Für die Kasseler Unipräsidentin Ute Clement ist es „ein sehr, sehr gutes Signal“ – die Grünen im Hessischen Landtag hingegen fragen, ob diese Entscheidung nicht ein „Geschmäckle“ habe: Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) hat im Sommerinterview mit der „Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen“ angekündigt, der Uni Kassel 67,5 Millionen Euro für ein Neubauprojekt zur Verfügung zu stellen. Das Geld stammt aus der Schnellbauinitiative des Bundes, mit der der Modernisierungsstau in Hochschulen, Wissenschaftseinrichtungen und Kindertagesstätten bekämpft werden soll.Genauer gesagt geht es um den ersten Abschnitt des Neubaus der naturwissenschaftlichen Institute: Am Holländischen Platz in Kassel soll ein Gebäude für Physik und Nanostrukturwissenschaft errichtet werden. In einer Pressemitteilung behauptet die Grünen-Landtagsfraktion, dieses Projekt sei das einzige, für das eine hessische Hochschule tatsächlich zusätzliches Geld aus der Schnellbauinitiative erhalte. Damit habe Gremmels eine „einseitige Entscheidung zugunsten seines Heimatwahlkreises“ getroffen, die erklärungsbedürftig sei. Die Grünen verlangen, dass der Minister in der nächsten Sitzung des Landtagsausschusses für Wissenschaft und Kunst seine Beweggründe erläutert. Vor seinem Wechsel in die Landesregierung war Gremmels von 2009 bis 2017 Landtagsabgeordneter und von 2017 bis 2024 Bundestagsabgeordneter, jeweils für Kasseler Wahlkreise. Bis heute ist er Bezirksvorsitzender der SPD Hessen-Nord.Timon GremmelsdpaUm die Argumentation der Grünen zu verstehen, muss man wissen, dass die staatlichen hessischen Hochschulen dem Land aus ihren Rücklagen insgesamt 474,5 Millionen Euro zur Konsolidierung des Landeshaushalts 2025 zur Verfügung gestellt haben. Im vergangenen November kündigte Minister Gremmels an, die Hessen zustehenden knapp 300 Millionen Euro aus der Schnellbauinitiative des Bundes kämen komplett den Hochschulen zugute. Nach Lesart der Grünen fließen davon allerdings rund 230 Millionen Euro „alleine in die Rückzahlung des Zwangskredits, den sich das Land zuvor bei den Hochschulen selbst genommen hatte“. Echtes zusätzliches Geld seien nur die 67,5 Millionen, die nach Nordhessen gingen – ausgerechnet an die Uni in Gremmels’ Heimatregion.In anderen Hochschulen des Landes wird die Entscheidung zugunsten Kassels hinter vorgehaltener Hand mit einer gewissen Süffisanz kommentiert. Spekulationen, dass Minister ihre Herkunftsstädte oder -wahlkreise – seien es Darmstadt, Frankfurt, Marburg oder Kassel – bei Bauprojekten bevorzugten, gibt es in Hessen seit Jahrzehnten immer wieder. Im aktuellen Fall hält sich die Empörung allerdings in Grenzen. Dass das Kasseler Vorhaben sinnvoll und wegen weit fortgeschrittener Planung im Rahmen der Schnellbauinitiative besonders förderwürdig ist, wird nicht in Zweifel gezogen.Ministerium: Nicht nur Uni Kassel wird gefördertOffiziell loben sowohl die Konferenz Hessischer Universitätspräsidien als auch die Hochschulen für angewandte Wissenschaften die Initiative als Mittel, die Modernisierung der Infrastruktur zügig voranzubringen. Durch den Bundeszuschuss werde auch das Budget für das hessische Hochschulbauprogramm Heureka entlastet.Das Wissenschaftsministerium selbst verwahrt sich gegen die Darstellung, Geld aus der Schnellbauinitiative komme allein der Uni Kassel zugute. Vielmehr bekämen neun weitere Hochschulen in den Jahren 2026 bis 2029 insgesamt 230 Millionen Euro aus diesem Topf. Sie erhielten damit „vorzeitig zusätzliche Infrastrukturmittel für dringend notwendige kleinere Bau- und Sanierungsmaßnahmen“. Details zu den außerhalb von Kassel geförderten Projekten konnte eine Sprecherin des Ministeriums zum aktuellen Zeitpunkt nicht nennen.Dass auch andere Hochschulen Zuschüsse aus der Bundesinitiative erhalten, wird von diesen nicht bestritten. Kritisiert wird aber sinngemäß, dass sie in vielen Fällen sozusagen in die rechte Tasche etwas gesteckt bekämen, was ihnen das Land zuvor aus der linken genommen habe – nämlich in Form des erwähnten „Zwangskredits“. Überdies, heißt es, seien die Zuwendungen aus der Schnellbauinitiative mit einer Zweckbindung und einer Befristung versehen. Dies nehme den Hochschulen die Freiheit, das Geld für andere nötige Anschaffungen zu verwenden, etwa für Großgeräte.Nach Angaben der Grünen im Landtag war zunächst im Gespräch gewesen, dass ein Teil der Schnellbaumittel in „studentische Infrastruktur an mehreren Standorten“ fließen solle. „Davon hätten Studenten im ganzen Land profitiert.“ Das Ministerium lässt dazu wissen, die Hochschulen, die Geld aus diesem Topf bekämen, dürften selbst entscheiden, welchen Bauprojekten sie Vorrang geben wollten. „Hierzu können selbstverständlich auch Maßnahmen der studentischen Infrastruktur wie Mensen oder Cafeterien gehören.“
Bevorzugt Wissenschaftsminister Timon Gremmels die Uni Kassel?
Die Uni Kassel bekommt 67,5 Millionen Euro aus der Schnellbauinitiative des Bundes. Für die hessischen Grünen hat das ein „Geschmäckle“. Kritik kommt von anderen Hochschulen des Landes.






