«Randale-Bürgermeister» oder «menschliche Tragödie»? Der Oberbürgermeister von Freiberg soll randaliert und Polizisten attackiert habenVertraute des Oberbürgermeisters von Freiberg beschreiben Philipp Preissler als «besonnen und ausgleichend». Sie hoffen auf Antworten – und darauf, dass er «wieder gesund wird».Eric Matt, Berlin11.08.2026, 15.25 Uhr4 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZDie Vorwürfe wiegen schwer. Philipp Preissler, Oberbürgermeister der Stadt Freiberg in Sachsen, soll vergangene Woche in einem Hotel in Leipzig derart randaliert und Möbel aus dem Fenster geworfen haben, dass die Polizei anrücken musste. Als zwei Beamte den Beschuldigten stellen wollten, soll dieser sie leicht verletzt haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Preissler, der den Freien Wählern angehört, soll daraufhin in ein Krankenhaus gebracht worden sein. Gegen ihn werde wegen Sachbeschädigung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt. Die Stadtverwaltung Freiberg bestätigte der Lokalzeitung «Freie Presse», dass es sich bei dem Beschuldigten um Preissler handle. Seither rätselt man nicht nur in Sachsen, sondern in gesamtdeutschen Medien, wie es zu dem Vorfall gekommen sein könnte.Vertreter übernimmt AmtsgeschäftePhilipp Preissler, 41 Jahre alt und Vater von zwei Söhnen, ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Zwar wählten ihn knapp 46 Prozent der rund 41 000 Einwohnerinnen und Einwohner bereits Ende Oktober zum neuen Stadtoberhaupt. Doch wegen einer Klage gegen die Wahl konnte Preissler sein Amt erst am 24. Juni antreten. Ein Kläger hatte versucht, die Wahl für ungültig erklären zu lassen, da die Chancengleichheit der Kandidaten nicht gewahrt gewesen sei. Die Anschuldigung: Der heutige Landrat Sven Krüger, zuvor Oberbürgermeister von Freiberg, habe seine Neutralitätspflicht verletzt und Preissler unzulässig unterstützt. Letztlich zog die Person die Klage vor dem Verwaltungsgericht Chemnitz zurück, Preissler konnte ins Rathaus einziehen.Philipp PreisslerPDKurz nach Amtsantritt Ende Juni aber soll Preissler aus persönlichen Gründen seinen Jahresurlaub vorgezogen haben. Am 6. August dann ereignete sich der Vorfall im Leipziger Hotel, bei dem die Polizei von einem Mann im «psychischen Ausnahmezustand» sprach. Zu der Frage, ob bei dem Vorfall Alkohol oder Drogen im Spiel waren, äusserte sich die Polizei nicht.Das Landratsamt Mittelsachsen und die Stadt Freiberg veranstalteten Anfang der Woche ein Pressegespräch zum Thema. Landrat Krüger sagte, die bislang «bekanntgewordenen Vorwürfe wiegen schwer». Auf der einen Seite stehe der menschliche Aspekt, auf der anderen Seite müsse eine «objektive Betrachtung der Ereignisse erfolgen». Gegen Preissler sei daher ein «Verbot zur Ausführung der Dienstgeschäfte» sowie ein Disziplinarverfahren beschlossen worden. Als Bürgermeister agiert nun Martin Seltmann, der schon zuvor die Amtsgeschicke kommissarisch geleitet hatte.«Gelegentlich Mobbing»Bis sich Preissler selbst zu den Vorwürfen äussert, dürften die Mutmassungen über sein Motiv weitergehen. Eine Anfrage der NZZ blieb unbeantwortet. Während die «Bild»-Zeitung Preissler etwa als «Randale-Oberbürgermeister» bezeichnet, schrieb die Wählervereinigung «Bürger für Freiberg» auf Facebook von einer «grossen menschlichen Tragödie». Man frage sich, wer «die Hintermänner der Klage gegen die Oberbürgermeisterwahl sind und welchen Anteil sie an der jetzt eingetretenen Situation haben». Die Wählervereinigung schreibt, nicht jeder Mensch sei in der Lage, «ständigen Anfeindungen und auch gelegentlichem Mobbing» gelassen zu begegnen. «Möglicherweise ist Philipp Preissler nun Opfer dieser Machenschaften und zahlt seinen Preis», heisst es.Was ist der Hintergrund für eine derartige Stellungnahme? Handelt es sich um eine klassische Täter-Opfer-Umkehr? Oder gab es in den vergangenen Monaten tatsächlich Ereignisse, die der Öffentlichkeit unbekannt sind? Viele Fragen bleiben vorerst offen. Eine Anfrage der NZZ lässt die Wählervereinigung unbeantwortet.Zweifellos aber dürften die Monate zwischen der Wahl im Oktober und dem Amtsantritt im Juni eine für Preissler schwere Zeit gewesen sein, wie auch eine Pressemitteilung der Freien Wähler Mittelsachsen von Anfang Juli nahelegt. Darin heisst es: «Der Weg bis hierhin war länger und schwerer, als es sich damals jemand vorgestellt hat. Er hat Geduld verlangt, Standhaftigkeit und Kraft. Von vielen, vor allem aber von Philipp selbst.»Hat Preissler bewusst gehandelt?Menschen, die Preissler kennen und Mitglied der Freien Wähler Mittelsachsen sind, bleiben bis jetzt ratlos zurück. Jens Grigoleit etwa, der im Freiberger Stadtrat sitzt, sagt der NZZ, auch er habe nur «die wenigen Informationen, die bis jetzt veröffentlicht sind und die nicht ausreichen, um den Fall einzuordnen». Er mache sich jedoch Sorgen um Preissler und hoffe, «dass er wieder gesund wird». Grigoleit sagt: «Wir sind sehr überrascht, weil Herr Preissler bisher in keiner Situation aggressiv aufgetreten ist. Seine besonnene und ausgleichende Art war das, was ihn ausgezeichnet hat und wozu der Vorfall nicht passt.» Er könne sich daher nicht vorstellen, dass Preissler «in dem Moment bewusst gehandelt hat».Auch die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler Freiberg, Roswitha Beidatsch, sagt der NZZ, man habe derzeit weder Kontakt zu Preissler noch lägen ausreichend Informationen zu den Hintergründen oder zum Ablauf des Geschehens vor. Daher sei nun «keine Vorverurteilung, keine Spekulation, sondern Aufklärung, Sachlichkeit und Verantwortung» nötig.Eine vollständige Aufklärung kann wohl nur Preissler selbst geben.Passend zum Artikel
«Randale-Bürgermeister» oder «menschliche Tragödie»? Viele Fragen um Oberbürgermeister von Freiberg
Vertraute des Oberbürgermeisters von Freiberg beschreiben Philipp Preissler als «besonnen und ausgleichend». Sie hoffen auf Antworten – und darauf, dass er «wieder gesund wird».












