Herr Ragnitz, Sie haben im Jahr 2018 in einem Interview mit der F.A.Z. gesagt, manche Dörfer in Ostdeutschland sollte man besser schließen. Würden Sie das heute immer noch so sagen?Man muss unterscheiden: Auf der einen Seite gibt es die ökonomische Sichtweise, in der es um die Effizienz der Infrastruktur geht. Wie viel kostet sie, wie stark wird sie genutzt? Da spricht einiges dafür, dass man manche Siedlungen vielleicht aufgeben sollte. Aber mir ist auch klar: Politisch ist das nicht vorstellbar. Die Menschen sind vor Ort verwurzelt, wollen nicht umziehen. Man muss akzeptieren, dass es eine Art Recht auf Heimat gibt.Sie sagen, es gibt ein Recht auf Heimat. Aber gibt es auch ein Recht auf Infrastruktur – auf fahrende Busse, die Arztpraxis, die Kita vor Ort?Nein, genau das eben nicht. Es ist nun mal nicht sinnvoll, drei Kilometer Glasfaser für drei Häuser zu verlegen. Deswegen hat man in Deutschland ein System zentraler Orte entwickelt: Grundzentren mit Einkaufsmöglichkeiten, Grundschule, Kita; Mittelzentren mit weiterführenden Schulen; Oberzentren mit Opernhaus und ICE-Anschluss. Mit diesem System hat die Politik dem Grundsatz der Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen ausreichend Rechnung getragen.Sie arbeiten in Dresden, leben aber in Bitterfeld, einer stark geschrumpften Stadt in Sachsen-Anhalt. Wie erleben Sie die Stimmung dort?Bitterfeld ist immerhin eine kleinere Stadt, wir haben Schulen und Einkaufsmöglichkeiten. Aber sobald Sie ins Umland fahren, gibt es Siedlungen mit nur zehn Häusern. Da fühlen sich die Menschen tatsächlich abgehängt. Wenn man dort argumentiert, es bringt nichts, den Bus fahren zu lassen, weil kaum einer mitfährt, lautet die Antwort: Früher fuhr er doch auch. Aber wenn die öffentlichen Einnahmen es nicht mehr hergeben, geht es eben nicht. In Bitterfeld selbst ist der Frust da, weil die Innenstadt in einem desolaten Zustand ist und weil man häufig das Gefühl hat, die Politik in Magdeburg oder Berlin kümmert sich nicht um die Belange der Menschen vor Ort. Das ist mehr ein diffuses Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein.Wäre der Frust geringer, wenn das Wirtschaftswachstum höher wäre oder wenn mehr Junge vor Ort wären?Wahrscheinlich nicht. Letztlich sehen wir dieses Wechselspiel aus schrumpfender Bevölkerung, schrumpfender Infrastruktur und schrumpfender Zufriedenheit seit 20 Jahren. Das hat sich inzwischen stark verhärtet. Aber mehr Wirtschaftswachstum würde natürlich dazu führen, dass es mehr Steuereinnahmen gäbe. Das würde auf jeden Fall helfen, mehr Geld in die Fläche zu bringen. Aber man kann nicht erwarten, dass sich kurzfristig etwas verändern wird.Joachim RagnitzPatrick WelterDiese Annahme, dass mit einer besseren Infrastruktur die Zustimmungswerte für die AfD nicht so hoch wären – halten Sie das wirklich für realistisch?Ich glaube, wir machen uns da etwas vor. Die Vorstellung davon, was Daseinsvorsorge ausmacht, hat sich in den vergangenen 25 Jahren ziemlich geändert. Früher brauchte man Geschäfte in der Nähe. Heute bestellt man sich die Sachen über Amazon. Die Menschen vor Ort sind doch erfinderisch. Wenn es keine Kneipe mehr gibt, bauen sie ein Zelt auf und treffen sich dort mit ihren Nachbarn. Das ist aber noch nicht so angekommen in den Köpfen von Verwaltung und Politik.Um die wirtschaftlichen Folgen des Kohleausstiegs abzufedern, haben frühere Bundesregierungen 40 Milliarden Euro an Strukturhilfen bereitgestellt. Wo wird das Geld Ihrer Beobachtung nach gut eingesetzt, wo nicht?Vorneweg: Diese Summe fließt nicht ausschließlich nach Ostdeutschland, sondern auch in die westdeutschen Reviere. Und sie verteilt sich auf rund 20 Jahre. Es ist also nicht so, dass hier plötzlich ein Geldregen niederginge. Sachsen lässt vor allem die Kommunen entscheiden, was sie mit dem Geld machen – die bauen dann Kitas, Straßenbahnen oder den Zoo aus. Das befriedet die kommunalen Vertreter, bringt aber die Wirtschaft nicht voran. Brandenburg zentralisiert stärker, dort geht das Geld gezielt in größere Städte, etwa in Cottbus in die Uniklinik oder die Universität. Mit Blick auf wirtschaftliche Impulse finde ich das Brandenburger Modell besser.Nach der Landtagswahl Anfang September könnte in Sachsen-Anhalt ein AfD-Ministerpräsident regieren. Was wären die ökonomischen Folgen?Die Folgen für die praktische Politik werden typischerweise überschätzt, da würde sich nicht so viel ändern. Die AfD würde feststellen, dass ihre Wahlkampfversprechen entweder nicht in die Zuständigkeit des Landes fallen oder schlichtweg das Geld fehlt. Aber der Imageschaden wäre gewaltig. Ausländische Arbeitskräfte und Studenten würden sich nicht mehr willkommen fühlen. Und wenn die Arbeitskräfte fehlen, bleiben auch Investoren und Unternehmen fern.Die AfD wirbt unter anderem damit, dass sie wieder günstiges Gas aus Russland beziehen will. Wie blicken Sie darauf?Das ist purer Populismus. Die Sanktionen gegen Russland sind eine EU-Entscheidung. Da kann sich kein Ministerpräsident hinstellen und sagen, wir wollen Nord Stream 2 wieder aufbauen. Das ist Realitätsverleugnung. Und ab dem Jahr 2045 steht die Dekarbonisierung vor der Tür – da können wir das mit dem Gas vergessen.Wir reden viel über die negativen Folgen einer schrumpfenden Bevölkerung in Ostdeutschland. Gibt es auch positive Aspekte? Zwingt sie Unternehmen zu mehr Einfallsreichtum?Eine rückläufige Einwohnerzahl ist aus ökonomischer Sicht immer ein Problem, weil weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung lässt sich die Produktivität erhöhen, aber da können wir noch besser werden. Man darf jedoch auch nicht vergessen: Ostdeutschland besteht nicht nur aus schrumpfenden Regionen. Wir haben dynamische Zentren wie Jena, Dresden, Leipzig und das Berliner Umland. Dort boomt es. Es ist also tatsächlich nicht alles so schlecht, wie es scheint.
Infrastruktur in Ostdeutschland: Bremst sie die AfD?
Viele Menschen in Ostdeutschland hätten das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, sagt der Ökonom Joachim Ragnitz vom Dresdner Ifo-Institut. Wer glaube, mit besserer Infrastruktur die AfD zu bremsen, mache sich etwas vor.









