Verlockendes Angebot für die AfD? Mit dieser Strategie will das BSW in den sachsen-anhaltischen Landtag einziehenDas BSW wirbt in Sachsen-Anhalt mit einem Ende der Brandmauer gegenüber der AfD. Die Partei bringt sich ausserdem als Mehrheitsbeschafferin in Stellung Diese zeigt sich daran aber nicht interessiert. Stattdessen setzt sie weiterhin auf eine Alleinregierung.10.08.2026, 11.47 Uhr4 LeseminutenBietet der Partei des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund (2. v. l.) eine Zusammenarbeit an: Claudia Wittig, die Co-Spitzenkandidatin des BSW in Sachsen-Anhalt (l.).Christian Schroedter / ImagoBislang spielte das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) in der Politik des ostdeutschen Bundeslands Sachsen-Anhalt keine nennenswerte Rolle. Im Landesparlament ist die 2024 gegründete Partei noch nicht vertreten, und es ist nicht absehbar, ob ihr bei der anstehenden Wahl am 6. September der Einzug gelingt. Momentan trennt sie laut Wahlumfragen nur ein Prozentpunkt von der Fünfprozenthürde, die über den Einzug ins Landesparlament entscheidet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um dieses Ziel zu erreichen, setzt das BSW auf eine neue Strategie. Es signalisiert den Wechselwählern, dass es die AfD nicht mehr mit allen Mitteln von der Macht fernhalten wolle: Eine Brandmauer gegenüber der AfD werde es also nicht geben. Ausserdem bringt sich die Partei bereits als Königsmacherin in Stellung: Dafür spekuliert sie auf den Fall, dass der AfD im Landesparlament mehrere Sitze bis zur absoluten Mehrheit fehlen könnten und sie somit auf das BSW angewiesen wäre. Statt des bisherigen Koalitionsmodells schlägt das BSW wechselnde Mehrheiten im Parlament vor.Der Politikwechsel in Deutschland sei nicht zu erreichen, «indem sich Parteien zum eigenen Machterhalt in Blöcken verbarrikadieren», heisst es in dem Strategiepapier der Spitzenkandidaten Claudia Wittig und Thomas Schulze, das der NZZ vorliegt. Für eine überparteiliche Zusammenarbeit stellt das BSW allerdings Bedingungen, die der AfD kaum gefallen dürften. Zum Beispiel stellt es sich dagegen, dass Grundschulkinder frühzeitig danach «aussortiert» werden, welche weiterführende Schule sie nach der Grundschule besuchen sollen. Das möchte die AfD laut ihrem Wahlprogramm zumindest prüfen.Das Wunschszenario des BSW besteht darin, dass in Sachsen-Anhalt statt des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund ein «überparteilicher» Ministerpräsident gewählt wird. Dieser wiederum soll eine Expertenregierung ernennen. Realistisch ist das nicht. Dennoch sendet die Partei mit ihrem Strategiepapier, über das die auflagenstarke «Bild»-Zeitung zuerst berichtet hatte, ein Signal an alle Wechselwähler aus. Wer taktisch das BSW wähle, so die Botschaft, könne einen grundsätzlichen Wandel in der politischen Kultur des Bundeslands anstossen. Die AfD würde dann zwar eingebunden werden, aber nicht allein regieren.In Sachsen-Anhalt misstraut die AfD dem BSWOb die AfD eine absolute Mehrheit der Sitze im Parlament erhält, entscheidet sich auch an der Frage, ob dem BSW, den Grünen und der SPD der Einzug ins Landesparlament gelingt. Sollten sie daran scheitern, könnte die AfD bereits mit einem Anteil von etwa 40 Prozent der Stimmen eine Alleinregierung aufstellen: Momentan steht die AfD in den Wahlumfragen bei etwa 41 Prozent der möglichen Stimmen. Sollten SPD, Grüne und BSW dagegen einziehen, wäre eine AfD-Alleinregierung unwahrscheinlich. Die AfD dürfte daher das Papier des BSW wohl am ehesten als vergiftetes Angebot auffassen.Aus Sicht des BSW bietet sich eine Kooperation mit der AfD nicht zuletzt deshalb an, weil die beiden Parteien inhaltliche Schnittmengen aufweisen. Sie treten beide für eine strengere Migrationspolitik ein, zudem sprechen sie sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine sowie für die Kürzung des öffentlichrechtlichen Rundfunks aus. Darüber hinaus ähneln sie sich in ihrem populistischen Politikstil: Sowohl die AfD als auch das BSW verstehen sich als erbitterte Gegner der «Altparteien», womit sie die etablierten Parteien meinen.Der Co-Bundesparteichef der AfD, Tino Chrupalla, spricht deshalb nach eigenen Angaben mit BSW-Politikern über die Frage, wie man «Mehrheiten verändern kann». Das sagte er vor einem Jahr anlässlich eines Treffens von BSW- und AfD-Politikern in Thüringen. Und die BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht grenzt sich zwar vom Rechtsextremismus innerhalb der AfD ab, gleichzeitig befürwortet sie aber eine pragmatische Zusammenarbeit in einzelnen Sachfragen.Auf Landesebene ist die Konstellation eine andere. Der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wirft der Wagenknecht-Partei mangelnde «Liebe zum Land» vor, weil sie in Thüringen eine Koalition mit der CDU und der SPD gebildet habe. Tatsächlich gab es im sachsen-anhaltischen BSW scharfe Auseinandersetzungen zur Frage, ob man den Thüringer Weg beschreiten soll oder nicht. Und Hans-Thomas Tillschneider, der Landesparteivizechef der AfD, nannte das BSW gar ein «Täuschungsmanöver der Altparteien». Will heissen: Ein echter Politikwechsel sei mit dem BSW nicht möglich, sondern nur mit einer AfD-Alleinregierung.Die AfD dürfte eher auf CDU-Politiker setzen als auf das BSWHinter den Kulissen soll innerhalb der AfD aber auch von einem anderen möglichen Szenario die Rede sein. Laut einer Recherche des Podcasts «Inside AfD» sollen AfD-Politiker den Austausch mit CDU-Abgeordneten für den Fall suchen, dass die AfD die absolute Mehrheit im Landesparlament verfehlt.So hofften sie darauf, dass der konservative Teil der CDU-Fraktion die von der Landesparteispitze angestrebte Zusammenarbeit mit der Linkspartei missbilligen werde. Inzwischen hat auch der Linkspartei-Co-Vorsitzende Luigi Pantisano bestätigt, dass die Linkspartei dazu bereit sei, eine Minderheitsregierung unter Führung der CDU zu dulden.Offiziell dementiert die sachsen-anhaltische AfD derartige Planspiele. Man wolle entweder allein regieren oder gar nicht, heisst es von der Partei. Falls allerdings tatsächlich Pläne ausgeheckt werden, wie die AfD auf unkonventionelle Weise eine Parlamentsmehrheit zustande bekommen soll, fällt ein Detail ins Auge: Das BSW spielt in diesem Szenario keine Rolle.Entweder könnte dafür ein erhebliches Misstrauen gegenüber der Wagenknecht-Partei ursächlich sein. Oder aber die AfD ist bis anhin nicht davon ausgegangen, dass der Wagenknecht-Partei der Einzug ins Landesparlament gelingen könnte.Passend zum Artikel