Wo die Spieler des FC Bayern in den vergangenen Wochen auch auftauchten, der Jubel war groß. Er unterschied sich allerdings in seinem Klang. Beim Trainingslager am Tegernsee waren es eher helle Kinderstimmen, die die Spielernamen riefen. In Südkorea und Hongkong waren es ausweislich der Videos in den Vereinsmedien zumeist junge Männer, die den Tross des deutschen Meisters am Flughafen empfingen. Im Falle des Torhüters Manuel Neuer beinahe ekstatisch.Bei einem anderen Spieler war es etwas kurios, dass ihn die Bayern-Fans bereits als einen Bayern-Profi bejubelten, der beim 15:0-Test gegen den FC Rottach-Egern das Tor zum 11:0 beisteuerte und beim 2:1 gegen Jeju SK in so hohem Tempo durchs Mittelfeld dribbelte, dass ein Raunen durchs Stadion ging. Bara Sapoko Ndiaye, 18, war zu diesem Zeitpunkt nämlich noch gar kein Bayern-Profi. Der in der vergangenen Saison bereits nach München ausgeliehene Mittelfeldspieler lief mit einer Sondergenehmigung auf, während die Bayern über seinen Transfer von den Gambinos Stars verhandelten, einer Nachwuchsakademie in Gambia. Die Auskunft von Sportvorstand Max Eberl lautete: „Dieses Konstrukt mit den Gambinos Stars ist nicht ganz so einfach. Es muss noch alles vertraglich abgesichert werden.“FC Bayern in der Vorbereitung:Kompany und das Münchner „Puzzle“Auf der Asien-Tour des FC Bayern spricht Trainer Vincent Kompany zum ersten Mal während der Saisonvorbereitung öffentlich – auch über die Herausforderungen dieses Sommers.Inzwischen, knapp zwei Wochen vor dem ersten Pflichtspiel, trainiert der FC Bayern wieder in München. Und seit Montag ist auch der mutmaßlich letzte Zugang des Sommers abgesichert: Ndiaye unterschrieb einen Fünfjahresvertrag, er bekommt den durch den Abschied von Leon Goretzka freigewordenen Kaderplatz als vierter zentraler Mittelfeldspieler neben Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlovic und dem in der Hierarchie aufgerückten Tom Bischof. U21-Nationalspieler Noël Aseko, ein anderer Kandidat für diese Rolle, wurde zu Eintracht Frankfurt verkauft.Von einer Ablösesumme zwischen drei und vier Millionen Euro ist die Rede für Ndiaye, dessen Qualitäten Trainer Vincent Kompany bereits in der vergangenen Saison zu schätzen wusste. Besonders seine Schnelligkeit ragt heraus, am Campus des FC Bayern brach er mit mehr als 36 km/h einen Geschwindigkeitsrekord. In vier Einsätzen bei den Profis warb er derart für sich, dass er noch einen Platz in Senegals WM-Kader bekam.„Red&Gold“ ist die bayerische Antwort auf den viel kritisierten Trend im Weltfußball, dass ein Eigentümer mehrere Klubs besitztAls Ndiaye, von allen „Bara“ genannt, beim 2:3 nach Verlängerung gegen Belgien im Sechzehntelfinale eingewechselt wurde, war das der vorläufige Höhepunkt eines steilen Aufstiegs binnen kurzer Zeit. Vor seiner ersten Einwechslung beim Spiel gegen den FC St. Pauli im April hatte er noch kein offizielles Ligaspiel bestritten. Doch nicht nur in eigener Sache steht der 18-Jährige für Entwicklung, die schneller ging, als sie in München dachten: Dreieinhalb Jahre nachdem der FC Bayern mit Los Angeles FC ein Joint Venture namens „Red&Gold“ zur Nachwuchsförderung gründete, ist Ndiaye der erste Bayern-Profi, der aus dieser Kooperation hervorgeht.