Der Jubel in Syrien über das Urteil gegen Baschar al-Assad ist verständlich. Der gestürzte Gewaltherrscher trägt Verantwortung für einen verheerenden Krieg, hat unermessliches Leid über das Land gebracht, um seine Herrschaft zu retten. Es ist unstrittig, dass er die Schuld an monströsen Verbrechen trägt. Abertausende Unschuldige sind in den Folterkellern seines Regimes ermordet worden, elend an Giftgas verendet oder durch Bomben und Granaten getötet worden.Doch der Urteilsspruch von Damaskus bietet auch Anlass zur Skepsis. Er ist vor allem Ergebnis von Symbolpolitik. Die neue Führung unter Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa hat auf diese Weise Tatkraft in einem emotional aufgeladenen Thema demonstriert. Sie hat auch ein Zeichen der Abschreckung gegen jene gesetzt, die noch immer von einer Wiederauferstehung des alten Regimes träumen – auch wenn die neue syrische Justiz grundsätzlich von Todesurteilen oder gar deren Vollstreckung absehen sollte.Eine vertane GelegenheitIm besten Fall haben die neuen Machthaber in Damaskus Zeit gewonnen, um eine Übergangsjustiz zu etablieren, die Verbrechen des Assad-Regimes sorgfältig und transparent aufarbeitet. Das binnen Monaten gefällte Urteil ist in dieser Hinsicht eine vertane Gelegenheit.Dabei ist eine solche Aufarbeitung ebenso dringend notwendig wie Versöhnung. Syrien ist ein gespaltenes Land mit einer vergifteten Gesellschaft. Aber Zeichen für Ernsthaftigkeit sind auf beiden Feldern leider nur schwer zu finden.Es spricht Bände, dass Assad unter den Gesetzen seines Regimes verurteilt worden ist. Oder dass die Verfolgung der Verbrechen siegreicher islamistischer Milizionäre gegen die Alawiten, Assads Bevölkerungsgruppe, nicht wirklich vorankommt.Scharaas Herrschaft mag von Zwängen und Gratwanderungen geprägt sein. Aber er muss erst noch beweisen, dass es ihm um mehr geht als den Erhalt seiner Macht. Fragen der Gerechtigkeit brauchen mehr als symbolische Akte oder pragmatische Kompromisse. Wenn sich Syrien mit seiner Vergangenheit nicht ernsthaft beschäftigt, hat es keine friedliche Zukunft.