Owe Fischer-Breiholz, 22 Jahre alt, ist U-23-Europameister über die 400 Meter Hürden. Mit seiner erzielten Bestzeit von 48,01 Sekunden unterbot er den acht Jahre alten Meisterschaftsrekord von Olympiasieger Karsten Warholm und lag zeitweise hinter Harald Schmid auf dem zweiten Platz der deutschen Bestenliste, ehe Emil Agyekum ihn im September überholte. Fischer-Breiholz startet seit 2025 für den Königsteiner LV und trainiert am Bundesstützpunkt in Frankfurt am Main. Zwischen 2024 und 2026 wurde er dreimal deutscher U-23-Meister, 2025 gewann er erstmals auch den Titel im Erwachsenenbereich. Bei den deutschen Meisterschaften 2024 und 2026 gewann Fischer-Breiholz jeweils Silber.Herr Fischer-Breiholz, 2025 sind Sie deutscher Meister vor Emil Agyekum geworden, dieses Jahr hat er sich den Titel von Ihnen zurückgeholt. Wie haben Sie das Rennen erlebt?Ich wusste, dass er mein größter Konkurrent sein würde und dass wir kämpfen müssen, um am Ende die Medaille in der Hand zu halten. Ich bin die erste Rennhälfte schneller gelaufen als sonst, weil ich etwas riskieren musste, um zu gewinnen. Am Ende haben leider Kleinigkeiten nicht gestimmt. Ich habe im Rhythmus einige Fehler gemacht und hatte auf der Zielgeraden nicht mehr die Kraft, um mit ihm mitzuhalten. Aber das sind alles Dinge, die ich normalerweise kann und die ich auf jeden Fall noch zeigen möchte.Ist das etwas, das mit mehr Erfahrung kommt? Agyekum ist fünf Jahre älter und hat schon mehr Wettkämpfe bestritten als Sie ...Er hat dieses Jahr mehr Wettkampfpraxis gesammelt als ich, weil mich immer wieder körperliche Probleme zurückgehalten haben. Es gibt Vorteile, wenn man mehr Erfahrung in einer Disziplin hat. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich körperlich in der Lage bin, schnelle Zeiten zu laufen – und das mit deutlich weniger Erfahrung als einige der anderen Finalisten.Sie und Agyekum trainieren am Bundesstützpunkt in Frankfurt täglich zusammen. Wie reden Sie nach so einem Rennen miteinander? Oder gehen Sie sich erst mal aus dem Weg und sind froh, sich ein paar Tage nicht sehen zu müssen?Nein (lacht). Ich bin gleich nach dem Lauf zu ihm gegangen, weil wir Teamkollegen sind. Er ist für mich auch ein Stück weit ein Freund. Natürlich sind wir auch Konkurrenten, wenn wir an den Start gehen. Aber am Ende freue ich mich über seine Zeiten und auch über seinen deutschen Rekord (Mitte Juli verbesserte Agyekum ihn beim Diamond-League-Meeting in London auf 47,45 Sekunden, d. Red.). Ich weiß, dass er dafür hart arbeitet. Das sehen wir jeden Tag. Im Grunde funktioniert es wie eine Symbiose: Wir pushen uns gegenseitig. Ich habe letztes Jahr meine Vorteile daraus gezogen, und diesmal hat er seine Vorteile daraus gezogen.Der Rekord von Harald Schmid hatte fast ein halbes Jahrhundert Bestand. Auch Ihnen wurde zugetraut, ihn eines Tages zu brechen. Was haben Sie gedacht, als es Agyekum gelungen ist?Ich habe Gänsehaut bekommen. Ich hatte sofort Lust, Tempoläufe zu absolvieren, obwohl ich sie an diesem Tag schon gemacht hatte. Ich habe so einen Willen, auch dorthin zu kommen. Ich möchte irgendwann auch diese Zeiten laufen und einen deutschen Rekord aufstellen. Ich will mich beweisen, mein Bestes geben und sehen, wozu ich in der Lage bin. Dafür lege ich mich jeden Tag ins Zeug.