Dünn, durchsichtig, sauer: Deutscher Rotwein hatte lange einen schlechten Ruf. Während edelsüße Weine und trockene Rieslinge von der Mosel und aus dem Rheingau seit jeher zur Weltspitze gehören, waren Trollinger und Dornfelder früher als billige Plörre verschrien. Doch das stimmt längst nicht mehr: Klimawandel und neue Anbaumethoden haben deutsche Rotweine deutlich verbessert. Deutscher Pinot Noir könne es „problemlos mit Top-Burgundern aufnehmen, die das Zwei- oder Dreifache kosten“, schwärmt der britische Weinkritiker Stuart Pigott. Die Verkoster des Magazins Decanter zählen manche deutsche Spätburgunder zu den besten der Welt.Trotzdem verkaufen sich importierte Rotweine – Merlot aus Frankreich, Primitivo aus Italien, Tempranillo aus Spanien – in Deutschland besser als einheimische. Etwa drei Viertel des hier konsumierten Weins kommen aus dem Ausland. Viele deutsche Winzer und Genossenschaften bleiben auf Rot- und Roséweinen sitzen. Das liegt auch daran, dass die Nachfrage sinkt. In Deutschland ist der Konsum im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent zurückgegangen – wegen veränderten Trinkverhaltens, höherer Lebenshaltungskosten und des demografischen Wandels.Es gibt derzeit zu viel Wein auf dem Weltmarkt. Dadurch sinken die Preise. Winzer in Rheinhessen, dem größten deutschen Anbaugebiet, bekommen für Fassweine weniger als einen Euro pro Liter vom Zwischenhandel; die Produktionskosten sind oft höher. Rheinhessen hat deshalb bei der EU beantragt, Rot- und Roséwein zu Industriealkohol brennen zu lassen. „Krisendestillation“ lautet der Fachbegriff, wenn Wein zu Putzmittel, Nagellackentferner und Brennspiritus verarbeitet wird.Aus der einstigen Plörre-Rebsorte Trollinger lassen sich auch gute Weine herstellenBetroffen sind 24 Millionen Liter Rosé- und Rotwein aus Rheinhessen und Württemberg. Gut 14 Millionen Euro sollen dafür aus der EU-Agrarreserve bereitstehen. Betriebe sollen 43 Cent pro Liter erhalten, der zu Industriealkohol wird; dazu kommen 16 Cent pro Liter für Transport und Destillation. Auch international renommierte Anbaugebiete trifft die Krise: Französische Winzer haben bis zu 770 Millionen Liter Wein zur Destillation angemeldet.„Vor zehn, 15 Jahren waren kräftige, schwere Rotweine aus Spanien und Italien modern“, sagt Matthias Aldinger, Winzer aus Fellbach bei Stuttgart, „jetzt gibt es eindeutig einen Trend zu leichteren, eleganteren Weinen.“ Mit seinem Bruder Hansjörg bewirtschaftet er 35 Hektar Rebfläche, die Familie blickt auf 500 Jahre Weinbau zurück. Das Weingut produziert Weißweine wie den Riesling „Lämmler“, Weißburgunder „Marienglas“ und regionaltypische Rotweine wie Trollinger, Lemberger und Spätburgunder.„Subventionen helfen vielleicht kurzfristig, generell muss man aber anders an die Sache herangehen“, findet Matthias Aldinger. Statt auf Masse setzt er auf Klasse: „Die Welt verändert sich, da muss man sich eben mit verändern.“ Spitzenweingüter wie Aldinger konzentrieren sich auf die Veredelung hochwertiger Trauben – mit Erfolg. Aus der früheren Fusel-Rebsorte Trollinger haben die Aldingers einen Roséwein kreiert, der 100 Euro pro Flasche kostet, im Barrique ausgebaut wird und als bester Rosé Deutschlands ausgezeichnet wurde. Es wäre ein Frevel, diesen edlen Tropfen zu Putzmittel zu machen.
Deutsche Rotweine: Dornfelder soll zu Nagellackentferner und Putzmittel werden
Winzer aus Rheinhessen und Württemberg bleiben auf Millionen Litern Rot- und Roséwein sitzen. Der Überschuss soll zu Industriealkohol destilliert werden.






