Bei SRF siezen sich die Journalisten vor der Kamera. Ist das künstlich oder professionell?Dass sich Mitarbeiter in Informationssendungen Sie sagen, kann man aufgesetzt und überholt finden. In der penetranten Duzis-Kultur hebt man sich damit zumindest ab.10.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Wie erleben Sie die Stimmung vor Ort?», fragt der «Tagesschau»-Moderator Florian Inhauser öfter seine Korrespondenten-Kollegen.Oscar Alessio / SRFWährend das Schweizer Fernsehen grösstmögliche Nähe zu seinem Publikum herstellen will, gehen die Mitarbeiter auf Distanz zueinander. Das fällt besonders in den Informationssendungen wie der «Tagesschau» und «10 vor 10» auf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Moderator schaltet zu einem Korrespondenten und spricht ihn mit Sie an. «Wie erleben Sie die Stimmung vor Ort?», fragt er den Zugeschalteten. «Vielen Dank für Ihre Einschätzungen», sagt er zum Abschied.Mancher Zuschauer dürfte sich fragen, ob die Leute bei SRF wirklich ein so formelles Verhältnis pflegen. In dem Medienhaus hat sich offenbar noch nicht durchgesetzt, was von den Startups ausging und heute sogar in den stark hierarchischen Spitälern üblich ist: Man sagt sich Du, ob man der CEO ist oder der Praktikant.Kollegiales Du unter JournalistenNatürlich ist der Umgangston in der Kantine oder im Newsroom auch in Leutschenbach lockerer. Journalisten duzen sich, sie tun es auch dann, wenn sie für die Konkurrenz arbeiten. Man sitzt an Medienkonferenzen nebeneinander, teilt ein Berufsethos.Spricht sich der Moderator vor der Sendung mit dem Korrespondenten ab, wird es also auch viel kumpelhafter tönen. Vielleicht plaudern sie und witzeln. Man hat ja nicht immer einen so direkten Draht zu Washington, Buenos Aires oder Rom.Doch sobald die Kamera an ist, wird mit der geografischen auch die zwischenmenschliche Entfernung betont. Sogar wenn der internationale Korrespondent Sebastian Ramspeck im Studio befragt wird, wie es bei «10 vor 10» öfters vorkommt, wird er vom Moderator gesiezt.Die entlarvenden VersprecherNun verraten die Journalisten immer wieder selbst, dass sie nur so tun, als seien sie per Sie. Dann nämlich, wenn sie spontan ins Duzen verfallen.In Erinnerung bleibt die Live-Schaltung Anfang Jahr zum Korrespondenten Roger Aebli in den USA, der bei einem Bericht über den amerikanischen Angriff auf Venezuela die Worte nicht mehr fand. Aebli habe einen Migräneanfall erlitten, teilte SRF danach mit.Aebli realisierte nicht, dass er live auf Sendung war, und sagte an den Moderator Florian Inhauser gerichtet, der im «Tagesschau»-Studio stand: «Flo, ich bin kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Ich hab keine Minute . . . Ich hab’s dir geschrieben.»Auch in weniger dramatischen Situationen entwischt den Leuten manchmal ein Du. Das konnte man kürzlich beim Schweizer Radio hören. Der SRF-Moderator David Karasek war für die Sendung «Tagesgespräch» mit dem EU-Korrespondenten Charles Liebherr in Brüssel unterwegs. Man siezt sich. Plötzlich teilt Karasek dem Kollegen eine Beobachtung auf der Strasse mit den Worten mit: «Du wirst es nicht glauben.» Immerhin gehen die beiden Journalisten einfach über den Fauxpas hinweg.Eine «scheinnoble Gespreiztheit»Dieses verirrte Du nahm der Journalist Peter Knechtli kürzlich im Online-Branchenportal «Persönlich» zum Anlass für seine Forderung, mit dem «gestelzten Siezen» aufzuhören. Es sei eine «künstliche Überhöhung», eine «scheinnoble Gespreiztheit» und als solche überholt.Man kann im Siezen und am Festhalten daran tatsächlich eine Maskerade sehen, ein Theater und eine Täuschung des Publikums. Dass es überlebt, erstaunt umso mehr, da sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland die öffentlichrechtlichen Sender in ihren Nachrichtensendungen den formellen Ton bei der Moderation abgelegt haben.Eine allzu abgehobene Sprache schreckt die Leute vor dem Bildschirm ab, glaubt man. Sie sollen «auf Augenhöhe» abgeholt werden, nur so bindet man das Publikum. Die Sendung «Meteo» auf dem Dach wird auf Schweizerdeutsch gesprochen, «Guten Abend, meine Damen und Herren» wurde durch «Willkommen zur Tagesschau» abgelöst.Zwar werden die Hauptnachrichten bei ARD und ZDF auch in sachlich-formellem Stil gehalten. Zugeschaltete Korrespondenten siezt man, nennt sie aber beim Vornamen. In den Magazinformaten sagt man sich wiederum Du, weil es nahbar und authentisch wirkt. Der Zuschauer fühlt sich in den Kreis aufgenommen.Unangenehme KumpaneiDas Siezen vor Kamera und Mikrofon wirkt wie ein Anachronismus. Aber hat es in der penetranten Duzis-Kultur nicht etwas Wohltuendes? Auch die Gründe dafür leuchten ein: Es verleiht einer Sendung Seriosität genauso wie Anzug und Krawatte oder das Kleid der Moderatorin. Wer sich siezt, betont zudem die journalistische Unabhängigkeit.So erklärt es die Medienstelle von SRF auf Anfrage: Das gegenseitige Siezen in den Informationssendungen sei Ausdruck einer «professionellen und kritischen Distanz». Es verdeutliche, dass die Mitarbeiter «in ihrer professionellen Rolle auftreten und nicht als Privatpersonen miteinander sprechen».Die Zuschauer sollen nicht den Eindruck erhalten, hier berichte eine eingeschworene Redaktion über das Weltgeschehen. Wobei es natürlich mehr braucht als ein Sie, um glaubwürdig und unvoreingenommen herüberzukommen.Es hat etwas Irritierendes, wenn zwei Journalisten plötzlich eine kollegiale Nähe demonstrieren. Das erlebt man jeweils am Ende der «Tagesschau».Der Moderator oder die Moderatorin von «10 vor 10» ist im Studio und kündigt an, worüber in der späteren Sendung berichtet wird. Dann verabschiedet sich der «Tagesschau»-Moderator, das Signet ertönt, und für einen kurzen Moment bleiben die beiden eingeblendet. Sie wenden sich einander zu, reden, lachen und schäkern, ohne dass das Publikum sie hört. Gut, bleibt es unter ihnen.Passend zum Artikel