Alles ist in permanenter Bewegung, und nichts ist, wie es scheint, in Shirana Shahbazis KunstDie iranischstämmige Zürcher Künstlerin lässt im Kunstmuseum Luzern die Architektur von Jean Nouvels KKL tanzen und einen eintauchen in eine halluzinierend-taumelnde Weltsicht.11.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEintauchen und Abtauchen in die Vielfalt der Welt: Unterwasserfotografie von Shirana Shahbazi mit dem Titel «Falling_01» von 2023.Shirana Shahbazi und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, ParisWenn zwei Dinge Kühle versprechen in diesen Tagen, sind es das Nass von Schweizer Seen und die Kunst. Abkühlen im Kunstmuseum Luzern – bei konstanten 20 Grad! So wirbt die Luzerner Institution für Besucher. Und dürfte leichtes Spiel haben gegenüber dem Vierwaldstättersee gleich vor ihren Pforten. Dieser misst hochsommerliche Temperaturen von über 24 Grad. Im Museum aber kann man eintauchen in die Kühle der Räume und die darin auch durchaus etwas unterkühlt wirkende Ästhetik von Shirana Shahbazis Kunst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zürcher Künstlerin hat in einer ihrer Serien Menschen unter Wasser fotografiert. In Kleidern schweben sie im H2O und drehen sich etwas orientierungslos um die eigene Achse. Auch selber verliert man leicht die Orientierung in Shahbazis Licht- und Bildinstallationen. Ein ganzer Raum ist von Licht durchflutet und mit Spiegeln verstellt, die die Wirkung der Orientierungslosigkeit noch verstärken.Hinzu kommt das unablässig tosende Wasser an den Wänden in Form von bewegten Projektionen des Rheinfalls. Es sind Nahaufnahmen von gewaltigen Wassermassen, in welchen sich der eigene Schatten verliert, als würde man selber untertauchen in diesen Fluten.Shirana Shahbazi macht Kunst, in der man sich bewegen kann und soll, nicht um statisch davor zu verharren. Tut man es dennoch, aus alter Gewohnheit oder Kulturerziehung vielleicht, so scheinen ihre Fotografien selber in steter Bewegung. Farbflächen splittern das Bild in die Prismen eines Kaleidoskops auf, wenn man es etwa mit einer ihrer abstrakt anmutenden Kompositionen zu tun hat. Davon gibt es viele. Nichts ist dabei gemalt, alles ist belichtetes Fotopapier. Shahbazi ist eine Künstlerin, die mit Licht malt, wie man es über Fotografen immer wieder sagt.Shirana Shahbazi und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, ParisShirana Shahbazi und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, ParisKaleidoskopartige Weltsicht: «Raum-Gelb-01», 2017, C-Print auf Aluminium (links); «Teacher», 2019, vierfarbige Lithografie.Unendlichkeit der WeltBewegt sind auch ihre irrlichternden Fotos ganz konkreter Art. Shahbazi fotografiert alles, was sie beschäftigt: Menschen, Tiere, Landschaften, Städte, Strassenzüge, Gebäude, Gegenstände, Blumen und Früchte. Letztgenannte streng zu Stillleben arrangiert, mit Totenköpfen als Memento mori im klassisch kunsthistorischen Sinn. Das alles wirkt zwar etwas beliebig. Die Gleichzeitigkeit von scheinbar Unvereinbarem aber: Auf diese lebendige Vielfalt einer unendlich aufgefächerten Welt zielt Shahbazis Schaffen. Das ist, was die Künstlerin interessiert, was sie einfangen und zeigen will in ihren Arbeiten.