Sie betreuen Enkel, pflegen ihre Freiheit, mischen sich politisch ein und verändern nebenbei unser Bild vom Alter: So viel Oma wie heute war noch nie – zwischen Spielplatz und „Omas gegen Rechts“, zwischen Einmischen in die Erziehung und Zurückhaltung.Ein sonniger Mittag auf dem Spielplatz. Auf den Bänken um die Spielgeräte sitzen erst wenige, es sind fast ausschließlich Frauen. Plötzlich ein Schrei vom Klettergerüst: „Oma!“ Zwei Frauen schrecken hoch und flitzen über die Sandfläche, die eine barfuß in abgeschnittenen Jeans, die andere in einer neongelben Lederjacke. Am Klettergerüst Entwarnung, ihre jeweiligen Enkel sind okay. Die Frauen schauen sich an und lachen. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie schon Oma sind“, sagt die Barfüßige auf dem Rückweg zu den Bänken. „Sie sehen gar nicht so aus.“ Die Lederjacke antwortet: „Sie aber auch nicht.“Ein 70. Geburtstag, Familie, Freunde, Wegbegleiter – die Jubilarin hält eine Ansprache. Und begrüßt auch den jungen Toni. „Das ist ja das Tollste, ich habe keine Kinder gehabt und trotzdem einen Enkel!“ Weil Tonis Mutter alleinerziehend ist und seine Großeltern weit weg wohnen, hat sie sich um ihn gekümmert, ihn von der Kita abgeholt, mit ihm Fußball geschaut und zu Michael Jackson getanzt. „Sonst wäre er ja ohne Oma aufgewachsen.“Eine Kundgebung gegen Ausgrenzung. In einem Pulk älterer Frauen steht ein einzelner Mann und hält ein Protestplakat hoch, ein Stück Pappe mit blauer Schrift: „Opa auch.“ Das ist aber nur die Rückseite. Auf der Vorderseite steht, groß in Rot: „Omas gegen Rechts“. Das Netzwerk gilt als Deutschlands größte Frauenbewegung. Rund 50.000 Anhängerinnen. Enkel zu haben, ist kein Muss.Lesen Sie auchDrei Oma-Begegnungen und lauter offene Fragen. Omas sehen nicht mehr wie Omas aus. Aber warum glauben wir überhaupt, dass Omas ein bestimmtes Aussehen haben sollten? Eine Oma definiert sich durch Enkelkinder. Doch gilt das noch, wenn man gar nicht Mutter sein muss, um Oma zu werden? Ist das freigewählte Omasein vielleicht die Trumpfkarte, die im Alter alles andere aussticht – selbst wenn man Kinder vorher nie vermisst hat? War nicht „Oma“ bis vor Kurzem noch für viele Frauen eine hochambivalente Angelegenheit? Als Status wunderbar, aber als Rufname nah an der Beleidigung? Warum schließen sich dann immer mehr Frauen den politischen Oma-Netzwerken an, selbst wenn sie gar keine echten Omas sind?Bei „Oma“ ist allerhand in Bewegung geraten. Was eine Oma ausmacht, das ist nicht mehr so einfach zu sagen. Allerdings war auch schon bei den Großmüttern früher nicht alles so, wie wir es heute gern glauben. Oma – das scheint nichts Festgeschriebenes, sondern eine Lebenslage in Entwicklung. Eins aber ist sicher: So viel Oma wie heute war noch nie.Allein von der Menge her: Fast die Hälfte der Deutschen im Alter von 46 bis 90 Jahren, etwa 20 Millionen, hat laut dem Deutschen Zentrum für Altersfragen mindestens ein Enkelkind. Der Durchschnitt liegt bei drei Enkelkindern. Großmütter stellen von diesen 20 Millionen mehr als die Hälfte, schließlich leben Frauen länger als Männer. Und das sind nur die „biologischen“ Großeltern. Rund 13 Prozent der Kinder leben in Patchworkfamilien, die bekommen noch zusätzliche Großeltern.Lesen Sie auchDa kann es schon mal eng werden rund um das Babybettchen: „Noch nie kamen so viele Großeltern auf so wenige Enkelkinder wie heute“, heißt es in der 2018 erstellten Studie des Deutschen Jugendinstituts zur Großeltern-Enkelkind-Beziehung. 