Der Höhepunkt der Hitzewelle im Südwesten Deutschlands ist noch nicht erreicht: Am Donnerstag werden in der Rheinebene Temperaturen von 37 Grad vorausgesagt. An diesem Mittwoch könnte der Pegelstand am Bodensee in Konstanz den bisher niedrigsten Stand von 276 Zentimetern noch unterschreiten, sofern nicht plötzlich ein Dauerregen einsetzt. Der Pegelstand am Rhein betrug am Dienstag an einigen Messstellen nur noch 20 Zentimeter.Die Hitzewelle und die geringen Niederschlagsmengen machen sich auch allgemein im Alltag bemerkbar: In einigen Höhenlagen des Schwarzwalds, wo in den Haushalten Quellwasser noch aus originären Brunnen aus dem Wasserhahn kommt, ist die Versorgungssituation angespannt. Auf den Biobauernhöfen wird hitzebedingt gerade das Grünfutter knapp. Ausnahmsweise dürfen die Ökobauern konventionelles Acker- und Grünlandfutter verwenden.„Wir müssen davon ausgehen, dass in der Tendenz die Pegel am Rhein und auch am Bodensee weiter sinken und dass historische Tiefstwerte noch einmal unterschritten werden könnten“, sagt Florian Postel, Sprecher des Landesamtes für Umwelt in Baden-Württemberg. „Die Entwicklung der Pegelstände im Bodensee ist sehr atypisch, normalerweise werden die niedrigsten Pegelstände vor der Schneeschmelze im Frühjahr erreicht, jetzt verlagert sich diese Phase in den Sommer.“Wassertemperatur im Bodensee ist außergewöhnlich hochAm Sonntag zum Beispiel betrug der Pegel am Bodensee in Konstanz 281 Zentimeter. Er lag damit fast einen Meter unter dem für die Saison typischen Durchschnittswert von 378 Zentimetern, der in den Jahren zwischen 1991 und 2020 gemessen wurde. Durch den schnelleren Zufluss des Wassers der schneller schmelzenden Alpengletscher, verursacht durch den Klimawandel, ist im Sommer dauerhaft mit niedrigen Pegelständen zu rechnen.Am 9. August 1949 wurde in Konstanz schon einmal ein auffallend niedriger Pegelstand gemessen; er lag damals bei 299 Zentimetern, aber immer noch über dem heutigen Wert. Auch der Alpenrhein, der Hauptzufluss in den Bodensee, führt in diesem Sommer sehr wenig Wasser – am Sonntag wurden dort 76 Kubikmeter pro Sekunde Wasserdurchfluss gemessen, normal sind in dieser Jahreszeit 253 Kubikmeter pro Sekunde. Die außergewöhnliche Situation hat für den See unmittelbare Folgen: Die Wassertemperatur ist mit 26 Grad hoch, vor allem in den Flachwasserzonen bilden sich Algen. Der niedrige Wasserstand minimiert auch die Lebensräume im Flachwasser für Insektenlarven oder Kleinkrebse.DIe meisten Boote liegen im Hafen: Das Drohnenbild zeigt die Insel Reichenau im Bodensee.dpaSeit etwa zehn Jahren verändert sich die Wasserzirkulation im Bodensee. Dadurch ist vor allem die Sauerstoffzirkulation in den tiefen Wasserschichten schlechter. Bleibt die Abwasserreinigung nicht auf hohem Niveau, dann wird sich die Sauerstoffversorgung in der Tiefes des Sees verschlechtern.Die Lage am Rhein bleibt in dieser Woche ebenfalls angespannt. „Am Pegel Maxau werden aktuell extrem niedrige Wasserstände und Abflüsse gemessen, sodass eine nachhaltige Verbesserung der Lage vorerst nicht in Sicht ist“, sagt Postel. Weil der Flusslauf im Oberrheingebiet durch Staustufen reguliert sei, könne der Schiffsverkehr noch halbwegs aufrechterhalten werden. Von der letzten Staustufe in Iffezheim bei Baden-Baden an sei der Rhein „freifließend“, damit sei er anfälliger, und es werde schwieriger für den Schiffsverkehr.Hält der Trockenstress an, wird das Trinkwasser knappAuch an der Schweizer Grenze im Hochrheingebiet ist die Lage weiterhin angespannt: Am Pegel Hauenstein wurde am Montag ein durchschnittlicher Wasserabfluss von 414 Kubikmeter pro Sekunde gemessen. Der jährliche Niedrigwasserabfluss an dieser Messstelle liegt bei 500 Kubikmetern pro Sekunde, wird also deutlich unterschritten. Eine dauerhafte Niedrigwasserlage beeinflusst die Gewässerökologie maßgeblich: Der Lebensraum für Fische wird kleiner. Die Konzentration der Inhaltsstoffe der Flussgewässer nimmt zu. Die Verringerung der Fließgeschwindigkeit verringert den Sauerstoffeintrag in das Wasser. In Baden-Württemberg ist der Neckar besonders vom Absinken des Sauerstoffgehalts bedroht, denn der Flußlauf ist durch viele Staustufen stark reguliert.Wenn der Trockenstress in den nächsten Tagen weiter anhält, dann werden auch die Probleme mit der Trinkwasserversorgung weiter zunehmen. „Momentan sind keine ergiebigen Niederschläge in Sicht. Gleichzeitig werden Niederschläge zwar zu einer temporären Entspannung der Tagesabgabemenge führen, die Erholung der Quellen dauert aber mehrere Wochen“, sagt eine Sprecherin der Badenova. In einigen Regionen Südbadens schätzt das Versorgungsunternehmen die Lage als „angespannt“ ein: Durch die Trockenheit geht die Schüttungsmenge von Quellen deutlich zurück.In vielen Kommunen fehlt eine ErsatzwasserversorgungDie Badenova bereitet sich darauf vor, einige kleinere Schwarzwaldgemeinden, etwa Forbach oder St. Peter, im Notfall mit Tanklastern mit Trinkwasser zu versorgen. Der Seebach in der Nähe von Titisee im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ist schon ausgetrocknet. Langfristig werden im Jahr 2050 rund 53 Prozent der Gemeinden Probleme haben, den Trinkwasserspitzenbedarf zu decken, heute sind es 21 Prozent. Außerdem fehlt in vielen Kommunen eine Ersatzwasserversorgung.Die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) änderte angesichts der dramatischen Niedrigwassersituation ihre Sommertour und ließ sich am Dienstagnachmittag in Langenargen am Bodensee von Wissenschaftlern die Lage erläutern. „Das Land muss sich auf Zeiten einstellen, in denen Wasser nicht mehr in unbegrenzter Menge verfügbar sein wird“, sagte Walker der F.A.Z. Der Städtetag fordere zu Recht eine „Gemeinschaftsaufgabe Klimaschutz“ sowie eine entsprechende Anpassung im Grundgesetz. Die Ministerin besuchte das „Institut für Seenforschung“ (ISF) und fuhr mit dem Forschungsschiff Kormoran in Richtung des österreichischen Bodenseeufers.
Niedrige Pegelstände: „Wasser wird nicht mehr unbegrenzt verfügbar sein“
Zu wenig Trinkwasser, das Grünfutter wird knapp, und die Wasserstände am Rhein sind historisch niedrig: Die außergewöhnliche Hitzeperiode hat dramatische Folgen für den Südwesten.












