Dating-Apps haben an Reiz verloren. Dafür werden von buddhistischen Orden organisierte Treffen für Singles immer beliebter.Hoo Nam Seelmann12.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWer nichts sieht, sieht vielleicht mehr – ganz reales Blinddate mit Augenmaske im Naksansa-Tempel an der koreanischen Ostküste.Kim Soo-hyeon / ReutersDie Sache mit der Liebe war auch in Korea nie leicht. Als ein Zwitterwesen zwischen Natur und Kultur ist der Mensch ein kompliziertes Ding, das zwischen sexuellem Begehren und kulturell genährten Empfindungen oszilliert. Die Gestalt dessen aber, was wir Liebe nennen, hat sich mit der Zeit gewandelt. Früher standen vielfache Hindernisse im Wege: Standesunterschiede oder die Ablehnung der Eltern. Nun sind diese Hürden weitgehend verschwunden, und man ist frei zu wählen. Mit dem Ideal der romantischen Liebe ist aber der Anspruch gewachsen. Es heisst, die Liebe sei etwas Erfüllendes, in das man die ganze Sehnsucht hineinlege. Entscheidend bleibt aber in Korea wie anderswo die Frage, wie und wo man dem einen Menschen begegnet, damit der magische Funke zündet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass das Finden des Richtigen ein Problem ist, zeigen verschiedene Umfragen in Korea. 2024 antworteten 78 Prozent der Befragten in der Altersgruppe zwischen 25 und 49 Jahren auf die Frage, warum sie, obwohl heiratswillig, noch nicht verheiratet seien: Sie hätten keinen geeigneten Partner getroffen. Viele nannten als Grund auch, dass sie in der Hektik des Arbeitsalltags keine Gelegenheit hätten, jemanden kennenzulernen. Sie wüssten nicht, wohin sie sich vertrauensvoll wenden könnten.Fernab in den BergenDie Euphorie um die neuen Dating-Apps ist inzwischen verflogen, zurück blieb das ungute Gefühl, die Liebe könnte eine Ware sein. Gewachsen sind auch Misstrauen und Skepsis. Berichten Medien in Korea von sexuellen Übergriffen und Betrugsfällen, ist oft von Begegnungen im Netz die Rede. Romance-Scamming zeigt schön, was das Netz aus der urmenschlichen Sehnsucht nach Liebe macht. Die Anonymität bringt seltsame Blüten hervor.Derweil sind die buddhistischen Tempel in Korea zum Hotspot der Partnersuche geworden. Es heisst, die Trefferquote liege hier über 50 Prozent. Ein ungewöhnlicher Ort ist der Tempel schon, um im Kontext des Problems mit der Liebe genannt zu werden. Denn die oft weitläufigen Tempelanlagen liegen meist fernab von Städten, tief in den Bergen. Sie sind bekannt als ehrwürdige Orte für Rückzug und Meditation und dafür, dass hier der Zölibat herrscht. Und doch spielen die Tempel in Sachen Partnersuche aktiv mit.Wenn einer blind ist und Gehhilfe braucht, kann der andere Führungsqualität beweisen.Kim Soo-hyeon / ReutersDas Matchmaking-Programm, das der grösste Zen-buddhistische Orden Koreas seit 2023 organisiert, trägt den Namen «Naneun Jol-lo», was sich als «Ich gehe zum Tempel» wiedergeben lässt. Tempel heisst nämlich auf Koreanisch «Jol». Dieser Titel ist eine phonetische Anspielung auf ein bekanntes Fernsehprogramm mit dem Titel «Naneun Solo», das heisst: «Ich bin solo».Bei diesem «Ich bin solo» handelt es sich um eine Reality-Show, bei der Singles zusammenkommen, um nach der grossen Liebe Ausschau zu halten. Die erste Staffel begann 2021, gerade lief die 32. Folge. Ein Jahr später kam ein neues Format hinzu, nämlich «Ich bin solo, die Liebe geht danach weiter». Diese stellt eine Art Nachbetreuung dar, da hier die ehemaligen, Single gebliebenen Kandidaten aus verschiedenen Staffeln auftreten, um einen neuen Anlauf zu nehmen.Die Einschaltquote liegt durchschnittlich bei 1,9 Prozent, aber da gelegentlich auch Prominente dabei sind und Skandale nicht ausbleiben, können die Showmacher einer gewissen Aufmerksamkeit sicher sein. Die Zuschauer nehmen regen Anteil am Schicksal der Teilnehmer, daran, wer mit wem zum Paar wird, ob ein Paar heiratet oder wieder geschieden ist und so weiter. Es heisst, die Erfolgsquote liege bei 5 Prozent.Die Show hat gewisse Eigenheiten. Die Teilnehmer sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, und die Gruppen werden variationsreich zusammengesetzt. Es gibt zum Beispiel Staffeln für Geschiedene mit oder ohne Kinder. Eine Staffel besteht durchschnittlich aus 6 oder 7 Folgen, und die Zahl der Teilnehmer schwankt zwischen 12 und 14. Wer mitmachen will, bewirbt sich schriftlich. Für vier Tage werden die Beteiligten an einer ausgesuchten Lokalität untergebracht.Wie entscheiden?Bei der Ankunft erhält jeder einen Namen, der sehr altmodisch klingt. Die Namen bleiben bei allen Staffeln gleich, so dass die Zuschauer zum Beispiel