Ob er enttäuscht sei, wurde Felix Semmelroth vor ziemlich genau zehn Jahren gefragt, nachdem er von seiner Partei, der CDU, genötigt worden war, sich vor Ablauf der Amtszeit vom Posten des Frankfurter Kulturdezernenten zurückzuziehen; zuvor war in den Koalitionsverhandlungen im Römer ausgekungelt worden, dass das Dezernat an die SPD fallen sollte. Die Interviewer von der „Frankfurter Neuen Presse“ dürften mit einer der üblichen diplomatischen Antworten gerechnet haben. Sie wurden angenehm überrascht, denn Semmelroth antwortete gänzlich unverblümt: „Tatsächlich empfinde ich eher Zorn.“Die Begründung liest sich heute noch interessant: Zornig sei er, „weil ich es für strategisch kurzsichtig halte, dass die CDU die beiden gestaltungsmächtigsten und öffentlichkeitswirksamsten Dezernate – Kultur und Planung – aufgegeben hat“. Wie recht Semmelroth mit seiner Analyse hatte, hat die Frankfurter CDU auch ein Jahrzehnt später nicht begriffen. Als Oppositionspartei bei der Kommunalwahl vom März 2026 vom ratlosen Wähler angesichts abgewirtschafteter Mehrheitsparteien im linken Spektrum ohne eigenes Zutun mit einem guten Wahlergebnis belohnt, gibt sich die Frankfurter CDU einmal mehr mit Mauerblümchenressorts zufrieden. Sie hat die Bedeutung des Kulturdezernats nie wirklich begriffen.Souveräner Wechsel in die erste kommunalpolitische ReiheDass Semmelroth 2016 gehen musste, hatte auch damit zu tun, dass er für die CDU ein Fremder geblieben war. Ursprünglich Sozialdemokrat, wechselte er das Parteibuch, als sich ihm 2006 die Möglichkeit eröffnete, Kulturdezernent zu werden. Zuvor hatte er das Büro der liberalen CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth geleitet, die in ihrem Umfeld mehr auf Kompetenz und auf Loyalität achtete als auf die Parteifarbe.Semmelroth, ein hochgewachsener, gut aussehender Mann mit leicht gebeugter Haltung, brachte beides mit. Er war genau der richtige Mann, um die Energie der impulsiven und umtriebigen Roth in die richtigen Bahnen zu lenken, wenn das nötig war. Ihr großes Interesse an Kultur hatte er zu fördern gewusst. Das zahlte sich in seinem neuen Amt nun auch für ihn aus, wenn Roth ihren großen politischen Einfluss für Kulturdinge geltend machte.Kluger Ratgeber: Im Jahr 2002 mit der damaligen Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra RothBarbara KlemmGewiss war der politische Farbenwechsel nicht frei von Opportunismus, doch machte der stilkonservative Semmelroth damit nur eine Entfremdung von der Sozialdemokratie offiziell, die sich über einen langen Zeitraum aufgebaut hatte. Überlebter parteipolitischer Treue die Chance auf den Traumjob zu opfern, wäre zu viel verlangt gewesen.Der Mann aus dem Hintergrund, dem Wesen nach eher nachdenklicher Intellektueller, bewältigte den Rollenwechsel in die erste kommunalpolitische Reihe souverän. Zugewandter Gesprächspartner und genauer Beobachter, drängte er sich nicht in den Vordergrund, nahm die vielen repräsentativen Termine, die mit seinem Amt verbunden waren, aber durchaus gern wahr. Es verströmte genau jene Menge an Glanz, die man in Frankfurt goutiert, die sein Vorgänger Hans-Bernhard Nordhoff dem kulturellen Frankfurt aber nicht geben konnte. Semmelroth, dem auch die Bedeutung der Verwaltungsarbeit bewusst war, umwehte dabei ein Hauch von Melancholie, der angenehm mit einem Hang zum hintergründigen Sarkasmus kontrastierte.Der Anglist, mit einem Professorentitel ausgestattet, war im Kulturleben präsent, er brachte echtes Interesse mit, an den Ausstellungen und Produktionen der etablierten Häuser wohl etwas mehr als am Schaffen der Freien Szene, deren Bedeutung für Frankfurt er aber keineswegs unterschätzte. Der gewaltige Kulturetat, den sich die Stadt gönnt, gab ihm die Möglichkeit, vieles zu fördern.In seinem zehnjährigen Wirken als Kulturdezernent gab es mehr Erfolge als Niederlagen. Größere Einschnitte in den Kulturetat konnte er auch in schwierigen Etatjahren abwenden; in seine Ära fielen bedeutende und gelungene Erweiterungen für das Jüdische und das Historische Museum; Oper und Schauspiel erlebten Blütephasen. Sein Sorgenkind war das Museum der Weltkulturen, das Scheitern von Erweiterungsplänen fiel zusammen mit falschen Personalentscheidungen.Das Amt des hessischen Antisemitismusbeauftragten musste Semmelroth 2019 nach nur einem Jahr aus gesundheitlichen Gründen wieder abgeben. Er zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Am 6. August ist Felix Semmelroth im Alter von 76 Jahren gestorben.
Der frühere Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth ist tot
Im Zorn gegangen, konnte er doch zufrieden auf seine zehnjährige Amtszeit als Frankfurter Kulturdezernent zurückblicken. Zum Tod von Felix Semmelroth, der bei Bedarf sarkastisch sein konnte.