„Red&Gold“, so heißt die bayerische Antwort auf den viel kritisierten Trend im Weltfußball, wonach ein Eigentümer mehrere Klubs besitzt, besser bekannt als Multi-Club-Ownership (MCO). Berühmte Beispiele sind Red Bull, die City Football Group um Manchester City oder das Konsortium BlueCo, zu dem der FC Chelsea und Racing Straßburg gehören. Zahlreiche internationale Spitzenklubs sind inzwischen Teil eines solchen Gebildes, ein klarer Wettbewerbsvorteil.Zu „Red&Gold“ gehören der für seine Jugendarbeit bekannte Verein Racing Montevideo in Uruguay und SD Aducas in Ecuador, außerdem Jeju SK, jener Klub in Südkorea, bei dem die Münchner just auf der Asientour gastierten. Und eben die Gambinos Stars, 2019 von einem alten Bekannten aus dem bayerischen Profifußball gegründet, Greuther Fürths ehemaligem Präsidenten Helmut Hack.„Die Gambinos Group“, so steht es auf der Webseite von „Red&Gold“, will „mit ihren Standorten in Gambia, Senegal und Kamerun zu einem Kompetenzzentrum für westafrikanische Talente“ werden. In Mandinari in Gambia, nahe der Grenze zu Senegal, trainieren am Hauptstandort aktuell 60 Jugendliche im Alter von zwölf bis 18 Jahren. Ndiayes Bundesliga-Debüt sahen sie jubelnd im Fernsehen. Er sei ein „Leuchtturmprojekt“ für die internationale Talentförderung, heißt es beim FC Bayern.Nathaniel Brown beim FC Bayern:„Jung, bayerisch, flexibel“Der FC Bayern präsentiert in Nationalspieler Nathaniel Brown einen von zwei Sommerzugängen. Sportvorstand Max Eberl spricht salbungsvolle Begrüßungsworte – und wird deutlich, als es um geplante Verkäufe geht.„Red&Gold“ ist seit 2013 Mehrheitsgesellschafter der Gambinos Group. Gewissermaßen kaufte der FC Bayern Bara Ndiaye also sich selbst ab, oder zumindest dem eigenen Joint Venture, dessen Geschäftsführer Jochen Sauer ist, der gleichzeitig den Campus des FC Bayern leitet. Was Sportvorstand Eberl meinte, als er sagte, dass das „Konstrukt nicht ganz so einfach“ sei, dürften die Formalitäten gewesen sein, die es zu beachten galt, um den Transfer marktgerecht abzuwickeln. Anders gesagt: Es musste wohl ein passender Marktwert gefunden werden, der bei herkömmlichen Transfers durch das Angebot eines Konkurrenten definiert wird. Dass die Verhandlungen zwischen Gambinos-Gründer Hack (dessen Sohn Ndiayes Berater ist) dem FC Bayern und LAFC scheitern würden, war jedenfalls nicht zu erwarten.Wie groß das Vertrauen in Ndiayes Fähigkeiten ist, zeigt auch das Detail, dass er als Nicht-EU-Ausländer keine Spielberechtigung für die Nachwuchsmannschaften des Klubs bekommen hätte. Er musste sich also direkt bei den Profis durchsetzen.Ndiaye habe sich „in sehr kurzer Zeit in einer völlig neuen Umgebung beim FC Bayern zurechtgefunden und schnell eine hohe Akzeptanz im Team erarbeitet“, sagte Sportdirektor Christoph Freund laut Mitteilung zur Bekanntgabe des Transfers. Sauer ließ sich mit den Worten zitieren, Ndiaye stehe für „unseren nachhaltigen Entwicklungsansatz: Internationalen Top-Talenten in ihrem Heimatland ein optimales Entwicklungsumfeld zu bieten, zum richtigen Zeitpunkt mit Probetrainings in Europa neue Reize zu setzen, ihnen eine Bühne zu geben und so den Sprung in den Profifußball zu ermöglichen“.Ndiayes Weg steht allerdings auch dafür, dass dieser Ansatz seine Tücken hat. Bevor er nach München verliehen wurde, sammelte er wie in den Vorjahren einige Münchner Talente Erfahrungen beim Grasshopper Club Zürich, in seinem Fall als Probespieler. Die Schweizer sind zwar nicht offiziell Teil des Netzwerks von „Red&Gold“, waren aber im Besitz des Los Angeles FC. Die Erfolge blieben aus, die Fans protestierten. In diesem Sommer wurde der Klub an einen neuen Besitzer verkauft.