Der andere BlickBerlin hat ein Müllproblem: Warum es höchste Zeit ist, den Dreck endlich ernst zu nehmenDie deutsche Hauptstadt ist dreckig – und plötzlich stört es auch die Politik. Vor der Abgeordnetenhauswahl entdecken die Parteien Sauberkeit zu Recht als Wahlkampfthema.11.08.2026, 18.00 Uhr3 LeseminutenBerlin: Ein Müllcontainer quillt über.Sabine Gudath / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Plötzlich hat der Wahlkampf um die deutsche Hauptstadt ein Thema: Der neue CDU-Spitzenkandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus, Stefan Evers, nennt die Vermüllung der City «inakzeptabel» – und will die Empfänger staatlicher Unterstützungsleistungen dazu verpflichten, beim Aufräumen zu helfen. Die Sozialdemokraten kämpfen, neuerdings, auf ihren Wahlplakaten für «saubere Kieze».Die Linkspartei prangert das «Müllchaos» an. Und die europäisch-liberale Partei Volt jubelt ironisch: «Endlich eine Schmutzkampagne!» Lange galt in Berlin als Spiesser, wer sich über wilden Sperrmüll, mutwillig ausgekippte Mülleimer, achtlos weggeworfene Verpackungen oder die ubiquitären vollgesabberten Zigarettenkippen aufregte. Verschmutzung wurde als Ausweis von Urbanität interpretiert.Selbst die Anhänger bürgerlicher Parteien hatten (diese unglückliche Metapher sei hier ausnahmsweise gestattet) in Sachen Müll eine Beisshemmung. Doch offenbar ist inzwischen ein Kipppunkt erreicht, der zumindest die politische Rhetorik verändert hat. Vor der Wahl zum Landesparlament am 20. September versuchen praktisch alle Parteien, mit der Forderung nach mehr Sauberkeit zu punkten.Drogenopfer am Bahnhof ZooDas muss noch nicht bedeuten, dass die Berliner Strassenverhältnisse sich wirklich bessern. Aber eine neue Art der Problembeschreibung könnte immerhin den Abschied vom Klebrigen und Versifften einleiten. Zum Berliner Drecksproblem stellen sich mehrere Fragen.Erstens: Ist es denn wirklich so schlimm? Die schnörkellose Antwort lautet: ja. Am Bahnhof Zoo liegen Crack-Kokain-Opfer in Müllnestern auf dem Bürgersteig. Über die U-Bahn will man insgesamt lieber gar nicht reden. In Teilen von Neukölln überlagert der Urin- den Kaffee- oder Shisha-Geruch. Unter Brücken und in Parks in der ganzen Stadt hausen Obdachlose, die nicht (im altbundesrepublikanisch-sozialarbeiterischen Sinne) «gesehen», sondern die vielmehr nicht gesehen werden wollen, um ihren Geschäften unbehelligt nachgehen zu können. Das verstört nicht zuletzt die Joggenden vor Ort ungemein.Zweitens: Ist es in allen Berliner Bezirken gleich schlimm? Antwort: nein. Villenviertel wie Grunewald, Dahlem oder Zehlendorf sind so sauber, dass man dort vom Fussboden essen könnte. Müllprobleme, Mäuse, Ratten und Kakerlaken gibt es in den eng besiedelten früheren Arbeitervierteln. Im Wedding, in Moabit, in Marzahn-Hellersdorf, im südlichen Tiergarten, auch in den weniger teuren Teilen von Charlottenburg.Darin unterscheidet sich Berlin kaum von anderen europäischen Hauptstädten. Die ernsthaft Vermögenden konnten schon immer ganz gut mit einer mangelhaften öffentlichen Infrastruktur leben, die ihre Privatparks nicht beeinträchtigte.Verwahrlosung führt zu mehr MüllDrittens: Sind die Sauberkeitsunterschiede die Folge einer «klassistischen» Stadtreinigung? Wird also, wie die Linkspartei behauptet, in den Quartieren der Wohlhabenden öfter und gründlicher gekehrt als dort, wo viele Menschen unterschiedlichster Kulturen auf engstem Raum wohnen?Tatsächlich spricht vieles eher für das Gegenteil: Dort, wo viele Menschen dicht aufeinander leben und entsprechend mehr Abfall anfällt, ist die Stadtreinigung häufiger im Einsatz. Da, wo es bereits sehr sauber ist – wie in den nobleren Gegenden von München, Frankfurt oder Hamburg –, wird auch seltener etwas hingeworfen.Das ist gleichsam die positive Seite der sogenannten «Broken windows»-Theorie: Amerikanische Kriminologen hatten Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts beobachtet, dass die Anfänge von Verwahrlosung – ein zerbrochenes Fenster hier, ein mit verrottendem Plastikspielzeug vollgestellter Garten dort – oftmals den Niedergang eines ganzen Stadtviertels einläuteten.Saubere Vorbilder gibt es vieleWeil die kriminellen Elemente aus den Anfangserscheinungen mangelnder sozialer Kontrolle darauf schlossen, dass sich ihnen auch bei schweren Straftaten niemand in den Weg stellen würde, gab es weniger Hemmungen, Drogen zu verkaufen oder harmlose Mitbürger zu drangsalieren.Hauptstädte wie New York, London oder, um im europäischen Kontext zu bleiben, Wien zogen Schlüsse aus der «Broken windows»-Theorie – und renovierten U-Bahn-Waggons im Stundentakt (New York), konfiszierten Messer ohne Pause (London) oder stockten das Personal der Stadtreinigung um Hunderte von Beschäftigten auf (Wien).Es wäre nicht verkehrt, wenn Berlin sich bei der Müll- und Kriminalitätsbekämpfung weniger an Brandenburger Dörfern als vielmehr an den Grossstädten messen würde, die in der ersten Welt eine Rolle spielen. Übrigens: noch fünf Wochen bis zur Wahl.Passend zum Artikel
Berlin vermüllt – und die Politik entdeckt endlich, dass Dreck kein Großstadtflair ist
Die deutsche Hauptstadt ist dreckig – und plötzlich stört es auch die Politik. Vor der Abgeordnetenhauswahl entdecken die Parteien Sauberkeit zu Recht als Wahlkampfthema.









