InterviewNoch keine Brille, aber trotzdem Lust auf Sonnenfinsternis? Ein Augenarzt erklärt die Folgen von kurzen Blicken in die Sonne und sagt: «Das lässt sich nicht beheben»Der Augenarzt Matthias Becker kann genau feststellen, ob ein Patient einmal zu lange in die Sonne geschaut hat. Im Interview erklärt er, wie man die Sonnenfinsternis dennoch ohne Schutzbrille miterleben kann.12.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDas wäre der Idealfall: mit der Schutzbrille die Sonnenfinsternis betrachten.Neil Hall / EPAIn ein paar Stunden beginnt die partielle Sonnenfinsternis – und viele Menschen haben keine Schutzbrillen bekommen. Ist es wirklich so schlimm, für ein paar Sekunden ungeschützt auf das Spektakel zu schauen? Erholt sich das Auge davon womöglich wieder? Matthias Becker, Chefarzt an der Augenklinik des Stadtspitals Zürich und Vizepräsident der Schweizerischen Fachgesellschaft der Augenärzte, hat Antworten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Becker, ich gehöre zu den Menschen, die keine Schutzbrille mehr erhalten haben, um die Sonnenfinsternis anzuschauen. Darf ich heute Abend wenigstens ein paar Sekunden lang in die Sonne schauen?Matthias Becker: Das ist wohl eine rhetorische Frage.Warum?Aus augenärztlicher Sicht muss man sagen: Schauen Sie nicht direkt in die Sonne. Das ist wirklich schädlich. Ich habe immer wieder Patienten, die fragen: Warum sehe ich eigentlich auf dem einen Auge so schlecht? Wir untersuchen das Auge dann und können genau sagen: Sie haben einmal zu stark in die Sonne geschaut. In ausgeprägten Fällen liegt die Sehkraft dann nur noch bei 20 bis 30 Prozent. Das lässt sich mit keiner Brille beheben.Prof. Matthias BeckerPDWoher wissen Sie, dass der Blick in die Sonne dafür verantwortlich ist?Das sehen wir sehr genau an den Schichtaufnahmen, die wir von der Netzhaut und insbesondere von der Stelle des schärfsten Sehens, der sogenannten Makula, anfertigen können. Eine Schädigung durch Sonnenlicht hinterlässt dort ganz typische Veränderungen, und zwar genau in der Mitte. Dort, wo der Betroffene die Sonne fixiert hat.Was passiert beim Fokus auf die Sonne mit der Netzhaut?Das ist, als würde man mit einer Lupe Sonnenstrahlen einfangen und auf ein Blatt Papier fokussieren. Dadurch kann sich das Papier entzünden. Etwas Ähnliches passiert auf der Netzhaut. Das gebündelte Licht setzt in den Sinneszellen Reaktionen in Gang, die diese Zellen von innen heraus zerstören. Bei sehr starker Bestrahlung kommt noch Wärme dazu. Sie wirkt ähnlich wie beim Eiweiss eines Frühstückseis, das fest wird. Und diese Sinneszellen teilen sich nicht mehr. Ein Teil der Sehkraft kann sich über Wochen bis Monate erholen, ein Teil des Schadens bleibt für immer. Eine Behandlung, die zerstörte Sinneszellen ersetzt, gibt es nicht.Wie lange muss ich in die Sonne schauen, damit es zu solchen Schäden kommt?Dafür reichen wenige Sekunden. Eine sichere Zeitspanne, auf die man sich verlassen könnte, gibt es nicht – das hängt von der Pupillenweite, vom Sonnenstand und von der Klarheit der Luft ab. Deshalb lautet meine Empfehlung nicht «nicht zu lange», sondern schlicht: gar nicht.Merkt man davon etwas?Nein, das geschieht völlig schmerzfrei. Die Netzhaut hat keine Schmerzrezeptoren – das ist das Tückische daran. Die meisten merken erst Stunden oder sogar Tage später, dass etwas nicht stimmt. Es bleibt dann ein Fleck übrig, der sich in die Makula eingebrannt hat.Welche Beschwerden verursacht solch ein Fleck?Wenn Sie ein Buch lesen, fokussieren Sie die Buchstaben immer mit der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens. Nur dort haben Sie eine ausreichende «Pixeldichte», um überhaupt Buchstaben lesen zu können. Auch Gesichter erkennen Sie mit der Makula. Durch die Sonnenverbrennung haben Sie immer an einer Stelle der Makula eine Art Wolke oder sogar einen schwarzen Punkt, durch den Sie gar nicht hindurchschauen können. An der Stelle sind Sie dann blind.Aber man schaut doch im Leben immer wieder einmal in die Sonne, zum