Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick, wirft Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) falsche Akzente bei Rüstungs-Investitionen vor. Der Top-Ökonom fordert die Einsetzung eines zentralen Koordinators für die militärische Beschaffung im Kanzleramt. Er beschäftige sich mit dem Thema, da die Verteidigungsausgaben der am stärksten und schnellsten wachsende Posten im Bundeshaushalt seien.Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Schularick, statt die 700 Milliarden Euro – die bis 2030 für die Modernisierung der Bundeswehr zur Verfügung stünden – gezielt in Waffensysteme der Zukunft zu investieren, gebe Pistorius einen Großteil des Geldes weiter für Panzer, Fregatten und andere veraltete Technologien aus. Das weitgehend kreditfinanzierte Milliardenprogramm, mit dem man bei richtiger Verwendung auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln könnte, drohe deshalb weitgehend zu verpuffen.„Wir haben viel Kapital, viel industrielles Know-how und in Teilbereichen auch immer noch hochmoderne Technologien“, sagte der IfW-Chef mit Blick auf Deutschlands Stärken. „Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten. Das heißt: Statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen müssen wir – wo immer möglich – auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik setzen.“Man wird einen 60-jährigen General kurz vor der Pensionierung nicht mehr davon überzeugen, in die Robotik- und KI-Zukunft zu marschieren.Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW)„Wenn ich einen einzigen Wunsch frei hätte, dann würde ich es wie die Preußen im 19. Jahrhundert machen: alte Garde raus, junge Generation rein!“, sagt Schularick. „Man wird einen 60-jährigen General kurz vor der Pensionierung nicht mehr davon überzeugen, in die Robotik- und KI-Zukunft zu marschieren.“ Schularick fordert zentralen Koordinator für Beschaffung Ein einzelnes und zudem „sehr langsames“ Ministerium ist aus Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers mit der Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie überfordert. Stattdessen sei jemand nötig, „der mit politischer Macht ausgestattet ist, Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenbringt, Friktionen ausräumen kann und alles auf ein Ziel konzentriert“.An der Position sieht Schularik „jemand aus der Wirtschaft (…) jemand, der technologisch auf der Höhe ist, der gut vernetzt ist und weiß, welche Firma was herstellt, wer wie schnell die Produktion hochfahren oder umstellen kann, woher die Rohstoffe kommen“. Er könne sich beispielsweise den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann oder Ex-Airbus-Chef Tom Enders als einen solchen Koordinator im Kanzleramt vorstellen, sagte der Ökonom. „Ein verkopfter Wissenschaftler wäre da fehl am Platz.“ Von den Ukrainern lernen Zudem könne von der Expertise der Ukrainer profitiert werden. „Wir könnten beispielsweise sagen: Wir sind die größten Unterstützer Kiews, dafür möchten wir aber im Gegenzug Anteile an jungen ukrainischen Rüstungsfirmen haben, die gerade mit unserem Geld lernen, wie man die Waffen der Zukunft in großen Stückzahlen preiswert produziert“, sagte Schularik. Aber dafür gebe es im Ministerium keine Abteilung.Aus Sicht Schularicks müssen sowohl die Bundesregierung als auch die Industrie ihre Herangehensweise bei der Rüstungsbeschaffung vollständig umstellen. Es reiche nicht, viel Geld auszugeben und die Bestände der Bundeswehr aufzufüllen. „Vielmehr müssen wir von Beginn an mitdenken, wie die wirtschaftlichen Prozesse aussehen müssen, damit die nötigen Waffensysteme im Fall der Fälle auch wirklich rasch und in ausreichender Menge nachproduziert werden können“, sagte er. „Wir bauen hierzulande traditionell teure Einzelstücke, die möglichst nicht kaputtgehen sollen“, sagte Schularick. „Dabei gibt es mehrere Beispiele aus der Geschichte, die zeigen, was passiert, wenn man im Konfliktfall Waffen und Fahrzeuge nicht rasch auch in großen Zahlen nachproduzieren kann.“ Das hätte man auch im Zweiten Weltkrieg gesehen: „Die Sowjets konnten den T-34 in großen Stückzahlen herstellen. Wenn dann auf dem Schlachtfeld ein Tiger zehn T-34 gegenüberstand, hatte er trotz technologischer Dominanz letztlich keine Chance.“Statt hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in kleiner Stückzahl oder 200 Flugabwehrraketen zu ordern, müsse es also darum gehen, Produktionskapazitäten aufzubauen. „Anders ausgedrückt: Wir bestellen nicht mehr das einzelne Gerät, sondern die ganze Fabrik, die dann im Ernstfall sehr rasch 2000 statt 200 Raketen pro Jahr produzieren kann“, sagte Schularick. Weil sich das Vorhalten einer solchen Fabrik in Friedenszeiten für ein Unternehmen nicht rechne, müsse der Staat eine Prämie dafür zahlen. (Tsp/dpa)
„Alte Garde raus, junge Generation rein“: Top-Ökonom kritisiert Investitionen in veraltete Waffensysteme
Der IfW-Präsident sieht bei der Bundeswehr-Modernisierung falsche Prioritäten. Er plädiert für einen mächtigen Rüstungskoordinator im Kanzleramt.










