Wessen Unterlippe hat nicht gezittert, als Leonardo DiCaprios Jack Dawson in „Titanic“ im eisigen Atlantik versank? Wer hat nicht geschluchzt, als der tapfere Mufasa in „König der Löwen“ in eine wandernde Gnu-Herde stürzte und zertrampelt wurde? Und wer konnte die Tränen zurückhalten, als sich Arnold Schwarzeneggers Cyborg in „Terminator 2“ freiwillig in einen Schmelzofen hinabließ? Ja, es gibt viele bewegende Kino-Abschiedsszenen. Doch wenige haben die Fans so aufgewühlt wie der Tod des Hauselfen Dobby im ersten Teil von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“.Wir erinnern uns: Dobby, der Hauself, ein magiebegabter Gnom, der physiognomisch ein wenig Wladimir Putin ähnelt, befreit Harry, Ron und Hermine aus der Gefangenschaft im Herrenhaus der bösen Malfoys. Er wird dabei aber von der noch böseren Bellatrix Lestrange tödlich verwundet. An einem Strand haucht Dobby noch die Worte: „Dobby ist glücklich, bei seinem Freund Harry Potter zu sein.“ Dann stirbt er in Harrys Armen. Auf seinem an Ort und Stelle errichteten Grab steht: „Hier liegt Dobby, ein freier Elf“.So weit die rührende Fiktion. Doch sie hatte nun sehr konkrete Auswirkungen. Denn wie die BBC meldet, ist es Harry-Potter-Fans gelungen, die Verlegung eines Stromkabels zwischen Großbritannien und Irland zu verzögern, weil es gemäß den ursprünglichen Plänen direkt durch ein „Dobby-Denkmal“ in Wales geführt hätte. Das fragliche Denkmal, ein Haufen beschrifteter Kiesel, befindet sich in Freshwater West, einem Strand in Pembrokeshire.Das „Dobby-Denkmal“ in Wales. Matthew Horwood/Getty ImagesDer Küstenstreifen ist ein beliebter Drehort. Hier wurde unter anderem Dobbys herzzerreißende Sterbeszene gefilmt.Von diesem Strand aus soll aber auch das 200 Kilometer lange Kabel des Greenlink-Projekts (Kostenpunkt umgerechnet gut eine halbe Milliarde Euro) durch die Keltische See nach County Wexford verlaufen. Die 500-Megawatt-Verbindungsleitung würde den Export von Strom aus Großbritannien nach Irland sowie den Import von überschüssigem, durch erneuerbare Energien gewonnenen Strom aus Irland ermöglichen. Doch die zunächst veröffentlichten Verlegungspläne riefen laut Projektleiter Simon Ludlam einen Proteststurm von Potter-Fans hervor. Die fürchteten eine Entweihung der Dobby-Gedenkstätte.Dobby? Wer ist Dobby? Ich kenne keinen Dobby.Simon Ludlam, Projektleiter von GreenlinkLudlam hatte in einem Interview der BBC-Nachrichten am Strand in Wales erklärt, wo genau das Kabel unterirdisch verlegt werden sollte. Nachdem das Stück gesendet worden war, habe seine Firma Hunderte Anrufe erhalten. Ein Kollege habe ihm erklärt, „dass wir anscheinend direkt durch Dobbys Grab graben werden“, so der Projektleiter. „Ich sagte: ‚Dobby? Wer ist Dobby? Ich kenne keinen Dobby.‘“Selbst nachdem er über den literarischen und filmhistorischen Hintergrund aufgeklärt worden war, habe er die Dringlichkeit der Situation zunächst noch immer nicht ganz erfasst: „‚Ich sagte: ‚Er ist eine fiktive Figur in einem fiktiven Buch, das Ganze ist fiktiv, wovon redest du denn?‘ Aber mein Kollege meinte: ‚Nein, das ist sehr, sehr ernst.‘“ Daraufhin wurden die Baupläne revidiert, sodass das Kabel das Dobby-„Grab“ nun weiträumig meidet. „Jetzt sind viele Leute glücklich, wir können das Projekt fortsetzen und Dobby ist auch glücklich“, so Simon Ludlam. Dass Greenlink nun ganz in der Nähe einer echten, bronzezeitlichen Grabstätte verläuft, schien übrigens bei der Planungsgenehmigung kein Problem gewesen zu sein.Das Dobby-Denkmal hingegen hat nicht zum ersten Mal für Ärger gesorgt. Die für die Verwaltung von Freshwater West zuständige Stiftung „National Trust“ wollte den Kieselsteinhaufen bereits 2022 entfernen, ließ ihn nach einer erneuten Überprüfung dann doch an Ort und Stelle. Allerdings werden Potter-Fans dazu angehalten, aus ökologischen Gründen keine Socken am Strand zu hinterlassen. In der Harry-Potter-Welt sind diese ein Symbol der Freiheit, denn wenn man einem Hauselfen ein Kleidungsstück schenkt, entlässt man ihn offiziell aus der Fron. Im Film widerfährt Dobby dieses Glück, weil Harry Potter Lucius Malfoy heimlich dazu bringt, seinem Hauself eine Socke zu schenken.