Owen Ansah ist ein sehr gläubiger Mann. Das zeigte der beste deutsche Sprinter am Dienstagabend wieder, als er aus dem Callroom kam, jenem Ort, in dem die Athleten sich nervös treffen, bevor ihr Name ausgerufen wird und sie nacheinander zu ihrem Startblock gehen. Ansah bekreuzigte sich, zeigte nach oben in den Himmel. Danach klopfte er sich mit der flachen, rechten Hand zweimal aufs Herz, richtete den Zeigefinger nach vorn, nach dem Motto: Euch zeige ich es jetzt! Dann nahm Ansah, fast am Startblock angekommen, erst mal einen Schluck Wasser aus der Flasche. Erste Etappe: geschafft.Die zweite Etappe, sein 100-Meter-Endlauf bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham, begann eher verschlafen. Ansah mühte sich mit der langsamsten Reaktionszeit aller acht Finalisten aus dem Startblock, 0,165 Sekunden hatte er gebraucht, der Start ist ohnehin nicht seine allergrößte Stärke. Doch dann wühlte sich er in den Lauf hinein, überholte fast alle Konkurrenten, nur Romell Glave und Jeremiah Azu nicht, die zur Freude der 16 000 Zuschauer im Alexander Stadium für Großbritannien Gold und Silber gewannen. Ansah kam als Dritter ins Ziel, weil er den Niederländer Elvis Afrifa am Schluss hauchdünn überholt hatte.Leichtathletik-EM:Hummel holt Silber mit dem HammerWie schon bei der WM im Vorjahr landet Merlin Hummel im Finale von Birmingham auf Platz zwei. Es ist die erste EM-Medaille eines deutschen Hammerwerfers seit 20 Jahren.Ein deutscher 100-Meter-Sprinter gewinnt eine EM-Medaille? Zuletzt war dies vor 40 Jahren dem DDR-Athleten Steffen Bringmann bei den Europameisterschaften in Stuttgart geglückt.Allein, und dies führt zur dritten, weitaus schwersten Etappe für Ansah an diesem Abend: So richtig befreit wirkte der 25-jährige Hamburger nicht. Trotz dieser schon fast sporthistorischen Dimension seines Erfolgs. Und obwohl er sich eine Medaille zum Ziel gesetzt hatte. Er nahm zwar eine Flagge seines Heimatlandes, legte sie um sich, grinste kurz in die Kameras, klatschte mit den Kollegen ab, aber das war es schon.„Ich kann nur beeinflussen, wie schnell ich auf der Bahn bin“, sagt Owen AnsahAnsah wusste ja, welche Fragen auf ihn warteten. Aber auch diese Bergetappe der höchsten Kategorie meisterte er mit eindrücklicher Ruhe, zumindest wirkte es nach außen so: Wie groß die Angst sei, die Medaille wieder abgeben zu müssen? „Keine Angst, ich vertraue auf mein Team, das hinter mir steht, die halten mir den Rücken frei, verleihen mir Flügel“, sagte Ansah: „Ich kann das andere nicht beeinflussen. Ich kann nur beeinflussen, wie schnell ich auf der Bahn bin. Das ist ein Stück weit auch für sie.“Das andere, das Ansah meinte und das an diesem Abend wie ein Elefant im Rund des Stadions stand, jedenfalls aus deutscher Sicht, ist Folgendes: Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) wirft Ansah vor, am 9. Juli 2026 eine Dopingprobe verweigert zu haben. Am Freitagmorgen vor dem EM-Start – welch Timing! – hatte die Nada mitgeteilt, dass sie eine vierjährige Sperre gegen den Sprinter vorschlägt. Die Begründung: Die Ermittlungen hätten ergeben, „dass der Athlet gegen die Anti-Doping-Bestimmungen des Anti-Doping-Codes des Deutschen Leichtathletik-Verbandes verstoßen hat und aus Sicht der Nada ein Verstoß gegen Artikel 2.3 des Nationalen Anti-Doping Codes (Weigerung oder Unterlassen, sich einer Probenahme zu unterziehen) vorliegt“.Hauchdünn kommt Owen Ansah (rechts) am Dienstagabend als Dritter ins Ziel. Andrew Boyers/ReutersEs steht, nach allem, was bekannt ist, Aussage gegen Aussage, Kontrolleur gegen Athlet. Die Nada sagt, ihr Kontrolleur habe nach den Vorgaben gehandelt, Ansahs Anwalt sagt, sein Mandant habe gar keine Dopingprobe verweigert, Ansah beteuert seine Unschuld. Er sei damals in Eile gewesen, weil er kurzfristig in ein internationales Leichtathletik-Meeting in Monaco nachgerückt sei und zum Flughafen musste; der Kontrolleur