„Diesmal hat er seine Vorteile daraus gezogen“: Emil Agyekum (Bild) und Owe Fischer-Breiholz pushen sich gegenseitig zu Höchstleistungen.dpaSeit zwei Jahren geht Ihre Entwicklung kontinuierlich nach oben: U-23-Europameister, deutscher Meister, WM-Teilnehmer. Was war der entscheidende Schritt?Der große Schritt war der Wechsel nach Frankfurt und die Eingewöhnung in das neue System. Alles, was daneben passiert – Schlaf, Ernährung, Regeneration –, versuche ich schrittweise zu verbessern. Insgesamt machen wir aber vieles ähnlich wie im Jahr zuvor, weil es sehr gut funktioniert hat und man daran dann auch nichts ändern sollte.Sie hatten in der Vergangenheit immer wieder mit Überlastung zu kämpfen. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: „So kann ich nicht weitermachen“?Die Überlastung kam nicht, weil ich zu viel trainiert habe. Mein Körper ist keine Maschine. Es gibt kleinere Probleme, die nicht immer sofort ersichtlich sind. Bei mir waren es teilweise der Rücken oder der Beinbeuger. Wir haben daran gearbeitet. Manchmal weiß man nicht sofort, woher die Probleme kommen, und dann dauert es eben ein paar Wochen, bis das Ganze behoben ist. Was ich inzwischen gelernt habe: Nur wer wirklich zu hundert Prozent erholt ins Training geht, kann Maximalleistungen bringen. Das gilt 365 Tage im Jahr. Regeneration ist mindestens genauso wichtig wie das Training selbst.Sie haben sich vor einem Jahr der Trainingsgruppe von Christian Kupper angeschlossen, zu der auch Joshua Abuaku gehört. Was hat sich seitdem konkret verändert?Das Mindset ist gleich geblieben: mit Selbstbewusstsein ins Training gehen und immer alles geben. Was sich verändert hat, ist, dass ich mir klare Ziellinien setze. Beim Berglauf zum Beispiel schaue ich, wie weit ich letztes Jahr gekommen bin, und will dieses Jahr weiter kommen. Das gilt für Tempoläufe, für das Sprinttraining, im Ansatz auch für das Krafttraining. Ich will mich Stück für Stück verbessern. Ich merke jeden Tag, dass es die richtige Entscheidung war, in diese Trainingsgruppe zu wechseln.Sie kommen von den 800 Metern. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich als Hürdenläufer gefühlt haben?Das war ein Prozess. Ich hatte immer eine sehr gute Ausdauer – Crossläufe habe ich schon in der Grundschule regelmäßig gewonnen, teilweise auch mit großem Abstand. In der Leichtathletik habe ich zunächst die 800 Meter ausprobiert, und die liefen sofort sehr gut. Aber als meine Konkurrenten auf eine Sportschule gewechselt sind, war ich plötzlich nicht mehr der Beste, und das hat mich frustriert. Mein damaliger Trainer Thomas Schuldt meinte zu mir: Du kannst die 800 Meter sehr gut, aber von der Größe und der Körperstruktur könntest du auch ein sehr guter Hürdenläufer sein. Das haben wir ausprobiert. In der U 16 war ich zunächst wenig erfolgreich, was aber nicht am Training, sondern am Mindset gelegen hat. Ich war einfach noch nicht weit genug, um große Leistungen zu bringen. In der U 18 sind wir trotzdem drangeblieben, und nach der Corona-Pandemie, als ich endlich wieder trainieren konnte, habe ich ein Feuer für den Hürdenlauf entwickelt. Manchmal habe ich sogar nach den Einheiten noch weitertrainiert. 2021 bin ich dann deutscher Meister über die 400 Meter Hürden geworden. Als Erster über die Ziellinie zu laufen, war ein unglaubliches Gefühl, weil sich all die harte Arbeit ausgezahlt hat. Meine Zeit damals, 52,18 Sekunden, war für die U 18 auch schon sehr gut. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar: Das ist meine Disziplin. Durch die unterschiedlichen Trainingsreize – Sprint, Ausdauer, Technik, Rhythmus – macht es einfach viel Spaß.