Kurz nach Mitternacht liefen ein Mann mit blonden, kurzen Haaren und eine Gruppe an Begleitern Birminghams Ausgehmeile Broad Street entlang, dem Mann baumelte eine silberne Medaille um den Hals. Nichts Ungewöhnliches, die Stadt in den West Midlands ist schrillere Auftritte gewohnt, Ozzy Osbourne ist hier geboren, auch sichtet man hier tagsüber durchaus mal Menschen in pinkfarbenen Ganzkörperkondomen und allerlei anderen Kostümen durch die Gegend flanieren. Der Mann mit den blonden Haaren indes hatte sich einfach nur seinen Preis für die zuvor erbrachte Leistung umgehängt.Florian Bremm, der Mann mit der Medaille, stand mit seiner Gruppe etwas unschlüssig herum, der 25-Jährige schaute auf sein Telefon, er musste gewiss Dutzende an Glückwunschnachrichten beantworten. Und dann machten sie sich doch noch auf, in den Coyote Ugly Saloon, dessen Homepage mit folgendem Slogan wirbt: „The wildest night out in Birmingham.“Ob es tatsächlich ihre wildeste Nacht war, ist nicht überliefert, aber Bremm und sein Begleittross kamen problemlos am Türsteher vorbei. Drinnen erwarteten sie dann – ein weiteres Versprechen des Saloons – Tanz auf der Theke bis 3 Uhr morgens, Country-Hits und mechanisches Bullriding.Leichtathletik-EM:Orientierungslos auf der BahnGina Lückenkemper scheidet über die 100 Meter schon im EM-Halbfinale aus. Danach fließen ein paar Tränen – sie spricht über einen fatalen Zeckenbiss.Als hätte Bremm nicht schon einen wilden Rodeoritt an diesem Abend hinter sich gebracht, aber er ist ja noch jung mit 25. Der deutsche 5000-Meter-Läufer war jedenfalls drei Stunden zuvor bei den Leichtathletik-Europameisterschaften im Alexander-Stadium sechs Kilometer nördlich der Broad Street in einem herausragenden Rennen zu Silber gestürmt. Daher trug er die Medaille. Daher durfte gefeiert werden, es war bislang Bremms mit Abstand größter internationaler Erfolg. Ein paar Kratzer an den Unterschenkeln zeugten zudem von einem sehr ruppigen, intensiven Lauf.Bremm jedenfalls war in Abwesenheit des höher gehandelten, aber am Fuß verletzten Teamkollegen Mohamed Abdilaahi auf der Zielgeraden am lange in Führung liegenden französischen 10 000-Meter-Weltmeister Jimmy Gressier vorbeigezogen. Dann kam der norwegische Olympiasieger und Titelverteidiger Jakob Ingebrigtsen – und überholte Bremm auf den letzten Metern. Ingebrigtsen, das ist noch mal eine ganz eigene Geschichte: Für den 25-jährigen Szenestar, Inhaber von je zwei Goldmedaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, war es das erste Rennen überhaupt seit elf Monaten, lange Zeit hatte er unter Achillessehnenbeschwerden gelitten, sich operieren lassen.„Wenn man ehrlich ist, ist der Profisport super-egoistisch“, sagt BremmBremm war trotzdem glücklich, er ließ sich nach dem Zieleinlauf auf die Bahn fallen, lag da, weinte, er wollte gar nicht mehr von der Bahn weichen. Was ihm auf den letzten Metern durch den Kopf geschossen sei? „Wenn ich ehrlich bin: Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck! Ja, so war es eigentlich“, sagte Bremm einige Zeit später: „Natürlich denkt man vorher, geil, ich hätte gerne ein Podium, das ist so eine Tagträumerei. Aber wenn man in der Situation ist, ist man darauf nicht vorbereitet.“Und dann erzählte er detailliert aus seinem Läuferleben, das, wenn man weiß, wie viele Entbehrungen es für die Spitzensportler und auch ihr Umfeld bereithält, nicht allzu oft in Kneipenabenden mit Bullriding endet. Bremm schilderte, dass er mit seinem Team einen physiologischen Trainingsansatz verfolge, sie mit Schwellentraining und hohen Umfängen arbeiteten, bei kontrollierten Intensitäten. 