Florian Bremm wirkte selbst ein bisschen überrascht. Barfuß und mit seinen Schuhen in der Hand kam er angetrottet, als ihn auf einmal ein ausländischer Journalist abpasste. Bremm zögerte einen Moment, schaute in der Mixed Zone umher, als müsse er sich versichern: Meint der auch wirklich mich?Bremm schilderte ihm das Rennen, wie seine Beine nicht mehr wollten und er trotzdem weitergemacht habe, und sagte irgendwann: „Niemand kannte mich.“ Es war ein bemerkenswerter Satz für jemanden, der soeben Silber bei einer Europameisterschaft gewonnen hatte. Aber er erzählt auch etwas über die Bedingungen, unter denen der 25-Jährige seinen Weg gegangen ist.Die Aufmerksamkeit galt anderen Läufern, vor allem dem Olympiasieger Jakob Ingebrigtsen, der nach einer Achillessehnen-OP in dieser Saison noch kein Rennen bestritten hatte. Auch in der deutschen Öffentlichkeit war Bremm immer ein bisschen untergegangen, hinter einem Frederik Ruppert und einem Mohamed Abdilaahi.Als der dreifache Rekordhalter wegen einer Fußverletzung für die EM absagen musste, schienen die Medaillenchancen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes auf einen Schlag geschmälert zu sein. Aber vielleicht nahm Bremm es auch zum Ansporn, dass in Birmingham kaum einer mit ihm rechnete.„Es ist schön, der Underdog zu sein“Im Juni war er über die 5000-Meter-Distanz eine persönliche Bestzeit von 12:56,80 Minuten gelaufen und hatte sich damit auf Platz drei der deutschen Bestenliste verbessert. Es ist eine der besonderen Härten des Leistungssports: Man kann jahrelang alles richtig machen und trotzdem das Gefühl haben, dass kaum jemand zusieht.„Das hat mich nicht gestört“, wird Bremm später in der Mixed Zone sagen: „Es ist schön, der Underdog zu sein. Das ist schon immer eine Rolle, in der ich gerne war und bin. Aber irgendwann muss man da vielleicht auch ein bisschen herauswachsen.“Während des Rennens hatte Bremm sich größtenteils im Hintergrund gehalten, aber vor der Schlussrunde machte er noch mal zwei, drei Positionen nach vorne gut. „Auf den letzten 500 Metern musst du die Initiative ergreifen, sonst wirst du wieder nach hinten gespült.“ Er habe die Fähigkeit, einen starken Endspurt hinzulegen, aber das hätten die anderen Läufer auch, sagte Bremm: „Dann kommt es darauf an, auf den letzten 200 Metern in einer Position zu sein, in der man agieren kann.“Knapp hinter dem Sieger: Florian Bremm kommt gleich hinter Jakob Ingebrigtsen an.dpaAuf einmal war Bremm Kopf an Kopf mit Jimmy Gressier, mit Jakob Ingebrigtsen, mit Dominic Lobalu. Er setzte zur Attacke an, schob sich neben Gressier an die Spitze und zog auf den letzten 80 Metern am WM-Dritten vorbei. Für einen kurzen Moment spürte Bremm, wie es sich anfühlt, bei einer EM aus dem Schatten ins Licht zu laufen. Doch dann kam Ingebrigtsen von hinten herangestürmt und konnte ihn 40 Meter vor dem Ziel noch einholen. Bremm fühlte sich trotzdem wie ein Gewinner: Mit ausgebreiteten Armen stürmte er über die Ziellinie und schrie seine Freude heraus – Silber in 13:15,60 Minuten.Erste deutsche EM-Medaille über 5000 Meter seit zehn JahrenBremm sank auf die blaue Tartanbahn. Er wollte den Moment, wenn sich all die harte Arbeit auf einmal gelohnt hat, so lange auskosten wie möglich. Irgendwann musste ein Offizieller ihn darauf hinweisen, dass er so langsam gerne den Innenraum verlassen darf. In dem Moment sei auch viel Überforderung dabei gewesen, sagte Bremm, und viel von dem, was er aufgegeben hatte, um an diesen Punkt zu kommen: „Ich habe in dem Rennen eine Silbermedaille gewonnen, aber wenn man ehrlich ist, habe ich mein ganzes Leben darauf hingearbeitet.