Ich hatte noch nie im Leben durch Tiktok gescrollt. Ehrlich. Auch nicht durch Instagram. Kein Snapchat, kein Netflix, keine Computerspiele. Nicht aus Prinzip oder Technophobie – Whatsapp und Youtube reichen mir. Wie kamen bloß wieder fast vier Stunden Bildschirmzeit zusammen? Ein mulmiges Gefühl. Womit der Tag eigentlich vergangen war, ließ sich kaum noch sagen. Vermutlich wegen der vielen kleinen, schnellen Blicke auf den Bildschirm. Dabei kam das Handy erst in der Abiturzeit in mein Leben, ich glaubte mich eigentlich immun gegen übermäßigen Konsum. Von wegen!Man hört gerade jetzt viel von Jugendlichen und Social-Media-Verboten. Über Universitäten hört man etwas weniger. Doch niemand wirft sein Smartphone nach der Schule weg wie einen Stapel alter Englisch-Arbeitsblätter. Auf dem Campus ändert sich vielleicht bloß der Instagram-Feed – und der Klassenlehrer kann das Handy nicht mehr wegnehmen.Das konnte ich mir nicht verzeihen„Ich habe ja nur ein paar Videos geschaut und mit Leuten geschrieben“, klagte einmal ein ehemaliger Kommilitone aus der Sinologie, „und nun sind wieder fünf Stunden drin.“ Als ich gestand, dass mir immer wieder Ähnliches passiert, war er sehr verwundert: „Aber du hast ja nicht mal Instagram!“ Stimmt. Doch die typischen Zeitfresser sind mir nicht fremd: Videos, gar nicht schlecht, aber nicht wirklich nötig; Zeitungsmeldungen, bei denen man sich nachher fragt, warum man das wissen musste. Warum greift man – bei vollem Bewusstsein, dass man dort nichts verloren hat – überhaupt zum Handy?Mir gefielen der Tropenwald, als Hintergrundbild, und die App-Icons in Holzoptik, extra dafür heruntergeladen. Das Smartphone wurde nach und nach zu einem fast ästhetischen Erlebnis. Was auch immer dem Gerät etwas Seele verlieh, war gut. Dachte ich. Doch die Bildschirmzeit sagte etwas anderes: Sie stieg, und es war keine gut verwendete Zeit. Hand aufs Herz, es ist doch einfach peinlich. Wie kann der Verstand – und zwar einer, der beim Studium nie große Probleme mit Disziplin hatte – vor dem Handy so freudig kapitulieren? Oder doch eher vor den Icons in Holzoptik? Es wurde langsam eine Sache des Selbstwertgefühls: Ziellos am Gerät zu kleben, das konnte ich mir nicht verzeihen, und sei es nur eine halbe Stunde.Ich schlug zurück. Mit Screen-Time-Zähler, mit PIN-Codes, mit Limits, die sofort wieder nachgetrimmt wurden; ich schaltete das Handy ganz aus und dann wieder ein. Es half nichts. Meist spielt es nicht mal eine Rolle, was genau man auf dem Gerät macht: Hauptsache, einmal durch die schönen Homescreens gestrichen und den spiegelglatten Bildschirm unter dem Finger gespürt. Schmeichelnd wie diese Fidget-Spinner, die vor Corona populär waren. Das Glatte, das Angenehme, das Einfache. Will man nicht instinktiv danach greifen? Bei der Schreibmaschine passierte es mir nie: Sie ist nicht user-friendly, ergonomisch und intuitiv. Selbst das Laptop zwingt mich nicht zur reflexartigen Benutzung. Aber das Smartphone zu entsperren, tut nicht weh, kostet keinen Aufwand und leistet keinen Widerstand, wenn man trotz allen guten Vorsätzen schon wieder danach greift.Es sollte wieder ein Werkzeug werdenAlso kam der nächste Schritt: Alle erdenklichen „Notifications“ ausschalten. Ein Affront gegen die „Verpasse nichts“-Mentalität. Es darf doch nicht sein, dass wir die Evolution ausgesessen haben, vor der kleinen knallroten „+1“ bei Nachrichten aber scheitern. Sind alle Benachrichtigungen aus, erwarte ich auch keine. Das Problem: Wie bei so vielen populären Digital-Wellbeing-Tipps braucht es trotzdem den Willen, eben nicht nachzuschauen. Kommt man nach einem langen Tag zu müde heim, ist das Handy schon in der Hand, ohne dass man weiß, wozu.Aber was genau überlistet den Willen, und zwar jedes Mal? Wirklich der Tropenwald? Vielleicht war es auch das: Mein Smartphone gefiel mir. In seiner Ästhetik, seiner Haptik, seiner persönlichen Gestaltung. Warum auch nicht? Kein anderes Objekt klebte in allen erdenklichen Lebenslagen der letzten Jahre so treu an meiner Seite. Dazu ist es je nach Nutzung eine kleine, heile, stets verfügbare Welt, in die leider auch ich zu viel Seele investiert habe. Man muss dem Gerät ja keine Kulleraugen aufkleben. Es geschieht deutlich diskreter: Mit jedem Hintergrundbild, jedem Urlaubsfoto in der Galerie und jeder vertrauten Bewegung über den angenehm glatten Bildschirm wird das Smartphone zum persönlichen Begleiter durchs Leben.Ich zerstörte diesen Schein. Der Tropenwald wurde abgeholzt, als Hintergrundbild kam eine Füllfarbe – dieses modische Anthrazit, das höchstens für Straßenbelag gut ist. Die Gestaltung ging auf Fabrikeinstellungen zurück, dicke und grelle Samsung-Icons. Es sollte wieder ein Werkzeug werden, kein treuer Begleiter. Ungemütlich und fremd. In meinem Studienfach Ethnologie gehört es zum Handwerk, das Vertraute künstlich fremd zu machen, um neue Perspektiven zu erhalten. Funktioniert das auch gegen reflexartigen Handykonsum?Ob allein die Verfremdung den Unterschied gemacht hat, lässt sich nicht beweisen. Doch seit zwei Monaten übersteigt die Bildschirmzeit selten ein bis zwei Stunden pro Tag: für Sprachlern-App, Musik und – leider immer wieder Platz eins – DB Navigator. Ein vorläufiger Erfolg. Aber insgesamt doch eher ein Schlag gegen das Ego. Denn im Kampf gegen mich selbst musste ich widerwillig zugeben, dass eben nicht alles willentlich kontrolliert werden kann. Egal, wie diszipliniert der Geist ist, egal, wie immun man sich glaubt – ich musste den eigenen Verstand überlisten. Mal schauen, wie lange er mitmacht.