Beispiel beim Autofahren. Da hat man manchmal gar keine andere Wahl.Es macht einen grossen Unterschied, ob Sie ein bisschen an der Sonne vorbeischauen, oder ob Sie die Sonne so richtig fixieren. Letzteres würden Sie bei der Sonnenfinsternis tun. Das sind zwei verschiedene Dinge. Das direkte Fokussieren auf die Sonne ist das Gefährliche.Viele Menschen geniessen regelmässig den Sonnenuntergang. Ist das genauso schädlich wie die Mittagssonne anzuschauen?Je mehr Sonnenlicht ins Auge gelangt, desto schlimmer. Aber auch die untergehende Sonne verursacht Schäden. Grundsätzlich kann man einen Sonnenuntergang betrachten, weil man ja dabei eigentlich gar nicht die Sonne fixiert. Man hat die ganze Landschaft im Blick. Sie schauen sich alles Mögliche an und gucken immer ein wenig an der Sonne vorbei. Dadurch haben Sie nie dieses fokussierte Sonnenlicht auf der Makula. Genau das ist heute Abend die Falle: Die tiefstehende, teilweise verdeckte Sonne blendet weniger, deshalb hält man den Blick länger drauf – gefährlich ist sie trotzdem. Der Blendreiz sinkt, die schädigende Strahlung nicht.Kann ich heute Abend wenigstens mein Smartphone auf die Sonne richten, um ein möglichst schönes Foto zu machen und den direkten Blick auf die Sonnenfinsternis zu vermeiden?Solange Sie nur auf den Bildschirm schauen, gibt es kein Problem. Riskant wird es, wenn Sie beim Ausrichten doch am Gerät vorbei zur Sonne blicken. Ganz klar warnen muss ich vor Fernglas, Teleskop und Kamera mit Teleobjektiv: Diese Geräte sammeln das Licht über eine grosse Frontlinse und bündeln es zusätzlich. Da genügt ein Augenblick für eine bleibende Verbrennung. Und ganz wichtig: Eine Finsternisbrille hinter dem Fernglas nützt nichts – der Filter muss immer vorne am Gerät sitzen.Ein wenig Hoffnung habe ich noch, dass morgen doch noch per Post die Schutzbrille kommt, die ich viel zu spät bestellt habe. Wäre ich damit wirklich bestens geschützt?Zum einen: Bei ganz kurzfristig bestellten Brillen würde ich sehr genau hinschauen, ob sie wirklich die nötige Zertifizierung haben. Auf der Brille oder der Verpackung muss die Norm ISO 12312-2:2015 stehen, dazu ein CE-Zeichen; das verlangt auch das Bundesamt für Gesundheit. Zum anderen darf die Brille keine Beschädigungen an der Folie haben. Sonst ist sie nutzlos. Wenn ein Schaden aufgetreten ist, wird man nie die Firma dafür haftbar machen können. Man ist selbst verantwortlich. Aber wenn die Brille unbeschädigt ist und korrekt zertifiziert, können Sie die Sonnenfinsternis damit gefahrlos anschauen.Gibt es irgendeine Möglichkeit für alle, die keine Brille mehr bekommen haben, die Sonnenfinsternis trotzdem zu betrachten?So etwas wie verrusstes Glas oder eine CD, durch die man schaut, reichen jedenfalls als Schutz überhaupt nicht aus. Das Sicherste ist, sich eine Camera obscura zu bauen. Man kann ein Stück Pappe nehmen, mit einer Nadel ein Loch hineinbohren und das Licht dadurch auf ein Papier lenken. So kann man die Sonnenfinsternis indirekt anschauen. Wichtig ist dabei: Man schaut nie durch das Loch hindurch, sondern stellt sich mit dem Rücken zur Sonne und betrachtet nur das Bild auf dem Papier. Schön ist auch der Blick unter einen Baum: Das Lückenwerk der Blätter wirkt wie viele kleine Lochkameras, und auf dem Boden sieht man dann lauter kleine Sonnensicheln.Falls jemand heute Abend trotz allem ungeschützt hinschaut – woran merkt die Person, dass sie zum Augenarzt gehen sollte?Nicht in Panik verfallen, aber auch nicht einfach abwarten. Wer danach einen grauen oder dunklen Fleck in der Mitte sieht, wer verzerrte Linien wahrnimmt, unscharf sieht oder auffallend lichtempfindlich wird, soll sich augenärztlich untersuchen lassen. Ein einfacher Selbsttest: ein Auge zuhalten und einen Türrahmen oder ein Fliesenmuster anschauen – sind die geraden Linien wellig, gehört das abgeklärt. Und nun habe ich noch ein Schlusswort. Darf ich?Bitte.Man hat zwei Augen und ein Leben. Die Sonnenfinsternis dauert eine Stunde, ein Makulaschaden ein Leben lang.Passend zum Artikel