Fünf Stunden Bildschirmzeit am Tag summieren sich bis zum 70. Lebensjahr auf 15 Jahre. Ich lese diesen Satz, wie könnte es anders sein, beim Scrollen durch meinen Instagram-Feed. Eine Freundin hat ihn gepostet. Er klebt auf der Innenseite eines selbstgebastelten roten Papphuts.Anzeige
Ich rechne nach. Die Zahl stimmt. Aber Bildschirmzeit sind ja auch Newsfeeds, E-Mails, Textnachrichten, schießt es mir durch den Kopf. Reflexhaft versuche ich, die Nachricht zu relativieren. Selbst wenn ich optimistisch gerechnet am Ende nur fünf Jahre meines Lebens auf den Handybildschirm starre, fühlt sich jedes Jahr an wie eines zu viel. Verlorene Zeit, die ich bereitwillig in ein System füttere, das mir Influencer-Trends und Abnehmtipps serviert. Was wird von all diesen Jahren hängen bleiben? Nichts als gähnende Leere!
Offlinezeit zelebrieren mit handyfreiem Festival
Julia Kloiber arbeitet als Mitgründerin der feministischen Organisation Superrr Lab an gerechten und inklusiven digitalen Zukünften. Für die gedruckte Ausgabe von Technology Review schreibt sie regelmäßig eine Kolumne. (Foto: Oliver Ajkovic)
Auf dem roten Papphut steht weiter: „Join the Luddite Renaissance: free, public, participatory! Stop feeding your data to the beast and start organizing.“ Meine Freundin ist auf dem Summer of Ludd. Das Ludd steht für Luddite und bezieht sich auf den Widerstand englischer Textilarbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie kämpften gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen durch die industrielle Revolution und organisierten sogenannte „Maschinenstürme“, bei denen gezielt Webmaschinen zerstört wurden. Die Luddite-Bewegung gab es über ein Jahrzehnt. Sie war nicht gegen technischen Fortschritt. Viele ihrer Mitglieder waren Handwerker und setzten selbst Technologie ein. Die Luddites kritisierten die sozialen Folgen unregulierter Industrialisierung. Die Maschinen zerstörten sie erst, als ihre Existenzgrundlage bedroht war und vielen der Hunger drohte.Anzeige