39 Prozent der Kinder im letzten Kindergartenjahr haben durchschnittlich vier oder mehr (leibliche und soziale) Großeltern. Oma und Opa sind für diese Enkel nicht mehr – wie jahrhundertelang üblich – nur eine blasse Kindheitserinnerung. Durchschnittlich 26 Jahre werden ihre Großeltern sie begleiten. Die gemeinsame Lebensdauer mit den Großmüttern ist noch höher, nicht wenige können ihre Urenkel auf den Armen wiegen.Lesen Sie auchGroßeltern erhalten also einen größeren Stellenwert in den Lebensgeschichten ihrer Nachfahren. Das hinterlässt auch literarische Spuren, vor allem der Oma wird eine zentrale Rolle zugedacht. Da ist die Großmutter Selma, die manchmal von Okapis träumt, in Mariana Lekys Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“. Da ist Joachim Meyerhoffs Diva-Großmutter, die jeden Nachmittag um sechs zum Whisky rief. Saša Stanišić fand in seinen jugoslawischen Omas „eine Quelle der Magie“. Und J.D. Vance wäre, wie er in seiner Autobiografie „Hillbilly-Elegie“ erzählt, ohne seine resolute Großmutter, die in ihrer Wut auch mal zur Flinte griff, wohl kaum amerikanischer Vizepräsident geworden.Die Frauen, die derzeit Großmütter werden, dürften vermutlich auch Geschichte schreiben. Denn diese Omas entstammen einer ungewöhnlichen Generation: den Baby-Boomern. Als Kinder des Wirtschaftswunders sind die zwischen Mitte der 1950er- und Ende der 1960er-Jahre Geborenen ihr Leben lang Gedränge gewohnt. Übervolle Schulklassen, scharfer Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, und natürlich sind sie auch als Rentner besonders zahlreich. Von klein auf mussten die Boomer lernen, sich durchzusetzen. Ihr Glück: Sie wuchsen in einer Zeit auf, die ihnen ein nie gekanntes Maß an Frieden, Wohlstand und Entwicklungsspielraum gewährte. Weshalb sie persönliche Freiheit und Selbstbestimmung für unverzichtbare Rechte halten.Diese generationstypischen Erfahrungen prägen die Großelternschaft auf ganz neue Weise, primär die der Frauen. Sie stellen die erste Großmüttergeneration, die mehrheitlich berufstätig war (und zum Teil noch ist). Keine Frauengeneration hat so viele Emanzipationsansprüche gestellt und durchgesetzt wie die der Boomer. Nie zuvor konnten sich Frauen erlauben, genauso stark auf Selbstverwirklichung zu beharren wie Männer. Lebenserfahrungen, die nun eine neue Art des Omaseins hervorbringen.Natürlich kümmern sich Großmütter nach wie vor um ihre Enkel. Doch sie tun das mit beachtlicher Bewegungsfreude. Man findet sie nicht nur vor Kitas und auf Spielplätzen, sondern auch auf Elektrorollern und Lastenrädern, beim Wetttauchen und Schlittschuhfahren, auf der Achterbahn und im Fußballtor. Sie können Harry Potters Zaubersprüche auswendig, fuchsen sich in die bizarren Welten von Peppa Wutz und Pokémon rein. Und jede, die einen vierjährigen Enkel hat, weiß natürlich, dass Superman fliegen kann, während Batman nur gleitet. Diese Omas sind ganz anders als die Großmütter, die sie selbst hatten.Die E-Bike-Großmütter von heute sind nicht nur für Enkel interessant. Dank ihrer ökonomischen Unabhängigkeit sind sie eine umkämpfte Konsumentengruppe. Die Werbung ist voll mit alten Damen: die Reizdarm-Oma, die Lauf-Veteranin, die Silver-Ager-Kreuzfahrerin und die „Da ruf ich jetzt mal an“-Seniorin, die sich endlich traut, mit einem Luxus-Altersheim Kontakt aufzunehmen. Schließlich sind da noch die demonstrierenden Omas auf den Straßen, die Omas gegen Rechts und die Omas for Future.Sie sind laut und viele, sie leben lang und davon etliche Jahre mit großer Unternehmungslust. Nicht wenige von ihnen bekommen öfter mal zu hören, dass sie „gar nicht aussehen wie eine richtige Oma“.Lesen Sie auch„Oma“ klingt halt alt. Und alt ist schlecht. Negative Bilder vom Alter sind zäh, sagt Verena Klusmann, Gesundheitspsychologin und Altersforscherin an der Hochschule Furtwangen. Diese negativen Bilder, so hat sie in ihren Untersuchungen festgestellt, werden erstaunlich früh übernommen. Wenn Kinder alte Menschen zeichnen sollen, zeichnen sie gebeugte Figuren mit Krückstock. „Aber wenn man sie nach ihren Großeltern fragt, sagen sie sofort: Nein, die sind ganz anders, die sind toll.“Nicht nur die Jungen haben solche Altersbilder im Kopf. Kürzlich am Nachbartisch in einem Café: Ein älteres Paar beugt sich über eine Programmvorschau, sie schlägt eine Theateraufführung vor, er schüttelt den Kopf: „Bloß nicht, das ist was für alte Omas.“ Sie legt die Vorschau nieder und schaut ihn streng an: „Fritz, ich bitte dich. Ich bin 66, du gehst auf die 75 zu. Wir sind doch selbst alte Omas.“ Darauf er, leicht betreten: „Aber nicht innerlich.