„Ich merke jeden Tag, dass es die richtige Entscheidung war“: 2025 wechselte Fischer-Breiholz in die Frankfurter Trainingsgruppe.Picture AllianceManche Athleten brauchen den Druck oder das Publikum, andere laufen am besten, wenn sie ganz bei sich sind. Wie ist das bei Ihnen?Den meisten Druck mache ich mir selbst, weil ich sehr hohe Ansprüche an mich habe. Das ist aber kein Problem, weil ich weiß, dass ich damit umgehen kann. Wenn ich zu deutschen Meisterschaften fahre, tue ich es mit dem Gedanken, dass ich angreifen und im Idealfall gewinnen will – auch wenn Emil Agyekum mein Gegner ist und den deutschen Rekord hält. Diesmal hat es nicht geklappt, aber ich bin deshalb nicht unzufrieden. Ich weiß, dass ich in Momenten, in denen es zählt, performen kann. Dieses Wissen gibt mir Selbstbewusstsein und die Bereitschaft, alles geben zu können.Zuletzt sind viele Rekorde gefallen, die über Jahrzehnte unantastbar schienen: Robert Farken über die 1500 Meter und die Meile, Frederik Ruppert über die 3000 Meter Hindernis, Mohamed Abdilaahi über die 3000, 5000 und 10.000 Meter. Sie haben bei der U-23-EM den Meisterschaftsrekord von Karsten Warholm verbessert. Wie erklären Sie sich diese Leistungsdichte?Weil die Leute miteinander und gleichzeitig gegeneinander arbeiten. Emil Agyekum und ich sind ein gutes Beispiel dafür: Wir sind in einer Trainingsgruppe, arbeiten jeden Tag zusammen – und gleichzeitig gibt es eine Konkurrenzsituation, die jeden von uns antreibt, besser zu werden. In anderen Disziplinen ist es genauso. Wenn Trainingsgruppen entstehen, in denen mehrere Leute das gleiche Ziel verfolgen, funktionieren diese Gruppen oft sehr gut. Das merkt man in Deutschland immer mehr, und dadurch kommen dann die Rekorde zustande.Ja, das würde ich schon sagen. Für viele Athleten ist eine Medaille bei einer EM oder WM schlicht nicht erreichbar – und das ist völlig in Ordnung. Leichtathletik lebt nicht davon, immer zu gewinnen, sondern davon, sich weiterzuentwickeln und zu sehen, wozu man in der Lage ist. Aber wer besondere Leistungen bringt, hat dafür oft große Opfer gebracht. Bei mir war es, weit weg von meiner Familie zu ziehen. Jeder sucht sich den Rahmen, in dem er am besten trainieren kann. Und viele merken dabei: Da geht noch mehr. Wir können mehr schaffen, als uns manchmal zugetraut wird.Mit welchen Zielen reisen Sie zur EM nach Birmingham? Karsten Warholm scheint in seiner eigenen Liga zu laufen, aber dahinter ist vieles möglich …Ich gehe mit Selbstbewusstsein in die EM. Ich weiß, dass ich mich zuletzt gut gezeigt habe, dass das Training läuft und ich mich sehr gut fühle. Ich möchte mein Herz auf der Bahn lassen und dann werden wir sehen, wie weit es reicht. Das Finale sollte es auf jeden Fall werden. Wenn ich meine Karten vernünftig ausspiele, ist vielleicht auch eine Medaille möglich.Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen die letzten Meter, wenn die Ziellinie schon in Sicht ist und trotzdem noch eine Hürde kommt, am meisten Spaß machen. Was reizt Sie daran?Wenn die Beine schwer werden und es zur Zielgeraden geht, dann kommt es auch oft auf den Willen an. Wer da noch die Kraft findet, kann oft das Rennen für sich entscheiden. Genau diese mentale Herausforderung macht mir extrem Spaß. Das ist einer meiner Stärken, die ich meistens auch gut ausspielen kann.