“Leistungssportler richten ihren Alltag nach Training und Regeneration aus, ordnen alles einem einzigen Ziel unter und hoffen, dass irgendwann der Tag kommt, an dem sich die Entbehrungen auszahlen. „Der Sport ist sehr egoistisch“, sagte Bremm: „Ich verlange auch viel von meiner Familie, von meiner Freundin, von meinen Freunden. Ich bin oft unterwegs. Irgendwie nimmt man immer nur, aber gibt wenig. In dem Moment ist einfach vieles in mir hochgekommen.“Wie Bremm haben sich in dieser Saison viele deutsche Läufer gefühlt. Zuletzt sind im Männerbereich einige Rekorde gefallen, die über Jahrzehnte unantastbar schienen: Emil Agyekum über 400 Meter Hürden, Robert Farken über 1500 Meter und die Meile, Frederik Ruppert über 3000 Meter Hindernis, Mohamed Abdilaahi über 3000, 5000 und 10.000 Meter. Auch Bremms Erfolg passt in dieses Bild: Es ist die erste deutsche EM-Medaille über 5000 Meter seit zehn Jahren.„Der Glaube an das eigene Können“„Wenn die Spitze vorlegt, zieht die Breite nach“, hatte Farken der F.A.Z. gesagt. Bundestrainerin Isabelle Baumann sieht einen Prozess, der sich in den vergangenen Jahren beschleunigt habe: besser gesteuertes Training, eine präzisere Überwachung der Anpassungsreaktionen im Körper und eine Mentalität, die sich mehr an internationalem Erfolg orientiert. „Der Glaube an das eigene Können“, das sei am Ende der entscheidende Faktor.Bei Bremm klingt es ähnlich. „Eigentlich haben wir gar nicht so viel verändert“, sagte er, aber: „Wir haben gelernt, bei uns zu bleiben. Und wir haben unseren Trainingsansatz konsequent weiterverfolgt.“ Im Mai habe er im Trainingslager gemerkt, dass er einen großen Schritt in seiner Entwicklung gemacht habe. Dann kamen die 12:56,80 Minuten und mit ihnen die Erkenntnis, dass es im Leistungssport um mehr geht als nur hartes Training. „Es braucht auch Fingerspitzengefühl.“In dieser Saison habe er von zwei auf drei wöchentliche Belastungstage umgestellt. Das Training orientiert sich am norwegischen System, ohne dieses eins zu eins zu übernehmen: viel Schwellentraining in kontrollierten Intensitäten, hohe Umfänge von 160 bis 170 Kilometern pro Woche, kaum Einheiten mit Werten über 10 Millimol Laktat. „Unser Training ist relativ einfach strukturiert“, sagt Bremm. „Aber mir tut es sehr gut, viele Umfänge zu machen, und Belastung und Entlastung ordentlich zu steuern.“Er habe immer davon geträumt, bei einer EM so weit vorne mitzurennen, aber allein der Gedanke sei schon so abwegig gewesen, dass er eigentlich nicht wirklich daran geglaubt habe. „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist“, sagte Bremm. Und dann, als hätte er sich selbst dabei ertappt, etwas zu sagen, das er noch nicht ganz fassen kann, schob er hinterher: „Das ist kein Zufall, sondern etwas, das wir Stück für Stück aufgebaut haben.“
Leichtathletik-EM: Florian Bremm läuft über 5000 Meter zu Silber
Bei der Leichtathletik-EM läuft Florian Bremm über 5000 Meter aus dem Schatten ins Licht. Kurz vor Schluss wird der Deutsche noch überholt. Wie ein Gewinner fühlt er sich trotzdem.