“Niemand will eine „alte Oma“ sein. Alte Oma ist der Inbegriff von Beschränktheit, körperlich und geistig. Das Alter hat sie gekrümmt, ihren Verstand geschwächt, sie zur bemitleidenswerten Gestalt gemacht – oder zur Groteske. „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“: Zu den Alte-Oma-Zuschreibungen gehört auch die Figur der übergeschnappten Alten. Frauenfeindlich und altersdiskriminierend, doch eine bei Film und Bühne beliebte Traditionsrolle, die Heiterkeitserfolge garantiert. Same procedure as every year, James.Wie anders dagegen das öffentliche Image der Familien-Oma. „Was Oma noch wusste“ gilt etwa in der Ratgeber-Literatur als Goldstandard zur Bewältigung der Haushaltstücken. Nichts schmeckt so köstlich wie Omas Pflaumenkuchen, Linsensuppe, Sonntagsbraten. Nirgendwo ist es so gemütlich wie auf Omas Sofa. Oma mag gebrechlich sein, aber ihre Seele glänzt, sie ist liebevoll, gütig, weise.„As a queen and as a grandmother“ – als Königin und Großmutter wandte sich Elizabeth II. 1997 nach dem Unfalltod Prinzessin Dianas an ihr Volk. Die Queen war ob ihres langen Schweigens zum unglücklichen Ende Dianas in die Kritik geraten, galt gar als herzlos. Ihre ungewöhnliche Rede als „Grandmother“ sollte ihre Untertanen dazu bringen, die königliche Zurückhaltung nicht länger als emotionale Kälte zu deuten, sondern als schützende Fürsorge für die Kinder der Verunglückten. Der Enkeltrick funktionierte.„Alte Oma“ ist ein vernichtendes Etikett, „Oma“ dagegen ein Qualitätsausweis. Ob Kochbuch oder Königin: Mit „Oma“ lässt sich punkten, der Omabezug adelt jede Haltung, jedes Produkt, und das gilt immer und überall auf der Welt, eine Oma hat schließlich jeder.Was verschafft Großmüttern ihre Existenzberechtigung? Doch so naturgegeben, wie das klingt, ist es nicht. Im Tierreich spielen Großmütter kaum eine Rolle, bei den meisten Arten gibt es sie gar nicht. Wer nicht mehr gebärfähig ist, scheidet aus, das sind die Spielregeln der Evolution. Nur bei wenigen Säugetieren wie dem Kurzflossen-Grindwal oder manchen afrikanischen Elefanten werden alte Damen geschätzt. Weil sie dort eine wichtige Funktion haben: Sie helfen ihren Töchtern, die Kleinen aufzuziehen. Indem sie dazu beitragen, den Bestand der Sippe zu schützen, sichern sie ihr eigenes Überleben.Care-Arbeit als Existenzberechtigung der Großmutter? Bei den Menschen ist das nicht so klar. Großelternschaft ist eine recht junge Errungenschaft, die Menschheit ist viele Jahrhunderte ohne Opa und Oma ausgekommen. Die soziale Rolle der Großeltern, so wie wir sie kennen, begann erst vor 250 Jahren populär zu werden: Großelternschaft ist eine Erfindung des bürgerlichen Zeitalters. Noch im 18. Jahrhundert, schreibt der Großelternforscher Erhard Chvojka, sah man in Großeltern oft „armselige Jammergestalten, die endgültig abzutreten haben, wenn neues Leben auf die Welt kommt“. Alte Frauen galten als hässliche Belastung und gern als bösartig, gemäß dem Sprichwort: „Wo der Teufel nicht hinkommt, schickt er eine alte Frau.“ Der Glaube an Hexen war verbreiteter als die Liebe zur Großmutter.Ihre Enkel sahen die alten Menschen von damals eher selten. Drei-Generationen-Häuser waren nicht üblich. Vor allem war die gemeinsame Lebenszeit mit den Kindeskindern sehr kurz. Um 1800 wurden nur zwölf Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre. Erst die Industrialisierung und die Durchsetzung bürgerlicher Familienvorstellungen schufen die Bedingungen für die uns heute so vertraute Großelternschaft: Durch technische und medizinische Fortschritte stieg die Lebenserwartung. In der Mittel- und Oberschicht konnte das Alter als Ruhestand erlebt werden. Die Familie wurde zum intimen Schutzraum, in dem Erziehung und Bildung, liebevolle Fürsorge und hochemotional besetzte Bindungen die entscheidende Rolle spielten. Ein Familienideal von inniger Verbundenheit und harmonischem Miteinander entstand, und als Hüterin dieser Werte galt nun die Großmutter. Mit milder Güte sorgte sie dafür, dass sich alle vertrugen, die Hausfrau Entlastung fand, die Kinder genügend Herzenswärme erfuhren und die Familiengeschichte nicht in Vergessenheit geriet.Oma so lieb, Oma so nett,