«All at Once» heisst denn ihre Luzerner Schau. Alles auf einmal. Das trifft es auf den Punkt. Spiegelung, Überlagerung, Wiederholung – mit diesen Stichworten lässt sich die Essenz dieser Werkschau umreissen. Und wir sind mittendrin, Teil der Werke, immer wieder gespiegelt in Spiegeln, die ihrerseits Bestandteile der Installationen sind.Nicht nur Wände sind voll von Kunst, auch Böden sind mit Sektionen monochrom bunter Teppiche ausgelegt, die zum Teil in den nächsten Raum übergreifen. Das Geviert der Durchgänge wird selber Element von Shahbazis Kunst. Gekonnt spielt sie mit Jean Nouvels minimalistischer Architektur, die im KKL auch die Räume des Kunstmuseums beherbergt.Glas, Stahl und Licht sind die Elemente, mit welchen der französische Stararchitekt geradezu tänzerisch visuelle Leichtigkeit erzeugt. Das gilt auch für Shahbazis Kunst, nur mit andern Mitteln – nämlich jenen der Fotografie. Atemraubend ist die geschachtelte Installation von Stellwänden, Videoprojektion und Lichtstrahlern, die die Geometrie des rechten Winkels zum Tanzen bringt. Die Illusion komplexer, mehrschichtiger Raumerfahrung zu schaffen, ist ein wiederkehrendes Motiv in Shahbazis Werk.Shirana Shahbazi arbeitet oft mit Spiegeln: «Spiegel», zweifarbige Lithografie von 2014.Shirana Shahbazi und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, ParisDas zeigt sich auch in den kleinen, in selbstgeschaffene Rahmen aus Keramik gefassten Fotografien. Diese faszinierenden Arbeiten strahlen bei aller abstrakt-reduzierten Zelebrierung strenger geometrischer Formen eine geradezu altmeisterliche Aura aus.Vieldeutigkeit im EindeutigenWährend gegenständliche Fotos das Interesse wecken, ob da nun eine Ladenstrasse in Japan zu sehen ist, ob hier ein Strassenzug des nächtlichen Teheran eingefangen wurde, fragt man sich vor den abstrakten Kompositionen oft auch, was man da eigentlich sieht. In diesem Potpourri von Figurativ und Abstrakt verschiebt sich die Frage nach dem Was indes zu einer nach dem Wie. Wie nehmen wir die Welt wahr? Darauf stösst uns Shahbazis Werk unerbittlich zurück. Und hierin besteht auch der Gewinn dieser Kunst – ihr eigentlicher Mehrwert.Indem Shahbazi so fotografiert, dass scheinbar Eindeutiges uneindeutig wird und die Realität ins Wanken gerät, weist sie uns darauf hin, dass nichts unbedingt und garantiert so ist, wie es scheint, dass sich alles in permanenter Veränderung befindet.Die 1974 in Teheran geborene Künstlerin hat zurzeit auch das Grossmünster in Zürich mit ihrer Kunst eingekleidet. Der zwecks Sanierung der Fassade eingerüstete Kirchenbau zeigt auf seiner Umhüllung eine Art bunter und vielschichtiger Collage von Bildern. Auch hier sieht man neben historischen Abbildungen aus Zürich wiederum unter Wasser tauchende Menschen. Es sind Unterwasserfotos von Personen, die in der näheren Umgebung des Grossmünsters leben und arbeiten, unter ihnen etwa Anwälte einer benachbarten Kanzlei, die sich in ihren Anzügen ins Wasser stürzten, um fotografiert zu werden.Die Tauchenden in Shahbazis Werk, wie sie auch in Luzern auf grossformatigen Fotografien einen ganzen Raum einnehmen, stünden für «Haltlosigkeit in der heutigen politischen Welt», sagt die Künstlerin. Explizit politisch äussert sie sich allerdings selten, auch zu Iran. «Das nächste Mal reise ich in ein anderes Iran.» Damit hatte sie 2022 im Rahmen der «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung ihrer Hoffnung auf Öffnung und Gleichberechtigung in Iran Ausdruck verliehen.Shirana Shahbazi wanderte 1985, als sie elf Jahre alt war, mit ihren Eltern nach Deutschland aus, wo sie später in Dortmund Fotografie studierte. In den 1990er Jahren setzte sie ihr Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich fort.In der gegenwärtigen Luzerner Schau sind auch einige Werke von Li Tavor und Monir Shahroudy Farmanfarmaian sowie Videoarbeiten der Velofahrten von Mastaneh Kamyab durch Teheran zu sehen. Diese Erweiterung über die Grenzen des eigenen Schaffens hinaus durch die Kunst von Freunden passt zu Shirana Shahbazis Ansatz der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem.Tanzende Architektur: Blick in die Ausstellung.Anne MorgensternShirana Shahbazi, All at Once. Kunstmuseum Luzern, bis 18. Oktober. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Bildband: Fr. 45.–.Passend zum Artikel