sagen, die «Sunja», ein weiblicher Name, von der 4. Staffel sei besser als die «Sunja» aus der 6. Die erste Wahl trifft man, auf Intuition hoffend, noch bevor die Vorstellung stattfindet. Abwechselnd darf Mann oder Frau vom Wahlrecht Gebrauch machen für Picknick, Gespräch, Spaziergang oder Essen im Restaurant.Man sieht bald, wer begehrt ist. Ein Mann bleibt allein, während ein anderer von mehreren Frauen umgeben ist, aber auch umgekehrt. Man muss Demütigung aushalten und die Nervosität im Griff haben. Dass die richtige Wahl nicht leicht ist, zeigt sich auch hier. Woran macht man fest, dass jemand zu mir passt? Was entscheidet: Aussehen, Vorlieben, Interessen, Charakter, Lebensumstände? Drei Moderatoren, zwei Männer und eine Frau, kommentieren die Verhaltensweisen der Personen. Geht am Ende ein Paar hervor, darf man dem jeweils anderen den wahren Namen ins Ohr flüstern.Als Zuschauer fragt man sich, ob eine Reality-Show der rechte Ort für die Liebe ist. Wie viel Raum mag zwischen Kommerz und Entertainment für echte Gefühle bleiben? Die Teilnehmer können sich, der ständigen Präsenz der Kamera bewusst, nicht natürlich verhalten. Es ist eine seltsame Mischung aus Ernst und Show.Im Vergleich dazu herrscht im buddhistischen Tempel eine andere Atmosphäre. Denn das Programm wird vom Orden als privater Anlass unter Ausschluss der Öffentlichkeit organisiert. Die Gruppe ist klein und bleibt unter sich. Man sucht dafür einen besonders schön gelegenen Tempel aus. Positiv wirkt sich auch aus, dass der Buddhismus viel Vertrauen geniesst.Aufbauende und wegweisende Wortes eines buddhistischen Mönchs können auch nicht schaden.Kim Soo-hyeon / ReutersDie Teilnehmer sagen einhellig, sie seien gekommen, weil man hier mit ehrlichen Menschen zu tun habe. Um dabei zu sein, ist aber zuerst eine grosse Konkurrenz zu überwinden. Dabei muss man keineswegs Buddhist sein. Als Anfang Juli der Tempel Naksansa, der schön an der Ostküste liegt, ein Programm ankündigte, bewarben sich 4225 Personen für 20 Plätze. Die hohe Erfolgsquote hat sich herumgesprochen. 2024 zum Beispiel nahmen bei insgesamt sechs Templestay-Events 114 Personen teil, von denen 56 glücklich die Tempel verliessen.Yu Cheol Ju, der beim Orden für das Programm zuständig ist, verriet in einem Interview, nach welchen Kriterien er die Teilnehmer aussucht. Wichtig sei die Ernsthaftigkeit, mit der jemand nach einem Partner suche, und zwar einem fürs Leben. Ob dies der Fall sei, spüre er, wenn er die schriftliche Bewerbung durchlese. Ist die Zahl der Kandidaten auf 50 reduziert, müssen sie ein einminütiges Video von sich schicken. Erforderlich ist ebenso eine Berufsbescheinigung. Danach erfolgt die endgültige Kür der Kandidaten.Das Matchmaking-Programm findet am Wochenende statt und schliesst eine Übernachtung im Tempel ein. Der Treffpunkt ist meist in Seoul, und man fährt mit dem Bus zum Ort. Noch im Bus erhält jeder einen Namen, der aus alten, berühmten Liebesgeschichten stammt. Per Los werden die Plätze verteilt, und das erste Kennenlernen beginnt.Wenig Raum für EitelkeitSind die Teilnehmer im Tempel angekommen, gibt es verschiedene Programmpunkte, die das Näherkommen fördern und die Wahl erleichtern sollen. Als Erstes ziehen sie alle gleiche Tempelkleider an, so dass für Eitelkeit wenig Raum bleibt. Man stellt sich vor, trinkt mit wechselnden Partnern Tee, um ins Gespräch zu kommen. Gemeinsame Meditation und das Zubereiten des Tempelessens gehören dazu. Es gibt auch Paar-Yoga, oder man zeigt vor der versammelten Gruppe das, was man am besten kann: Singen, Tanzen, Zaubern oder das Spielen eines Instruments. Eingebettet ist das ganze Programm in die alte buddhistische Religion und Kultur. Man macht die Rituale mit oder geniesst einfach die Stille. Nachtspaziergänge seien besonders beliebt, heisst es.In Naksansa gibt es ein besonderes Programm, «Blind Date» genannt: Entweder trägt der Mann oder die Frau eines Paares eine Augenbinde und lässt sich den Weg zu dem Hügel hinaufführen, wo eine grosse Buddhastatue steht. Hier kann man herausfinden, wie aufmerksam und rücksichtsvoll jemand ist. Liebe hat auch mit der Frage zu tun, ob man gemeinsam den Lebensweg beschreiten will. Es wird gemeldet, dass aus dem örtlichen Programm bereits fünf Paare hervorgegangen seien. Der Buddhismus scheint sich gut für ein solches Projekt zu eignen, weil er eine Religion ist, die nicht bedrängt, sondern, sei es bei Erleuchtung oder Liebe, die Entscheidung stets der Freiheit des Einzelnen überlässt.Auch beim vegetarischen Tempelessen kommt man sich näher.Kim Soo-hyeon / ReutersPassend zum Artikel