diesem Modeshooting der Vogue von 1970 liegt der Fokus ganz klar auf den Füssen. Getty Images Kult um FussgesundheitBirkenstock brachte ab 1963 noch einen anderen Aspekt ein: die Gesundheit. Füsse waren plötzlich nicht mehr ein peinliches Überbleibsel unserer Abstammung vom Affen, sondern die Basis einer guten Haltung, einer guten Gesundheit. Daraus hat sich mittlerweile ein regelrechter Kult entwickelt.Viele Kinderfüsse werden vom ersten Schritt an in breitkappige «Barfussschuhe» gesteckt, deren Passform und Materialien sorgfältig ausgewählt werden. Ihre Eltern tun es ihnen dann oft gleich. Meist fallen diese Schuhe durch ihre uns breit erscheinende, aber eigentlich der Form des Fusses folgende Passform auf, die auch schon Einzug in die High Fashion gehalten hat. Extremer sind die Zehenschuhe, bei denen jeder Zeh eine eigene Abteilung erhält. Nach wie vor ein Nischenprodukt: Zehenschuhe. Getty Images Doch ob orthopädisches Nischenprodukt, minimalistischer Barfussschuh oder der teure Designer-Flipflop – mit den steigenden Temperaturen in den Städten stossen die traditionellen, geschlossenen Dresscodes an ihre praktischen Grenzen. Je heisser die Sommer werden, desto mehr wird sich auch unsere Garderobe den klimatischen Realitäten anpassen. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.