160 bis 170 Kilometer läuft er pro Woche, die „Belastungstage“, an denen die Intensität deutlich höher ist, hat er von zwei auf drei pro Woche ausgedehnt, aber auch „Erholungstage“ eingebaut. Bremm arbeitet viel mit dem Institut für angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig zusammen, mit Analysen zur Laktatmessung und maximalen Sauerstoffaufnahme. „Wir orientieren uns stark am norwegischen System“, sagte Bremm.Hineingehechtet ins Glück: Nur Norwegens Jakob Ingebrigtsen (rechts) ist im EM-Finale von Birmimgham schneller als Florian Bremm. Hannah McKay/ReutersUrsprünglich ist Bremm gelernter Hindernisläufer, erst seit 2022, als er den Sprung in die Sportfördergruppe der Landespolizei schaffte („die entscheidende Weichenstellung meiner Karriere“), wurde er Laufprofi. Der Mann aus Colmberg bei Nürnberg wurde in Leutershausen als Jugendlicher von Jürgen Scheibenberger trainiert, seit sechs Jahren ist Melanie Jäger seine Trainerin, seit 2026 läuft Bremm für die Franconia Athletics, einen Ableger des in Deutschland verteilten Franchise-Programms Germany Athletics. Nun ist Bremm Teil eines wahren deutschen Booms auf der Mittel- und Langstrecke, gerade bei den Männern: Auch Teamkollegen wie Abdilaahi, Frederik Ruppert, Robert Farken, Hindernisläufer Karl Bebendorf und Marathonmann Amanal Petros stehen für die neue Konkurrenzfähigkeit in den Ausdauerdisziplinen. Bremm war Anfang Juni in Turku in 12:56,80 Minuten als erst dritter Deutscher (nach Abdilaahi und Dieter Baumann) unter der 13-Minuten-Marke geblieben, sein Erfolg ist zum einen keine Überraschung und zugleich erstaunlich für einen, der vor zwei Jahren bei der EM in Rom über die 5000 Meter noch als 23. eintraf.Bremm ist zugleich jemand, der gerne auch mal aus dem Tunnel des Mittelstreckendaseins ausbricht, der auch weiß, was es fürs Umfeld bedeutet, Ausdauerathlet zu sein. „Das ist ein Rennen, in dem ich eine Silbermedaille gewonnen habe, aber eigentlich ist es mein ganzes Leben“, sagte Bremm nachdenklich, als er nach seinem Silberlauf von Birmingham wieder ein wenig zu Atem gekommen war: „Wenn man ehrlich ist, ist der Profisport super-egoistisch, ich verlange da sehr viel von meiner Familie, von meiner Freundin, von meinen Freunden. Ich bin viel weg, man nimmt immer bloß und gibt wenig.“Die Freundin saß am Mittwochabend daheim vor dem Fernseher, die Familie auch, aber Bremm hatte zwei seiner besten Freunde dabei in Birmingham, immerhin. Er wollte noch telefonieren mit der Familie, der Freundin, aber irgendwie musste er an dem Abend alles gleichzeitig machen, laufen, weinen, Interviews geben, Nachrichten schreiben, und die Siegerehrung war ja auch noch. Draußen auf dem Vorplatz des Stadions, 22.23 Uhr Ortszeit. „Silver Medalist, representing Germany, Florrrrian Brääääm.“ Da stand er also, begutachtete seine Medaille, fasste sie an, wirkte immer noch entgeistert, ehe Norwegens Hymne für den Sieger erklang.Welch ein Abend, der nicht enden wollte. Wie die ganze Woche. Denn Bremm bleibt in Birmingham, erst danach will er weg, mit dem Wohnmobil, in den Rennrad- oder Surfurlaub. Und Florian Bremm weiß: Er muss bald wieder liefern. Denn die Familie wird die Packerei nicht übernehmen, Silber hin oder her.