So viele Jahre hatten die Fans des FC Energie Cottbus auf diesen Moment gewartet, und dann passierte erst einmal nichts. Kein Strom und damit kein Schiedsrichterfunk. Das Spiel gegen Hannover 96 musste mit Verzögerung beginnen. Später, Anfang der zweiten Halbzeit, sollte es dann noch ärger kommen. Musikboxen und die Anzeigetafel quittierten aufgrund von Strommangel ihren Dienst.All jene, die mit einem ausgezeichneten Gedächtnis gesegnet sind, fühlten sich sofort an die Aufstiegsspiele 1997 erinnert. Auch damals fiel der Strom aus, auch damals hieß der Gegner Hannover 96. Höhepunkt der nostalgischen Parallelen war dann das Endergebnis. Wie vor 29 Jahren siegte Cottbus gegen Hannover 3:1.All das verstärkte im in die Jahre gekommenen Stadion der Freundschaft das Gefühl, in Cottbus wäre die Zeit stehen geblieben. Nach etlichen tristen Jahren in den Niederungen der vierten Liga speiste sich die Begeisterung für den Fußballklub zuletzt aus Erinnerungen wie jener, als Anfang des Jahrtausends der FC Bayern in Cottbus geschlagen wurde. Alles lange her.Die Rückkehr in die zweite Liga verleitete einige in der Lausitz zuletzt wieder zum Träumen. Wer weiß, vielleicht ist ja noch mal so ein märchenhafter Durchmarsch bis in die Bundesliga möglich. Natürlicher Gegner solch gedanklicher Luftschlösser ist Energies Trainer Claus-Dieter Wollitz, der mit seiner antizyklischen Kritik nach dem Auftaktsieg alle Träumer wieder in die Realität holte. „Dieses Spiel darf eigentlich nur eine Mannschaft gewinnen, und das ist Hannover“, sagte Wollitz, der am Sonntag laut eigener Aussage Zeuge eines unwahrscheinlichen Vorgangs wurde. „Ohne eine Torchance drei zu eins zu gewinnen, kommt im Fußball höchst selten vor“, sagte er.Stilmittel der ÜbertreibungWollitz, ein Mann, dem das Stilmittel der Übertreibung nicht fremd ist, mochte den Spielverlauf vielleicht etwas zu drastisch dargestellt haben, im Kern hatte er aber recht. Sehr viel lief an diesem Tag für den FC Energie. Das erste Tor resultierte aus einem abgefälschten Freistoß, das zweite aus einem Elfmeter. Beide Treffer erzielte Tolcay Cigerci. Dem dritten durch Justin Butler ging ein famoser Hackentrick von Luca Erlein voraus (Wollitz: „Mir muss keiner erzählen, dass er ihn gesehen hat“). Darauf verlassen, dass es immer so läuft, sollte sich in Cottbus niemand. „So wie wir heute Fußball gespielt haben, gibt es keine Berechtigung, in der zweiten Liga zu spielen“, sagte Wollitz.So viel Negatives nach den ersten drei Punkten mochte verwundern, gelang der Sieg doch gegen eine vermeintliche Spitzenmannschaft der Liga. Aber Wollitz ist lange genug im Profifußball dabei, um sich auch eine verbale Strategie gegen überbordenden Optimismus zurechtgelegt zu haben. Gerne bemüht er das Bild vom großen Außenseiter, der sich durch den Aufstieg eine schier übermenschliche Aufgabe aufgeladen hat.Immer als Kleinster unter den KleinenAuch dieses Narrativ ist historischen Ursprungs. Seit dem ersten Aufstieg vor 29 Jahren galt Cottbus immer als Kleinster unter den Kleinen. Ein mittelloser Klub, der nur durch besonderes Geschick gegen die übermächtige Konkurrenz bestehen konnte. Im Jahr 2001 schrieb der Verein Geschichte, indem er als erster in einem Bundesligaspiel eine Mannschaft aufs Feld schickte, in der kein einziger Spieler deutscher Herkunft war. Das Cottbuser Geschäftsmodell basierte während dieser Epoche auf der Hinzunahme ausländischer, meist osteuropäischer Profis, die finanziell erschwinglich waren.Davon hat sich der Verein längst gelöst. Nach Abstiegen bis in die vierte Liga und mehreren Führungswechseln begann ein Umdenken. Die aktuelle Mannschaft setzt sich aus einer Mischung aus erfahrenen Spielern, die es nie bis ganz nach oben in die ersten beiden Profiligen geschafft haben, und jungen Talenten zusammen, die entweder aus dem eigenen Haus stammen oder von größeren Klubs nach Cottbus verliehen wurden, um dort Spielpraxis zu sammeln. Spieler wie Vorlagengeber Luca Erlein, der Bayer Leverkusen gehört und mit einem geschätzten Marktwert von zwei Millionen Euro der wertvollste Spieler des Kaders ist.Bittencourts nostalgische GründeAusnahme ist Leonardo Bittencourt, der auf eine passable Bundesliga-Laufbahn in Dortmund, Hoffenheim, Köln und Bremen zurückblicken kann und nun auch aus nostalgischen Gründen an den Ort seiner Anfänge zurückgekehrt ist. Schon sein Vater Franklin lief für den FC Energie auf.Gegen Hannover konnte Leonardo noch nicht wie gewünscht glänzen. An seine Stelle als Entscheider trat Marcel Lotka, der einst bei Hertha BSC zehn Bundesligaspiele absolviert hatte und sich danach in Dortmund und Düsseldorf mit der Ersatzrolle abfinden musste. Auch Lotkas Ausnahmeleistung kommentierte Wollitz in der ihm eigenen Art. „Keine Ahnung, was Lotka heute Morgen getrunken hat. Auf jeden Fall hat er sehr, sehr viele gute Bälle gehalten“, sagte der Trainer. In den kommenden Wochen muss seine Mannschaft ein anderes Gesicht zeigen, sonst wird es schwer, wie gegen Hannover als Sieger vom Platz zu gehen.Wollitz selbst verkörpert Gegenwart und Vergangenheit, er ist bereits zum dritten Mal Trainer in Cottbus. Auf zehn Dienstjahre kommt er inzwischen, genauso viele wie der frühere Aufstiegstrainer Eduard Geyer. In Cottbus wird er für seine Treue geschätzt. An seine oft schonungslose Kritik haben sie sich längst gewöhnt.
FC Energie Cottbus in 2. Bundesliga: Trainer Wollitz schimpft nach Auftaktsieg
Claus-Dieter Wollitz weiß, wie schnell in Cottbus aus drei Punkten große Träume entstehen. Der Trainer setzt der Begeisterung rund um den Zweitliga-Aufsteiger seine unbequeme Sicht entgegen.