habe ihn weder über die Folgen aufgeklärt noch angeboten, mit zum Flughafen zu fahren und die Probe dort zu entnehmen.Hätte der Kontrolleur Ansah gar nicht angetroffen, dann wäre dem Sprinter nichts passiert. Nur: Wird ein Athlet – selbst außerhalb des einstündigen Zeitfensters, in dem er jeden Tag zur Verfügung stehen muss – bei einer Kontrolle angetroffen, wie in Ansahs Fall geschehen, dann muss er sich kontrollieren lassen. So sind die Regeln. Nur zwingende Gründe, etwa ein Todesfall in der Familie, können ihn von dieser Pflicht befreien. Ein spontaner Start bei einem internationalen Meeting eher nicht.Ansah hat seit dem Abschluss des sportrechtlichen Ergebnismanagementverfahrens, über das die Nada am Freitag informierte, exakt 20 Tage Bedenkzeit – und nach Ablauf dieser Frist exakt zwei Möglichkeiten, die ihn vom Regen in die Traufe führen können. Entweder er akzeptiert den Nada-„Vorschlag“, dann würde seine Sperre von vier auf drei Jahren reduziert. Allerdings würden ihm auch sämtliche Ergebnisse seit dem 9. Juli 2026, also beide DM-Titel und die gerade errungene EM-Bronzemedaille, aberkannt werden. Seine Teilnahme an der WM 2027 in Peking und an den Sommerspielen 2028 in Los Angeles wäre damit ad acta gelegt. Oder er akzeptiert ihn nicht, dann landet der Fall vor dem Deutschen Sportschiedsgericht – und womöglich in letzter Instanz vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas. Ausgang: völlig offen. Prozessdauer: vermutlich Jahre. Und Ansah könnte nach dem Urteil eine mehrjährige Sperre bekommen, die – Stand jetzt – nicht einmal rückwirkend gelten würde, da er derzeit nicht provisorisch suspendiert ist.Über 200 Meter will Ansah gleich die nächste Medaille gewinnenAllerdings gibt es Fragen in dieser Geschichte: Warum beharren beide Seiten so plakativ auf ihren völlig konträren Standpunkten? Natürlich will die Nada ihr Anti-Doping-Regime schützen, der Athlet seine sportliche Zukunft. Aber was, wenn dem Kontrolleur doch ein Formfehler unterlaufen ist? Was, wenn es Zeugen gab, wie es immer wieder gerüchteweise heißt? Was, wenn Ansah einfach in der Eile nicht über die Folgen nachdachte und daher einen Leichtsinnsfehler mit womöglich schwerwiegendsten Konsequenzen begangen hat? Die Details bleiben bislang im Dunkeln.So erhält Ansahs Fall nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine moralische und eine sportpolitische Ebene. Es geht letztlich auch darum, wer die Deutungshoheit behält.Ansah durfte in Birmingham im Wettkampf laufen, er ist bislang nicht suspendiert. Und er bekommt Unterstützung, auch aus dem deutschen Lager, wie Athletensprecherin Gina Lückenkemper tags zuvor sagte: „Owen macht in meinen Augen aktuell das einzig Richtige, er konzentriert sich auf sich selbst und versucht, alles andere auszublenden. Er wird hier morgen auf der Bahn stehen und richtig angreifen, und dafür drücken wir ihm alle mit dieser schwierigen Situation die Daumen. Ich glaube, dass er das herausragend meistern wird.“Ansah lieferte ab. Und er durfte nach dem Rennen sogar noch einige sportliche Fragen beantworten. „Ich bin megahappy, ich bin mit dem Ziel hergekommen, mit einer Medaille das 100-Meter-Finale zu verlassen, und ich habe die Bronzemedaille gewonnen“, sagte er: „Ich möchte versuchen, Deutschland wieder auf die Map zu bringen“, auf die Sprinter-Landkarte also.Und damit zur vierten Etappe, die am Donnerstag und Freitag auf dem Programm steht mit Vorläufen, Halbfinale und Finale: die 200 Meter. Owen Ansah will auch dort antreten und die nächste Medaille gewinnen. Aber der Elefant wird wieder im Rund des Stadions auf ihn warten.
Leichtathletik-EM: Owen Ansah gewinnt Bronze – aber darf er es auch behalten?
Nach 40 Jahren wieder ein Deutscher auf dem 100-Meter-Podest: Owen Ansah feiert bei der EM in Birmingham einen großen Erfolg. Der Vorwurf einer verweigerten Dopingprobe wiegt jedoch schwer.












